Ohne Quote geht es nicht mehr Es geht um angemessene Repräsentation!

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Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland

Expertise:

Gökay Sofuoglu wurde 1962 in der türkischen Stadt Kayseri geboren und lebt seit 1980 in Deutschland. Er studierte Sozialpädagogik und arbeitete als Sozialpädagoge in Kornwestheim und Stuttgart. Seit 2014 ist Gökay Sofuoglu Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

Wo Freiwilligkeit fehlt, muss die Quote her. Ob die nun für Frauen gilt oder für Migranten. Sonst bleiben wir in den hemmenden Ungleichheiten stecken.

Die Forderung nach einer Quote für Menschen mit Migrationshintergrund polarisiert. Auch uns bereitet die Forderung nach einer Quote Bauchschmerzen. Das Unbehagen resultiert aus einem Dilemma, dass durch die Forderung nach einer Quote unweigerlich entsteht. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der es keine Quoten braucht. Nicht für Menschen mit Migrationsgeschichte, nicht für Frauen.

Unsere Wirklichkeit ist geprägt von krassen Repräsentationsdefiziten

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Wir wünschen uns eine Gesellschaft in der Chancengleichheit Realität ist. Wir wünschen uns eine Gesellschaft in der sich die 20 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in allen gesellschaftlichen Bereichen widerfinden. Wir wünschen uns eine bessere Repräsentation der Menschen mit Migrationsgeschichte und zwar zur Hälfte durch Frauen, wenn wir schon dabei sind! Unsere Wirklichkeit ist geprägt von krassen Repräsentationsdefiziten und nachgewiesenen Diskriminierungen in etlichen Bereichen, besonders aber nicht nur von Menschen Migrationshintergrund.

Diese Wirklichkeit macht das Nachdenken über Instrumente zur Gestaltung unseres Landes als Einwanderungsgesellschaft notwendig. Die Quote ist ein solches Instrument, aber dass es ein Dilemma ist, durch eine temporäre Ungleichbehandlung langfristig Chancengleichheit zu erreichen, steht außer Frage. Was ist der Ausgangspunkt?

Es wäre besser, wenn die Migration sich auch in den Führungsposition zeigen würde

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In Deutschland hat mittlerweile jeder fünfte Mensch einen Migrationshintergrund. Dennoch ist diese Vielfalt in vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht sichtbar. In staatlichen Institutionen und Behörde, den Parlamenten (3-6%) und Medien (ca. 2-3%) lässt sich ein erhebliches Repräsentationsdefizit feststellen. Dabei erscheint es doch überaus einleuchtend, dass die Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft am besten durch ein Spiegelbild der Gesellschaft in den Führungspositionen gemeistert werden könne.

Die Sichtbarkeit von Migranten erhöht die Identifikation der Migranten mit der Gesellschaft

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Zwei Argumente sind für uns auschlaggebend:
• Die Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationshintergrund in Parlamenten, Medien und staatlichen Institutionen erhöht die Identifikation der Bevölkerung mit Migrationshintergrund mit den staatlichen Behörden und seinen politischen Institutionen, fördert das Vertrauen in die Demokratie und ermutigt Menschen mit Migrationshintergrund, an politischen Willensbildungsprozessen und dem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Es braucht die Migranten, um die Einwanderungsgesellschaft zu gestalten

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• Ohne die entsprechende Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen an Willensbildungs-, Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen können keine zukunftsfähigen Konzepte für die Einwanderungsgesellschaft entstehen. Die Menschen mit Migrationshintergrund können durch ihre Präsenz neue Perspektiven und Meinungen in die Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft miteinbringen.

Ungleichheit zu beseitigen erfordert besondere Formen des politischen Handelns

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Schaut man über seinen Tellerrand hinaus in die USA, zeigen die Erfahrungen der „Affirmative Action“, das die bestehende Ungleichheit nicht alleine durch den guten Willen einzelner oder durch bloße Lippenbekenntnisse aufgelöst werden. Sie bedürfen vielmehr besonderer Formen des politischen Handelns und der Veränderungen von institutionellen Strukturen. Sicherlich ist die Quote kein Allheilmittel, dennoch kann sie kurz- und mittelfristig Helfen, dass Repräsentationsdefizit auszugleichen und somit die gesellschaftliche Wahrnehmung über die gesellschaftliche Vielfalt verändern.

Die Natur des Menschen ist, Privilegien zu verteidigen, statt sie freiwillig aufzugeben

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Die Gleichstellungspolitik beweist, dass es verbindliche Maßnahmen braucht, um Systeme zu verändern, in denen bestehende Eliten ihre Machtstrukturen immer wieder aufs Neue zu
stabilisieren versuchen, teils sehr bewusst, teils unbewusst. Vielleicht liegt es einfach nicht in der Natur des Menschen einmal errungene Privilegien freiwillig wieder aufzugeben.
Die Gegner*innen einer Quote für Menschen mit Migrationshintergrund bemühen immer wieder den Mythos einer Leistungsgesellschaft (die extremste Form lässt sich in dem Narrativ des amerikanischen Traums finden: „vom Tellerwäscher zum Millionär“), in der die gesellschaftliche Mobilität bzw. der Erfolg alleine von der individuellen Leistung und Bereitschaft eines jeden einzelnen abhängt.

Pisa-Studien zeigen, dass Herkunft über Erfolg bestimmt - das ist eine Art Negativ-Quote

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Misserfolg gilt dementsprechend als selbstverschuldet. Es braucht nicht viel, um diese Mythen zu widerlegen. Die Kritiker*innen ignorieren die Tatsache, dass es bereits eine unsichtbare und unausgesprochene Quote für bestimmte privilegierte Bevölkerungsgruppen gibt. Diese Quote ist unsichtbar, da sie selbstverständlicher Teil des Alltags ist. Die Pisa-Studien zeigen dass der Bildungserfolg von SchülerInnen unmittelbar von der sozialen Herkunft abhängt. Darüber hinaus weisen Migrationsforscher*innen seit Jahren auf die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt hin. Die Kritiker der Quote gehen von einer diskriminierungsfreien Gesellschaft aus, das hat was von Alice im Wunderland.

Die Kritiker der Quote bieten keine alternativen Lösungsvorschläge an. Gestaltungswunsch sieht anders aus!

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Was den Kritikern der Quote vorgehalten werden muss, ist das sie keine alternativen Vorschläge machen, wie das Repräsentationsdefizit zu beheben wäre. Die Quote zu kritisieren ist leicht, das haben wir beschrieben. Keine brauchbaren Lösungen anzubieten drücken allerdings nicht gerade den Wunsch aus, unser Land zu gestalten, es weiterzubringen.

Die Gestaltung einer Einwanderungsgesellschaft und damit die Notwendigkeit Vielfalt in allen Entscheidungsbereichen wirksam werden zu lassen, ist keine Belastung, die durch Zuwanderung entsteht, sondern die Chance, überkommene Verfahrensweisen und Systeme endlich mutig zu überdenken und eine gleichberechtigte Teilhabe aller in Deutschland lebenden Menschen zu ermöglichen. Die Forderungen nach einer Quote sind somit keine Sonderrechte, sondern beruhen auf dem Versprechen des Grundgesetzes, jedem Menschen unabhängig von Religion, Geschlecht, Behinderung ein Leben in Würde zu garantieren.

Die Quote ist ein Dilemma, weil auch sie ungerecht ist, aber dennoch unausweichlich

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Solange dieses Versprechen nicht eingelöst ist, braucht es geeignete Instrumente, um bestehende Ungleichheiten auszugleichen. Das Dilemma, situative und kontextuelle Ungleichbehandlungen zuzulassen, ja sogar zu fördern, um eine Gleichbehandlung herzustellen, lässt sich nicht auflösen. Eine Einwanderungsgesellschaft muss dieses Dilemma vielmehr immer wieder neu aushandeln und als Teil eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses begreifen.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Marc van Schmidkind
    Wir haben ein Quantitatives Problem: das Boot ist nicht voll, jedoch droht es zu kentern. Im Interesse der integrationswilligen Zuwandererer sollten wir in Deutschland schnellstens umdenken und "neuhandeln".
  2. von Harald Mertes
    Repräsentanten, die nur eine Minderheit repräsentieren, jedoch nicht die Mehrheit, können keine Repräsentanten sein. Was zuerst kommen muss, ist eine Integration und schließlich Assimilation in unsere Gesellschaft, die Anerkennung unserer Kultur und unsere Wertvorstellungen, mit denen der Zuwanderer sich irgendwann identifiziert. Danach braucht es keine Quote oder sonst irgendwelcher undemokratischer Eingriffe, um eine angemessene Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen.

    Eine Einwanderungsgesellschaft braucht keine Quoten, sondern ein sinnvolles System zur Auswahl der Zuwanderer, die in unserer Gesellschaft sich selbst und ihre Familie unterhalten können und einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft erbringen können. Zurzeit haben wir jedoch nur eine krasse Negativauswahl, die von einer Einwanderung in unsere sozialen Sicherungssysteme geprägt ist.

    Die Sichtbarkeit von Migranten in unserer Gesellschaft erhöht nicht die Identifikation der Migranten mit der Gesellschaft, sondern allenfalls die Identifikation mit der sich dann entwickelnden Parallelgesellschaft, die unsere Kultur und Werte mehr oder weniger offen ablehnt und sich einer Integration verweigert. Alle Einwanderungsgesellschaften versuchen, ein Mindestmaß an Einheitlichkeit und Nationalgefühl zu bewahren, zumindest in den Grundzügen. Vielfalt mit Gleichberechtigung von Männern und Frauen einerseits und Hochhalten der Scharia mit Berufung auf die Religionsfreiheit: das geht nicht. Vielfalt ist nicht per se ein Wert. Es kann bereichern, ebenso jedoch Quelle von Konflikten sein. Letzteres gilt es zu verhindern.
  3. von Andreas Rabe
    Souverän ist das deutsche Volk. Ob ein Angehöriger des deutschen Volkes eine Migrationsgeschichte hat, ist Nebensache. Wenn er aber nicht sich 100% als Deutscher fühlt, dann ist das sein Problem, nicht das Problem der Gesellschaft. Das deutsche Volk hat nie Migration in sein Land mit der Prämisse zugelassen, seinen Charakter als Staatsvolk zu verwässern. Diese ganzen Vielfaltsparolen sind darum übergriffig und Wasser auf den Mühlen von rechts.