Ergebnis des türkischen Verfassungsreferendum Erdogan hat den Kampf um die Herzen der Deutschtürken gewonnen

Bild von Said Rezek
Politikwissenschaftler, Referent und freier Journalist

Expertise:

Said Rezek ist freier Journalist und befasst sich insbesondere mit der Integrations- und Migrationspolitik. Der Politikwissenschaftler referiert und schreibt für diverse Medien, u.a. für das MIGAZIN und der WAZ. In Workshops vermittelt er Medienkompetenzen.

Die wahlberechtigten Deutschtürken haben beim Referendum nicht rational, sondern emotional entschieden. Nicht die Inhalte, sondern die Person Erdogan stand im Mittelpunkt. Das Votum ist nur ein Symptom. Die Ursachen liegen tiefer begraben.

In persönlichen Gesprächen mit Deutschtürken war nahezu niemand in der Lage, mich über die Inhalte des Referendums zu informieren. Noch weniger konnten sie die Konsequenzen der Verfassungsänderung beurteilen. Dass der zukünftige türkische Präsident mehr Macht innehat, spielte fast keine Rolle. Stattdessen war immer wieder von hetzenden deutschen Medien und Politikern die Rede. Hinzu kamen individuelle Diskriminierungserfahrungen.

Diese Begegnungen sind natürlich nicht repräsentativ, genauso wenig, wie es im übrigen das Resultat des Referendums ist. Hierzulande haben gerade einmal um die 472.500 von insgesamt 3,5 Mio Deutschtürken mit „Ja“ gestimmt. 1,5 Mio waren wahlberechtigt. Dennoch: Die Gespräche und Stimmungen in sozialen Netzwerken sagen viel über die Wahlmotive aus. Wer hingegen die Ursachen verstehen will, muss den Blick in die Vergangenheit richten.

Die Gastarbeiter wurden auf ihre Arbeitskraft reduziert. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“ Max Frisch prägte diesen Satz 1965. Er spiegelt die Haltung der damaligen Mehrheitsgesellschaft, gegenüber den sogenannten Gastarbeitern wieder. Sie kamen mit ihren Träumen, kulturellen Eigenheiten, Gefühlen und nicht zuletzt mit ihrer Religion, kurzum: mit ihren allzu menschlichen Bedürfnissen. Sie wurden jedoch von weiten Teilen der Bevölkerung auf ihre Arbeitskraft reduziert. Diese Sichtweise hat bis heute ihre Spuren hinterlassen.

In Anlehnung an Max Frisch schrieb Nicolaus Fest, der frühere Vize-Chefredakteur der „Bild am Sonntag“, mittlerweile AfD-Funktionär: „Wir riefen Gastarbeiter, bekamen aber Gesindel.“  Diesen Satz haben Deutschtürken, wenige Tage vor dem Referendum registriert. Was viele hingegen vermisst haben, war ein führender deutscher Politiker, der diesen Satz deutlich verurteilt. Solch eine Geste hätte viele Wähler für Erdogans Nazivergleichrhetorik geradezu immunisiert.

Die deutsche Politik hat sich zu wenig für die Deutschtürken eingesetzt. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Stattdessen überbieten sich nach dem Referendum in der Türkei einige Volksvertreter und Kommentatoren hierzulande. Manche fordern die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft für Deutschtürken, legen ihnen die Ausreise nahe und sprechen ihnen im selben Atemzug die Integrationsleistungen ab. Diese Rhetorik ist fatal und entspricht nicht der Realität.

Auf Seiten der Deutschtürken gibt es freilich noch Luft nach oben. Aber sie haben insgesamt über Generationen hinweg Integrationsfortschritte erzielt. Sowohl sprachlich, den Bildungsgrad betreffend, als auch ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt. Mehr noch: Deutschtürken haben einen wesentlichen Beitrag zum Wirtschaftswunder geleistet und tragen zum gegenwärtigen Wohlstand in der Bundesrepublik bei. Und das trotz schlechter Ausgangsvoraussetzungen. Zum einen aufgrund ihrer tendenziell niedrigen Sozialschichtzugehörigkeit, zum anderen, weil die deutsche Politik das Thema Integration zu lange stiefmütterlich behandelt hat. Es ist Zeit für eine Anerkennung dieser Leistung. Das fördert die Integration. Aber auch damit ist es noch längst nicht getan.

Deutschtürken tragen zum gegenwärtigen Wohl der Bundesrepublik bei - das muss anerkannt werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Als der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff im Jahr 2010 sagte, dass der Islam auch zu Deutschland gehört, war der Widerstand enorm. Eine knappe Mehrheit lehnte diese Aussage seinerzeit ab. Im letzten Jahr widersprachen bereits 60 Prozent. Der Trend ist beunruhigend, angesichts von etwa fünf Millionen muslimischen Mitbürgern.

Solange die Zugehörigkeit des Islams und damit der Muslime, bis in die Mitte der Gesellschaft zur Debatte steht, wird die Desintegration einer gesamten Religionsgemeinschaft gefördert, darunter auch der Deutschtürken. Abenteuerliche Begriffe wie Menschen mit Migrationshintergrund, Zuwanderungsgeschichte oder die Nennung zweier Herkunftsländer wie Deutschtürken, ist für diese Personengruppe nichts anderes als die politisch korrekte Beschreibung von „Ausländer“.  

Solange der Islam nicht zur Gesellschaft gehört, wird die Desintegration der gesamten Religionsgemeinschaft gefördert. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft hat die Deutschtürken besonders empfänglich für Erdogan gemacht. Er hat die Deutschtürken direkt angesprochen, ihnen Stolz aufgrund ihrer Herkunft zugeschrieben und tatsächliche Diskriminierung im deutschen Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt angeprangert. Wenn Deutschland die Herzen der Deutschtürken gewinnen möchte, gelingt dies nur, wenn sie als Deutsche anerkannt werden. Die Reduzierung der Diskussion auf den Doppelpass oder Erdogan löst keine Probleme. Es geht im Kern um etwas Grundsätzliches.

Die Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft hat die Deutschtürken besonders empfänglich für Erdogan gemacht. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es geht um ein neues deutsches Leitbild, welches zeitgemäß ist. Die Einheit in der Vielfalt sollte die Identität Deutschlands im 21. Jahrhundert auszeichnen. Ob  jemand konservativ, traditionell oder eher hedonistisch eingestellt ist, steht jedem frei. Das betrifft auch politische Einstellungen. Sei es links-liberal oder rechts-konservativ. Ob jemand Erdogan und dessen Politik befürwortet, oder eben nicht. Wir können auf Basis der freiheitlich demokratischen Grundordnung alle deutsch sein.

8 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.
  1. von Detlef Wulff
    Vor den Türken gab es Italiener, Spanier, Griechen als Gastarbeiter, später auch Asiaten. Hinzu kamen Russland-Deutsche nach der Wende und Flüchtlinge während des Jugoslawienkonflikt. Natürlich gab es auch hier Probleme bei der Integration, insbesondere beim Erlernen der deutschen Sprache. Und immer wieder gab es auch Fälle von Ablehnung gegenüber Fremden (vgl. Franz Josef Degenhardt, Tonio Schiavo von 1966). Aber eines gab es bei diesen Migranten nicht, den Versuch über die Religion Einfluss auf den Staat zu nehmen. Natürlich hatten diese Gruppen von Zuwanderern auch ihre Religion, diese blieb aber im privaten Bereich angesiedelt. Niemand hatte den Anspruch während der Arbeit seinen "Gebetsteppich" auszurollen, sich darauf hin zu knien und mehrmals am Tag in eine Richtung zu beten. Ähnliche Ansprüche gab es in den Schulen. Das Neutralitätsgebot, ein aus meiner Sicht notwendiges Gesetz soll nun wieder aufgehoben werden, nur um der Muslime willen. Dann werden auch die Scientologen, Zeugen Jehovas und andere Sekten in den Schulen Fuß fassen wollen. Schulgesetze und Verordnungen für Klassenfahrten hat man der Muslime wegen aufgeweicht. Bei Nichtteilnahme von mehr als 10 Prozent der Schüler einer Klasse wurde keine Genehmigung erteilt. Dann hat man die muslimischen Schüler herausgerechnet, denn vor allem türkische Mädchen durften häufig nicht mitfahren, wodurch die 10 Prozent Grenze schnell erreicht war. Für Sport und Schwimmunterricht mussten Ausnahmen konstruiert werden. Und das alles um dem ISLAM genüge zu tun. Daraus ist für mich klar, dass nicht Türken das Problem bei der Integration sind. Es ist die RELIGION, der ISLAM, der mit der WESTLICHEN KULTUR unvereinbar ist, solange er nicht in den privaten Bereich verhaftet bleibt, sondern STAATSRELIGION werden soll.
  2. von Heinz Jansen
    Die Diskussion über die schlechte Integration der Deutschtürken belegt doch nur, dass diese es selbst schuld sind und sich gar nicht integrieren wollen. Spricht jemand von der notwendigen Intergration von Franzosen, Engländern oder Niederländern? Nein, das wäre auch ein Witz, die Frage der Integration von Franzosen, Engländern oder Niederländern stellt sich gar nicht: Sie sind von vornherein integriert, da sie eine vergleichbare, westeuropäische Weltanschauung haben.
  3. von - Wittenzwerg
    Wenn ich diese Abhandlung dieses Herrn Politikwissenschaftlers Rezek lese ist mir klar daß dieser Herr kaum einen Bezug / Kontakt zu dem Großteil der in Deutschland lebenden, arbeitenden Türken hat.

    Das ist meine, aus mehreren Jahrzehnten Erfahrung mit Türkischen Kollegen (Gastarbeitern) in Deutschland.
    Was dann bedeute Er schreibt über Dinge wovon er keine Ahnung hat!
  4. von Zacha Zachowski
    Diesen menschenverachtenden Satz von Herrn Fest, der wohl bisher recht wenig verbreitet wurde, durch große Statements prominenter Politiker überhaupt erst zu Verbreiten wäre wohl eher kontraproduktiv gewesen.

    Ansonsten, die Politik der letzten 40 Jahre ist in Bezug auf die Zuwanderer aus Vorderasien gescheitert. Wärend sie bei fast allen Zuwanderern erfolgreich war. Da ist es doch etwas absonderlich, vorrangig der Politik die Schuld zu geben und diese Zuwanderer zu Opfern zu machen die praktisch gar keine andere Wahl haben - um so mehr als dass es eben auch aus diesem Bereich viele Zuwanderer gibt die sich gut integriert haben!

    Wir müssen unterscheiden zwischen denen, die sich integrieren wollten und dies dann auch konnten und denen, die sich nicht integrierten. Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg. Nur mit dieser klaren Unterscheidung können wir auch die Integrationsverweigerer hinreichend kritisieren ohne die Integrierten mit zu belasten.

    Da dieser Artikel diese Unterscheidung nicht vornimmt, sondern eine ehtnische Opfergruppe ausmachen will, ist er kontraproduktiv - sowohl indem er die Integrationsverweigerer in Schutz nimmt, als auch dass er die Integrierten mit diesen in einen Topf wirft.
  5. von Franz Fuchser
    Das Problem ist ein sich Einrichten von Minderheiten in einer archaisch-patriarchalischen Unterschichtkultur. Richtig machen es türkischstämmige Deutsche wie Cem Özdemir oder Django Asül. Sie brauchen nicht integriert werden. Sie sind durch ihre eigene Leistung und Lebensweise Teile der deutschen Gesellschaft und der deutschen Kultur ohne deswegen ihre türkische Herkunft zu verleugnen. Eltern hingegen, die ihre Kinder nicht richtig deutsch lernen lassen, und nicht dafür sorgen, dass sie gute Schulabschlüsse erwerben, Berufe erlernen und studieren, die Heiraten mit Cousins und Cousinen aus dem kulturell selbst nach urbanen türkischen Maßstäben zurückgebliebenen anatolischen Hinterland arrangieren sowie ein Präsident Erdogan, der Assimilation von Türken in Deutschland als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet und mit seinen türkischsprechenden Imamen und Koranlehrern hintertreibt, verhindern Integration.

    Wir Deutschen werden wohl niemals eine unmodern in unserer Mitte lebende Unterschicht besonders achten. Diese Achtung müssen sich die in Deutschland lebenden Türken durch die Modernisierung (jenseits von Smartphones und schnittigen Autos) ihrer eigenen Kultur und durch eigene berufliche Erfolge erarbeiten, so wie das vor Generationen Deutsche, die vom Land in die Städte zogen oder Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten auch tun mussten. Was Wert hat, muss man sich erarbeiten. Geschenkt wird nur Wertloses, so das billige Lob des Herrn Erdogan für das tapfer in Deutschland gelebte Türkentum. Wer sich darauf einlässt, kann nur verlieren.
  6. von Frank NFurter
    Zum Einen: Ja, es ist überwiegend zutreffend: als die sogenannten Gastarbeiter kamen, war Deutschland gesellschaftlich nicht darauf vorbereitet und die "Freundlichkeit" der Aufnahme ließ zu wünschen übrig, bzw. wäre verbesserungswürdig gewesen.

    Zum Anderen: Nein, denn unter den ersten Gastarbeitern waren auch Spanier, Portugiesen, Griechen, Italiener. Hat aber jemand jemals etwas von spanischen oder portugiesischen Parallelgesellschaften gehört?

    Wenn man genauer hinsieht: mit 8 Jahren in der Grundschule saß eines Tages neben mir ein gleichaltriger kleiner Türke: Mehmed. Mehmed war dann öfter mal bei mir zu Hause und ich bei ihm. Mehmed kam mit seiner Familie aus dem migrationstechnisch "berüchtigten" "tiefsten Anatolien". Gabs Integrationsprobleme? Nein, gab es nicht, Mehmed ist bis heute bestens integriert.

    Das soll verdeutlichen: auch die erste Generation der Türken war trotz wenig sensibler Nachkriegsdeutscher noch ziemlich gut integriert. Erst heute, mit der zweiten oder dritten Generation von "Türkischstämmigen" lassen sich massivere Integrationsprobleme feststellen.

    Nach meiner Beobachtung ist ein Grund eben leider tatsächlich ein "Weltbild", welches durch religiöse Ansichten mit geprägt ist, und beispielsweise kein besonderes Bildungsideal aufweist. "Türkischstämmige" mit einem konservativeren familiären Hintergrund haben deshalb häufiger keinen guten Bildungsabschluss, ergo keine guten Berufsaussichten und schaffen es nicht in unserer Gesellschaft in die besseren und gutbezahlten Positionen. Ihr heutiger Protest und ihre Ablehnung schreiben einige aus meiner Sicht dann allzu leicht den "schlechten Gastgebern" zu, anstatt selbst kritisch zu reflektieren, dass es auch vielleicht an einem mangelnden Bildungsideal liegen könnte?

    Natürlich haben es auch sehr viele "Türkischstämmige" "geschafft". Diese Gruppe sollte man genauer analysieren um bessere Integrationswerkzeuge politisch zu fördern.
  7. von Andreas Schwarzer
    Ich weis nicht recht. Soll denn tatsächlich die deutsche Mehrheitsgesellschaft "schuld" daran sein wenn Türken sich nicht angenommen fühlen? Ja soll ich dafür verantwortlich sein?
    Als ich 1990 Bürger der Bundesrepublik Deutschland wurde hat mich niemand gefragt ob ich das auch will. So war es an mir das Beste aus dem zu machen was man mir ungefragt vorsetzte, das trotz aller bekannten Anfeindungen gegen uns Ossis.
    Grundsätzlich deckt sich meine persönliche Erfahrung mit türkisch-stämmigen Mitbürgern, Nachbarn, Freunde u. Arbeitskollegen, nicht mit dem was hier beschreiben wird.
    In unzähligen Begegnungen und Gesprächen war es nie ein Thema ob jemand Muslim, Türke, Araber, Jude oder sonstwas ist.
    Was den Islam und seine Stellung in Deutschland betrifft, wird er solange nicht Bestandteil des gesamtdeutschen Kulturempfindens sein wie er es insgesamt nicht schafft sich von seiner unbestreitbaren politischen Dimension zu trennen.
    Diese Trennung können allein nur die Muslime in ihren Gemeinden vollziehen und klar und deutlich nach außen hin kommunizieren.
    Es muss endlich aufhören zu glauben, wenn man den politischen Einfluss auf den Islam und umgekehrt kritisiert, man den Islam als Religion an sich ablehnt.

    Wir Deutschen sind in erster Linie Bürger*innen dieses Staates, unser religiöse Zugehörigkeit spielt dabei keine Rolle. So einfach ist das.
  8. von Andreas Rabe
    Sicherlich mag ein Problem sein, dass nach dem Ende der Gastarbeit kein neuer Sozialvertrag geschlossen wurde. Gastarbeit hieß kulturelle Abschirmung der Gastarbeiter auf Zeit und der Import von Arbeitskraft zum Wohl der Wirtschaft. Wer also geblieben ist, der hätte eine neuen Deal bekommen müssen, bzw. die Wirtschaft hätte das mit dem deutschen Volk aushandeln müssen, wer für die sozialen Kosten und Bürden aufkommt.