Verwaltungsarbeit Nutzt das eigene kreative Potential!

Bild von Margie Caust
Städtische Strategin

Expertise:

Margie Caust ist städtische Strategin, die Städten hilft ihr unentdecktes Potential fantasievoll zu entdecken und zu entfalten. Sie hat das Buch „The Creative Bureaucracy and its radical common sense“ mit Charles Landry geschrieben.

Verwaltungen lagern den Bereich der Ideenfindung oft nach außen, dabei gibt es vielfältige Talente in den einzelnen Institutionen. Verwaltungsangestellte müssen weniger „anpassungsfähig“ und dafür entschlossener sein, gesehen und gehört zu werden.

Für den Staat zu arbeiten, sollte eine der aufregendste Sachen sein, die man tun kann. Regierungen setzen sich mit fast allen wichtigsten Lebensbereichen auseinander. Die Herausforderungen unserer Zeit - Klimawandel, Überalterung, Stadtentwicklung, Migration, Globalisierung, digitaler Wandel und so weiter - sind komplex, überschneiden sich und erfordern kreatives Denken bürokratischer Institutionen auf allen Ebenen.

Verwaltungsangestellte sind oft entmutigt, denn es wird ständig gesagt, ihre Institutionen seien ineffizient.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Trotzdem wird weiterhin angenommen, die Arbeit in der Verwaltung sei ein langweiliger Beruf. Die Medien sind Verwaltungen gegenüber selten freundlich gestimmt. Sie konzentrieren sich darauf, was falsch läuft und wer die Schuld dafür trägt. Es ist nicht überraschend, dass sich diejenigen, die in der Verwaltung arbeiten, zuweilen entmutigt fühlen. Wird ihnen doch ständig gesagt, ihre Institutionen seien ineffizient oder sollten dem Privatsektor ähnlicher sein.

Vor ein paar Monaten befragte ich Verwaltungsangestellte in meiner eigenen Stadt zum Thema Kreativität. Spielt sie für den Staat und die Stadt eine Rolle? Halten sie sich für kreativ? Wie können sie dieser Kreativität im Beruf Ausdruck verleihen? Die Ergebnisse dieser Studie, sowie meine Arbeit für das Buch „The Creative Bureaucracy“ zusammen mit Charles Landry, haben wichtige Folgen für Städte und Regierungen. Die Situation in Australien, wo ich forsche, ist natürlich eine andere als in Deutschland. Aber unsere Regierungssysteme haben auch Gemeinsamkeiten; beide sind föderal. Für australische Behörden gab es in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Reformprogramme. Dabei ging es oft um Effizienz, Kostenreduzierung und flexiblere Arbeitsgestaltung.

Die Mehrheit findet, Kreativität sei entscheidend, um Wirtschaftswachstum in Gang zu bringen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im Jahr 2016 wiederholte Adobe eine weltweite Studie zur Einstellungen der Menschen gegenüber Kreativität - Australien war nicht vertreten, Deutschland hingegen schon. Staatliche Investitionen in Kreativität brachten Deutsche demnach mit Innovation, Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und glücklicheren Bürgern in Verbindung. 80 Prozent glaubten, Deutschland würde sein kreatives Potenzial als Land nicht ausschöpfen. 83 Prozent fanden, Kreativität sei entscheidend, um Wirtschaftswachstum in Gang zu bringen. Ob sie wohl auch daran dachten, in Kreativität im Regierungsapparat zu investieren?

Meine kleinere Umfrage umfasste gut 200 Menschen. Rund 88 Prozent sagten, Kreativität sei sehr wichtig für die Zukunft des Staates und des öffentlichen Sektors. Doch nur 23 Prozent glaubten, dass ihr eigener Arbeitgeber von ihnen kreatives Denken erwartete.

Verwaltungsangestellte verstehen sich selbst als kreativ, doch glauben, dass Organisationen kein Interesse daran haben.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Beinahe alle Teilnehmer verstanden sich selbst als kreativ - für 89 Prozent war Kreativität „sehr“ oder sogar „äußerst“ wichtig. Doch viele waren der Auffassung, dass ihre Organisationen kein Interesse an ihren Beiträgen hätten. Nur 28 Prozent glaubten, die Öffentlichkeit würde das, was sie tun, wertschätzen. Obwohl Verwaltungsangestellte glaubten, dass „strategisches Denken“ und die „Bewältigung von Vielschichtigkeit“ zukünftig die Top-Fertigkeiten seien, waren nur 24 Prozent tatsächlich darin eingebunden, die Visionen ihrer Organisationen mitzugestalten.

Regierungen lassen das Wissen von Angestellten außer Acht und verlagern ihre Ideenfindung nach außen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Viele Jahre der Reformen und Budgetkürzung haben dazu geführt, dass Regierungen dazu neigen, ihre Ideenfindung nach außen zu verlagern. Sie beauftragen Beratungsunternehmen und Experten damit, sich komplexe Bereiche zu erschließen und Strategien zu erarbeiten. Doch dieses Vorgehen übergeht diejenigen, die bereits im Staatsdienst arbeiten. Das Wissen von Angestellten auf niedrigen, mittleren, ja sogar Führungsebenen der Verwaltung wird außer Acht gelassen.

Durch "ausgelagertes Denken" werden neue Methoden einbezogen, doch interne Beiträge aus der Verwaltung übergangen. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Dieser Prozess des „ausgelagerten Denkens“ birgt für manche auch Vorteile, weil er neue Methoden einbezieht. So könne eine eingeschränkte oder eigennützige Sicht auf die Welt überwunden werden. Natürlich ist es am besten, wenn solche Prozesse offen ablaufen und „das Außen“ einbeziehen. Doch damit werden die Beiträge derjenigen untergraben, die bereits in der Verwaltung arbeiten. Und es wird die Vorstellung vermittelt, dass diejenigen, die ihre Ideen beitragen möchten, zuerst ihre Institutionen verlassen müssten.

Im Gespräch mit Führungskräften drückten manche ihre Frustration über die angeblich fehlende Vorstellungskraft ihrer Teams aus. Außenstehende, die versuchen, Veränderungen herbeizuführen, sind der Auffassung, dass die „mittleren Ebenen blockieren“ und dass nur dann etwas erreicht wird, wenn man sich direkt an die Führungsebene wendet. Diejenigen, die in der Verwaltung arbeiten, können den Eindruck haben, dass ihre Organisationen fragmentiert und äußerst verschlossen sind.

Arbeitnehmer möchten eingebunden werden, sie möchten ihre Einblicke teilen und Ideen entwickeln.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Viele Äußerungen in der Umfrage bezogen sich auf den begrenzten Umfang der Gespräche, die in bürokratischen Institutionen geführt werden können. Arbeitnehmer möchten eingebunden werden, sie möchten ihre Einblicke teilen und Ideen entwickeln. Sie möchten mehr ungekünstelte Gespräche miteinander und vor allem mit ihren Vorgesetzten führen.

Die Arbeitnehmer sind sich ihres Potenzials bewusst. 84,5 Prozent glauben, dass sie kreativer zu ihrem Arbeitsumfeld beitragen könnten. Im Schnitt machen sich Verwaltungen aber nur etwa 61 Prozent dieses Potenzials zunutze. Wenn sie die richtigen Bedingungen für Menschen schaffen würden, ihren Beitrag zu leisten, könnten Regierungen also theoretisch auf beinahe 40 Prozent zusätzlicher Ressourcen zugreifen. Über 90 Prozent der Befragten möchten in „werteorientierten Organisationen“ arbeiten. Ein Vorteil für Regierungen: Sie sollten bereits „werteorientiert“ sein.

Hierarchische Strukturen neigen dazu, neue Ideen zu unterdrücken

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Als wir Menschen fragten, was ihren kreativen Beiträgen im Weg stünde, traten einige Gründe vermehrt auf. So neigen hierarchische Strukturen dazu, neue Ideen zu unterdrücken; mehrere Ebenen der Entscheidungsfindung überleben sie oft nicht. Auch voneinander isolierte Einheiten schränken das Denken ein, so dass Probleme nicht sinnvoll angegangen werden können. Obwohl die Befragten ihre Arbeitsumfelder nicht als „angsterfüllt“ beschrieben, wiesen viele dennoch auf Angst vor Veränderung, vor den Folgen ihres Handelns und vor Fehlern hin.

Sehr wenige berichteten, dass sie die besten Ideen am Schreibtisch hätten. Die meisten Organisationen messen Arbeitsleistung hingegen daran, wie lange ihre Arbeitnehmer am Schreibtisch sitzen. Die meisten Befragten sagten, ihre besten Ideen kämen ihnen im Gespräch (meistens mit der Familie, Freunden oder Kindern), beim Spazierengehen, unter der Dusche oder im Garten.

Bürokratische Institutionen werden nicht so weiterentwickelt, dass das Potential ausgeschöpft werden kann.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem „Talent“ sehr geschätzt wird. Rund um die Welt stehen Städte für „Talent“ im Wettbewerb. Aber viele der talentiertesten Menschen werden von bürokratischen Institutionen beschäftigt, die sonderbarerweise nicht so weiterentwickelt oder ausgebaut werden, dass dieses Potenzial ausgeschöpft und die besten Beiträge geleistet werden können.

Das hat Folgen. Diejenigen mit Antrieb werden nicht für den Staat arbeiten wollen oder es wird schwer sein, sie zu halten. Andere schalten ab, sind frustriert. Sie verlieren ihren Optimismus oder nutzen ihre Energie für andere Projekte, für die sie wirklich brennen.

Heutzutage gibt es kaum noch Rückzugsorte. Die Menschen wissen, dass sie bestimmte Fertigkeiten entwickeln und die Initiative ergreifen müssen, um ihre eigenen „Marken“ zu erschaffen. Doch Behörden stammen oft noch aus einer Zeit, in der von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erwartetet wurde, anonym zu bleiben und sich anzupassen. Es ist unwahrscheinlich, dass Regierungen, die es nicht schaffen, das Potenzial ihrer „gefangenen Talente“ auszuschöpfen, ihrer Zeit gerecht werden.

Das hat auch „Nebenwirkungen“. Beamte, die einen Großteil der Stadtangestellten darstellen, können entweder Optimismus oder Pessimismus im Bezug auf ihre Arbeit und ihre Stadt verbreiten. Sie können die Stimmung in der Stadt positiv oder negativ beeinflussen. Es ist also ermutigend, dass die meisten Bemerkungen in der Umfrage von Menschen stammten, die sich danach sehnen, eingebunden zu sein, herausgefordert zu werden und ihren Beitrag zu leisten:

„Fordern sie mich heraus.“

„Ich würde mich über mehr Möglichkeiten, einen Beitrag zu leisten, sehr freuen.“

„Ich bin seit 30 Jahren in der gleichen Organisation und ich möchte Veränderung sehen!“

Führungskräfte müssen sich für das Potential ihrer eigenen Organisationen und Angestellten interessieren.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wie beginnen wir also damit, das Potenzial von Verwaltungsangestellten auszuschöpfen? Diese Frage anzugehen, ist einfach und schwer zugleich. Organisationen fangen damit an, mehr Möglichkeiten zu schaffen; sie ahmen die Herangehensweisen von Start-ups und Unternehmern nach. Co-Working-Spaces, „Accelerators“, finanzielle Mittel und Zeit für Ideen im öffentlichen Sektor nehmen also zu.

Führungskräfte müssen sich für das Potenzial ihrer eigenen Organisationen und Angestellten interessieren. Sie müssen lernen, zu experimentieren und sich zu verändern. Sie müssen sich des Leistungsvermögens ihrer eigenen Organisationskultur bewusst werden - was sie fördert und was sie hemmt. Viele sind sich ihres Arbeitsklimas nicht bewusst; letztendlich erleben sie nur einen kleinen Teil davon. Aber wir brauchen auch die Energie von Angestellten - von unten nach oben. Verwaltungsangestellte müssen weniger „anpassungsfähig“ und entschlossener sein, gesehen und gehört zu werden. Das mag störend wirken, kann aber auch dazu führen, dass eine Energie freigesetzt wird, die von großem Nutzen ist.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.