Globalisierungskritik und Populismus Grenzen hochziehen wäre Selbstmord aus Angst vor dem Tod 

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Politologe

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Claus Leggewie ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen sowie des Centre for Global Cooperation Research in Duisburg. Zum Wintersemester 2015/16 wurde er zudem vom Präsidenten der Justus-Liebig-Universität als erster Amtsinhaber auf die jüngst etablierte Ludwig Börne-Professur der JLU berufen. Gemeinsam mit Horst Meier hat er zwei kritische Standardwerke veröffentlicht: Nach dem Verfassungsschutz. Plädoyer für eine neue Sicherheitsarchitektur der Berliner Republik, Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2012; Republikschutz, Maßstäbe für die Verteidigung der Demokratie, Rowohlt, Reinbek 1995

Die Globalisierung wird von Linken und Rechten als Wurzel allen Übels kritisiert. Dabei hat sie den Menschen viele Vorteile verschafft. Sich jetzt von ihr zu verabschieden wäre katastrophal. 

Der Schuldige für das Aufkommen des autoritären Nationalismus allerorten ist ausgemacht: „die“ Globalisierung. So nennt man die wellenweise Ausdehnung von Welthandels- und Kapitalflüssen rund um den gesamten Erdball, der im Grunde mit der transkontinentalen Seefahrt und der „Entdeckung der Welt“ begonnen hat. Die Freizügigkeit von Waren und Geld war eine Quelle des Wohlstandes, aber vor allem im „globalen Süden“ und unter den abhängigen Schichten im Norden auch ein Motor der Enteignung, Armut und sozialen Ungleichheit. Treiber waren die Nationalstaaten mit ihrer kolonialen und imperialen Expansion, die mit der wachsenden Interdependenz ihren Wettbewerb zivilisierten, im Verlauf des 20. Jahrhunderts dann transnationale Unternehmen und Finanzakteure, womit Nationen an Souveränität und Steuerungskapazität einbüßten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit den 1970er Jahren erreichte die ökonomische Globalisierung einen neuen Höhepunkt, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war der Weltmarkt in fast allen Staaten etabliert.

Seit den 1970er wurden religiöse Muster und Konkurrenzen in der internationalen Politik wieder virulent

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Globalisierung hat eine andere, kulturelle Seite. Mit den Waren- und Geldtransaktionen und beschleunigt durch die Transport- und Telekommunikations-Revolutionen, wuchs auch der globale Personenverkehr. Händler, Bankiers, Investoren, Unternehmer und Manager tätigten weltweit Geschäfte und es entstand eine globale Business Class, welche die von Karl Marx adressierte „Vaterlandslosigkeit“ verkörpert. Arbeitskräfte wanderten nicht nur in ihren Ländern vom Land in die Stadt, sie bündelten sich zu massenhaften Migrationsströmen, die kontinentale Grenzen überwanden. Nicht zuletzt wuchs mit dem preisgünstigen Flugverkehr auch der globale Tourismus exponentiell an. Alle drei Gruppen brachten Weltbilder, Identitätsmuster und kulturelle Orientierungsmuster, die Gesellschaften wurden in verschiedener Hinsicht multi- und transkulturell, auch multireligiös.

Seit den 1970er Jahren, speziell mit der islamischen Revolution im Iran, wurden religiöse Muster und Konkurrenzen in der internationalen Politik wieder virulent. Konfessionskriege wie die zwischen Sunniten und Schiiten beherrschen seither die Weltpolitik. Sowohl gegen die wirtschaftliche wie gegen die kulturelle Globalisierung erhoben sich Widerstände, wirtschaftliche Interdependenz wurde durchkreuzt von Identitätspolitik des „Wir gegen die Anderen“. Die Weltwirtschaftskrisen brachten Schübe des Protektionismus, in denen der Welthandel schrumpfte, grenzüberschreitende Investitionen zurückgingen und globale Geldtransaktionen ins Stocken gerieten, dafür aber nicht wirtschaftliche Akteure, sondern „Fremde“ verantwortlich gemacht wurden.

Heute unterscheidet man weniger zwischen Linken und Rechten, sondern mehr zwischen „Globalisten“ und „Territorialisten“

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Der amerikanische Historiker Charles Meier unterscheidet die Lager der „Globalisten“, die Faktum und Folgen der Entgrenzung und Öffnung der Weltgesellschaft begrüßen, von den „Territorialisten“, die einen wirtschaftlichen und kulturellen Protektionismus vertreten und den jeweiligen nationalen Staat bzw. die ethnisch definierte Volksgemeinschaft schützen. Diese Spaltungslinie, war Meiers Vorschlag, sollte die kontinentaleuropäische Grundunterscheidung zwischen Rechten und Linken abgelöst haben. Ich würde eher sagen, dass diese alte Spaltungslinie erhalten geblieben ist, sich aber in die von Meier beschriebene Polarität eingeschrieben hat.

Es gibt nicht eine Globalisierungskritik, sondern viele Varianten

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So gibt es heute eine rechte und eine linke Variante der Globalisierungskritik, deren Motive und Intentionen sich erheblich unterscheiden, deren Aktionsformen und Feindbilder sich aber berühren und gelegentlich, in einer Art „Querfront“ zusammenwachsen. Globalisierungskritik allgemein umfasst ein breites Spektrum von Opposition, darunter kirchliche Gruppen, sozialistische und antiimperialistische Protestbewegungen, eine ganze Palette von Nichtregierungsorganisationen und nicht zuletzt Insiderkritik nach dem Muster von Joseph E. Stiglitz, George Soros und anderen, die aus dem Inneren der kapitalistischen Finanzwirtschaft bzw. der transnationalen Regime deren entschiedene Reform im gesamtkapitalistischen Interesse verlangen.

Die ethno-nationalistische Rechte kann man heute durchweg als „Antiglobalisierungspartei“ bezeichnen

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Dominierte seit den 1970er und 1990er Jahren die Kritik der wirtschaftlichen und finanziellen Globalisierung von links, die sich gegen Freihandelsverträge und internationale Investitionsabkommen vor allem US-amerikanischer Provenienz richtete, laufen seit der Jahrtausendwende vor allem rechte Strömungen gegen die kulturelle Entgrenzung Sturm, wobei sie die Weltwirtschaft auf eine Kooperation geschlossener Wirtschaftsräume und Handelsnationen zurückstutzen wollen. Die ethno-nationalistische Rechte kann man heute durchweg als „Antiglobalisierungspartei“ bezeichnen, die Schutz vor fremden Waren, Menschen und Ideen sucht und auf dieser Linie auch gegen die supranationale Europäische Union votiert.

Fazit: Nicht „die“ Globalisierung ist zu verwerfen, es ist die vorherrschende Variante, die nach allgemeiner Evidenz die soziale Ungleichheit vor allem im globalen Norden verschärft hat. Nun die Grenzen hoch und höher zu ziehen, wäre Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Aber eine progressive Wende, eine alternative Form globaler Kooperation für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Nachhaltigkeit sind überfällig und notwendig.

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