Smartphone-Verbot an deutschen Schulen Die Politik drückt sich vor einer Ansage

Bild von Heinz-Peter Meidinger
Präsident des deutschen Lehrerverbandes

Expertise:

Heinz-Peter Meininger ist Oberstudienrat und Direktor des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf (Bayern). Er war von 2004 bis 2017 Bundesvorsitzender des deutschen Philologenverbandes und ist seit Juli 2017 Präsident des deutschen Lehrerverbandes.

Das französische Handyverbot stellt sich den Problemen, vor denen deutsche Bildungspolitiker längst kapituliert haben. Sie lehnen eine Regelung ab, ohne eine eigene überzeugende Antworten zu besitzen. 

Selten sind die Reaktionen der bildungspolitischen Akteure, also von Verbänden, Politikern und Parteien auf ein Ereignis einerseits so einhellig, andererseits aber auch so platt und inhaltlich dürftig ausgefallen wie die Stellungnahmen zum Beschluss des französischen Parlaments, für jüngere Schüler ein weitgehendes Handyverbot auszusprechen.

Die Stimmen reichten von „Wir in Deutschland brauchen keine zentralistischen Vorgaben, das kann jede Schule selbst regeln“ über „Medienerziehung ist ohne die Möglichkeit, Handys in der Schule zu benutzen, wirkungslos“ bis hin zu der steilen These, dass deutsche Schüler das Handy im Unterricht bräuchten, weil die technische Ausstattung deutscher Schulen so schlecht sei. Dass dieses Argument von einem Schulminister, dem KMK-Präsidenten persönlich, kam, ist dabei besonders pikant.

Tatsache ist, dass die Beweggründe, die den französischen Präsidenten und seine Partei zu dem Beschluss bewegt haben, bei uns in Deutschland genauso gelten und berechtigt sind wie in Frankreich.

Es besteht Handlungsbedarf, da die meisten Schüler Gebote, das Handy auszuschalten, nicht befolgen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Aus verschiedenen Untersuchungen wissen wir, dass auch stumm geschaltete Handys einen hohen Ablenkungsfaktor haben, rund 30 Prozent der Aufmerksamkeit eines Jugendlichen werden davon absorbiert. Wenn wir andererseits wissen, dass das Gebot, das Handy im Unterricht komplett auszuschalten, von über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht befolgt wird, weil man einfach online bleiben will und gefahrlos kann, dann besteht da Handlungsbedarf. Nur eine Verwahrung der Handys stellt die Befolgung dieses Benutzungsverbots sicher, zumal Lehrkräfte in deutschland Taschen und Kleidungsstücke von Schülern gar nicht kontrollieren dürfen.

Der Lernerfolg ist an Schulen mit Handyverbot signifikant höher.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Seriöse Studien an der London School of Economics haben vor zwei Jahren eindeutig nachgewiesen, dass der Lernerfolg von Schülern an Schulen, wo ein Handyverbot durchgesetzt wurde, signifikant höher ist als an den Vergleichsschulen ohne Handyverbot. Dabei profitierten leistungsschwächere Schüler noch deutlich stärker vom Handyverbot als gute Schüler.

Durch eine Altersabstufung ist die Regelung in Frankreich pädagogisch angemessen differenziert und sinnvoll.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Regelung in Frankreich ist auch unter pädagogischen Gesichtspunkten angemessen differenziert und sinnvoll. Schülern über 15 Jahren wird das entsprechende Verantwortungsbewusstsein und die notwendige Medienkompetenz zuerkannt, das Handy eigenständig außerhalb des Unterrichts zu nutzen, für jüngere gilt ein weitgehendes Nutzungsverbot.

Auch für das soziale Miteinander kann ein Handyverbot förderlich sein.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die ist auch deshalb nachvollziehbar, weil gerade in den Pausen der schulfremde und teilweise missbräuchliche Gebrauch von Handys oft ein großes Problem darstellt. Jedes Mobbing von Mitschülern wird oft schon während des Schulalltags begleitet von entsprechenden Verleumdungen und Aggressionen im Internet und den sozialen Netzwerken. Als Schulleiter freue ich mich, wenn in den Pausen die Kinder und Jugendlichen miteinander Fußball oder Tischtennis spielen oder sich ganz einfach unterhalten anstatt dass sie mit Stöpseln im Ohr die neuesten Spieleapps ausprobieren und sich mit Musik volldröhnen, ohne den Banknachbarn überhaupt wahrzunehmen.

Medienkompetenz wird nicht durch den unkontrollierten Gebrauch von Handys an Schulen erreicht.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Medienerziehung, d.h. der bewusste, eigenverantwortliche und kritische Umgang mit digitalen Geräten und Medien ist ein ganz wichtiges Unterrichtsziel. Mehr Medienkompetenz erreiche ich aber mit Sicherheit nicht dadurch, dass ich unkontrolliert den Gebrauch von Handys an Schulen auch für jüngere Schüler freigebe. 

Der gezielte Einsatz von Handys im Unterricht ist auch mit einem Verbot möglich.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Lehrkräfte, die bewusst die Handys der Schüler im Unterricht nutzen wollen, können dies auch in Frankreich tun. An diesen Tagen werden die Geräte wieder ausgegeben, um etwa im Physikunterricht Temperatur und Schwingungen zu messen, im Deutschunterricht Diskussionsbeiträge aufzuzeichnen oder in der Chemie arbeitsteilige Schülerversuche abzufilmen. 

Politiker stehlen sich aus der Verantwortung und überlassen Lehrkräften und Schulleitungen das Problem.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Weigerung, sich ernsthaft mit den Argumenten der Befürworter eines differenzierten Handyverbots auseinanderzusetzen, stellt vielen unserer Schulminister und Bildungspolitiker ein schlechtes Zeugnis aus. Sie lehnen nämlich eine Regelung ab ohne eine eigene überzeugende Antwort auf die geschilderten Probleme zu besitzen. Die Antwort, das könne jede Schule am besten selbst regeln, schiebt den Schwarzen Peter den Lehrkräften und Schulleitungen vor Ort zu, während man sich selbst ein liberales, tolerantes Mäntelchen umbindet. Dabei steht Frankreich mit seiner Neuregelung bei Weitem nicht alleine da. Auch in vielen anderen europäischen Ländern und verstärkt auch in den ostasiatischen und skandinavischen PISA-Siegerländern finden wir klarere Richtlinien und eindeutigere Regelungen vor als in der Mehrheit unserer Bundesländer.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.