Die Folgen des  harten Brexit Brexit und Trump könnten zu einer neuen Eurokrise führen

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Volkswirt

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Prof. Dr. Paul JJ Welfens ist Präsident des Europäischen Instituts für internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW) an der Bergischen Universität Wuppertal.

Ein harter Brexit hätte weitreichende Konsequenzen auf die Weltwirtschaft und würde dem UK mehr schaden als nutzen. Auch die EU könnte dadurch auseinanderbrechen. 

Die britische Regierungschefin May hat erklärt, sie wolle den EU-Binnenmarkt verlassen – sie wünsche auch keine Zollunion. Das läuft darauf hinaus, dass Großbritannien gegenüber der EU sektorale Freihandelsabkommen abschließen will – etwa bei Autos, Maschinen. Andere Importe in der EU werden Zöllen unterworfen sein, wobei man seitens der UK-Exporteure die Preise entsprechend senken wird. Weniger Rendite heißt dann verminderte Investitionen. Zugleich werden UK-Importe aus dem großen „Land“ EU durch Zölle verteuert. Dabei werden EU-Exporteure kaum Exportpreise – vor Zollbelastung – absenken; also steigt das britische Preisniveau, das Realeinkommen sinkt.

Für das Vereinigte Königreich macht der Anteil der Exporte in die EU etwa 45% an den Gesamtexporten aus, für Deutschland ist der Anteil der Großbritannien-Exporte an allen Exporten bei etwa 8% bzw. bei etwa 3% des Bruttoinlandsproduktes; und zwar bei Überschussposition Deutschlands. Die Exporte Großbritanniens Richtung USA machen etwa 2,5% des britischen Bruttoinlandsproduktes aus, wobei die Trump-Administration angeboten hat, eine Art transatlantisches Mini-TTIP UK-USA – für mehr Freihandel - abzuschließen: Auf dieser Basis könnte Großbritannien bei einem verschlechterten Zugang zum EU27-Markt in 2019, nach dem EU-Austritt, eine kompensatorische Erhöhung der US-Exporte versuchen. Allerdings, der Anteil der britischen Exporte in die EU macht 12% am UK-Bruttoinlandsprodukt aus. Wenn also die Exporte des Vereinigten Königreiches in die EU nach einem harten Brexit binnen drei Jahren um etwa 10% zurückgehen sollten, dann wird das britische Bruttoinlandsprodukt um 1,2% fallen. Eine stärkere Expansion der britischen US-Exporte kann diesen erheblichen Effekt bei den Gesamtexporten um etwa 1/5 abschwächen.  

Der Einkommensrückgang in der Eurozone wird auch trotz Brexit überschaubar bleiben.

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Wenn die deutschen Exporte Richtung UK, die etwa weniger preisempfindlich als die britischen EU-Exporte sind, binnen drei Jahren nach 2019 um 5% fallen sollten, so sinkt das Realeinkommen in Deutschland um 0,15%. Bei Berücksichtigung der durch den Brexit bedingten Einkommensrückgänge insbesondere in den wichtigen deutschen Handelspartnern Frankreich, Italien, Benelux könnte der Rückgang des Realeinkommens in Deutschland eher bei 0,25% liegen. Demnach ist der Einkommensrückgang in Deutschland – und ähnlich in der Eurozone – bei einem Brexit auf den ersten Blick überschaubar. Der Brexit lässt für UK längerfristig nach 2019 einen Rückgang des britischen Realeinkommens um 6% erwarten, für die EU27-Länder bedeutet das eine Verminderung des realen Bruttoinlandsproduktes um 1%. Die Zahl 6% Einkommensrückgang findet sich als Brexit-Simulationswert im Treasury Report der Cameron-Regierung von 2016, allerdings wurde den britischen Haushalten diese Info in der Regierungs-Referendumsbroschüre vorenthalten; auch die Info, dass der Brexit via Verzicht auf die ausgehandelte Vertiefung des EU-Binnenmarktes einen weiteren Einkommensverlust von 4% bringt, blieb den Wählern unbekannt. Hätten die Wähler 10% Einkommensverlust erwartet, so wäre das Referendum zugunsten eines britischen EU-Verbleibes ausgegangen.

Hätte man den Wählern die Folgen des Brexits richtig erklärt, hätten sie für den Verbleib gestimmt. 

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Es gibt für Großbritannien das weitere Risiko, dass bei einem schlechten EU-Marktzugang nach 2018 Schottland ein neues Austrittsreferendum ansetzt – und das UK verlässt. Die EU27 steht bei einem harten Brexit ebenfalls vor zusätzlichen Risiken. Denkbar: Zunächst wird eine Aufnahme Schottlands in die EU die Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens in Spanien verstärken, was neue politische Konflikte in Europa schafft. Zudem besteht die Gefahr, dass der Brexit die Neigung der US-Administration unter Präsident Trump bestärkt, Bilateralismus in der internationalen Politik zu favorisieren – mit der neuen UK-US-Spezialkooperation als Modell. Wenn die USA tatsächlich den Multilateralismus weitgehend beerdigen, also auch die Rolle internationaler Wirtschaftsorganisationen wie G20 und Welthandelsorganisation schwächen, dann wird dies zu einer Verunsicherung im Außenhandelsbereich weltweit führen. Das wird das globale Außenhandelswachstum schwächen, was besonders bedrohlich für Länder mit hohen Außenwirtschaftsüberschüssen – wie Deutschland oder die Schweiz – ist.

Der Brexit kann die Neigung der Trump-Regierung stärken, auf bilaterale Kooperation zu setzen. 

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Im Übrigen wird der Brexit bei vielen EU27-Ländern die heimliche Frage hinterlassen, ob es nicht doch ratsam sein könnte, Großbritannien ins EU-Aus zu folgen. Die EU27 wird mit einem internen Vertrauens- und politischen Verunsicherungsproblem leben müssen; es sei denn, dass eine Revitalisierung der EU durch kluge Reformen gelingt. Das aber verlangt nach einer Bestandsaufnahme und einer breiten Debatte. Der Brexit wird in Verbindung mit Trump zu höheren Zinsen weltweit und möglicherweise einer neuen Eurokrise führen – da sind Reformen u.a. in Griechenland, nämlich Verfassungsreformen, dringlich. Die EU braucht Schritte hin zur Politikunion, die statt 1% Staatsverbrauchsquote in Brüssel 5% erbringt: über die Verlagerung von Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben, sowie die Arbeitslosenversicherung für die ersten 6 Monate ohne Job. Der Neo-EU-Club muss besser werden.

Prof. Dr. Paul JJ Welfens ist Autor des Buches "BREXIT aus Versehen", Wiesbaden: Springer 2017

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