Das Image der Gesichtserkennung hat dicke Kratzer im Lack Wir sollten uns gegen Technologien wehren, die uns identifizieren oder aussortieren

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Expertise:

Constanze Kurz ist Datenschutz-Expertin und Sprecherin des Chaos Computer Clubs.

Die Probeläufe zur automatisierten Gesichtserkennung in Berlin haben wenig einsatztauglich und effizient abgeschnitten. Die neue Technologie kann außerdem zu unnötiger Überwachung führen.

Sie kann heute direkt nach dem Aufnehmen eines Gesichts durchgeführt werden: Automatische Live-Gesichtserkennung, die in Sekunden auch enorm große Mengen gespeicherter Bilder von menschlichen Köpfen oder Oberkörpern nach einem Treffer durchforstet. Innenminister Horst Seehofer war gerade drauf und dran, der Bundespolizei diese Biometrie-Technologie per Gesetz zu erlauben, als ihm ein veritabler Skandal in die Quere kam, den die New York Times aufdeckte: Die US-amerikanische Polizei hatte sich von der kaum bekannten und leicht anrüchigen Firma „Clearview“ helfen lassen, um vorrangig Ladendiebe, Kreditkartenganoven und andere Betrüger durch deren riesenhafte Gesichterdatenbank laufen zu lassen.

Selbstverständlich sei man von solchem Gebaren hierzulande weit entfernt, aber das Image der Gesichtserkennung hatte dicke Kratzer im Lack. Die wurden noch verstärkt durch die EU-Kommission, die plötzlich vorschlug, dass für die automatische Gesichtserkennung neue strenge Regeln ersonnen werden müssten, um die Privatsphäre der Europäer zu schützen. Zwar ruderte die Kommission wenige Tage später zurück. Aber das Unwohlsein gegen die Körperdatenerfassung drang bis in Seehofers Büro. Der CSU-Mann strich die Pläne zur Gesichtserkennung vorerst.

Es gab also diesmal keine knallenden Sektkorken in der Biometrie-Branche, die uns im Verein mit einigen Tech-Konzernen seit Jahren weismachen will, wie sicher und ungemein effizient Gesichtserkennung unser Leben bequemer macht und auch noch den Behörden hilft, Verbrecher zu jagen. Die biometrische Technologie sei quasi nicht mehr aufzuhalten, wir könnten uns schon mal damit abfinden.

Für die Gesichtserkennung müssen erst einmal alle erfasst und gerastert werden

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Doch so langsam dämmert es den Leuten, dass die Zukunft, von der die Branche gern spricht, eine ist, in der erstmal alle erfasst und gerastert werden müssen, um unter Hunderten oder Tausenden vielleicht ein gesuchtes Gesicht korrekt zu erkennen. Angesichts der Zunahme der technologischen Überwachung in allen Lebensbereichen geht es vielen zu weit, jetzt auch noch auf Schritt und Tritt das Gesicht zum Biometrie-Test hinhalten zu müssen.

Vielleicht sollte man sie auch noch daran erinnern, dass in deutschen Pässen und Ausweisen bereits seit Jahren auf einem kontaktlosen RFID-Chip biometrische Identifikatoren gespeichert sind, darunter das Gesichtsbild. Schon im Jahr 2004 schrieb nämlich eine von Deutschland vorangetriebene EU-Verordnung fest, dass alle in den EU-Mitgliedstaaten ausgestellten Pässe und Reisedokumente verpflichtend ein Gesichtsbild und zusätzlich auch Fingerabdrücke auf einem Chip zu hinterlegen hätten. Brav haben sich seitdem die Deutschen und ihre EU-Nachbarn frontal, gut ausgeleuchtet und ohne Lächeln biometrisch erfassen lassen.

Wie leicht es ist, diesen schlummernden Datenschatz für eine automatisierte Rasterung freizugeben, muss man sich übrigens gar nicht mehr für gruselige Zukunftsszenarien ausmalen. Denn der Deutsche Bundestag hat das in der letzten Legislaturperiode weitgehend unbemerkt von der Bevölkerung bereits getan: Er beschloss ein Gesetz, das den automatisierten Abruf durch Polizeien und Geheimdienste aus den Meldeämtern erlaubt. Wie oft und durch welche Behörden das geschieht, muss nicht einmal protokolliert werden.

Probeläufe haben wenig einsatztauglich und effizient abgeschnitten

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Doch ob die Software nach fast zwei Jahrzehnten voller Tests überhaupt so weit ist, dass man ihr die Entscheidung überlassen darf, ob jemand, der an einem Gesichtserkennungssystem vorbeiläuft, dauerhaft abgespeichert und gar sofort festgehalten wird, steht auf einem anderen Blatt. Die peinlichen deutschen Miniprobeläufe können dazu schon mangels Anzahl der Probanden keine sinnvollen Aussagen treffen. Da mag das Innenministerium in Pressemitteilungen noch so jubeln, im öffentlichen Abschlussbericht zum Test am Bahnhof Berlin-Südkreuz kann jeder nachlesen, wie wenig einsatztauglich und effizient die drei Systeme abgeschnitten haben.

Es gibt hohe Zahlen bei Falscherkennungen

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Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST) hat letztes Jahr mit dem Test von knapp zweihundert biometrischen Gesichtserkennungssystemen von einhundert kommerziellen Anbietern weit mehr Einblicke gewonnen. Viel erfreulicher als in Südkreuz ist das Ergebnis für die Biometriebranche aber auch nicht. Das größte Problemfeld bleiben laut dem staatlich finanzierten NIST wieder die hohen Zahlen bei Falscherkennungen, die auch noch bestimmte Ethnien und Altersgruppen übermäßig häufig betreffen.

Übrigens: Wer nun denkt, dass ein Vermeiden von biometrischer Gesichtserkennung das Problem schon aus der Welt schafft, hat die vielen anderen technischen Möglichkeiten außer acht gelassen, die heute oder künftig unsere Körperdaten heimlich vermessen oder vielleicht die Gerätedaten unserer kleinen digitalen Helfer hinter unserem Rücken erfassen können. Denn wogegen sich jede demokratische Gesellschaft entschlossen wehren sollte, ist nicht nur die anlasslose Gesichtserkennung, sondern ist jede Technologie, die uns einfach im Vorbeigehen identifiziert, vermisst, einsortiert oder aussondert.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Rolf-Jürgen Czerny
    Wenn wir sicher leben wollen - und wer will das nicht, muss auf effiziente Technologien zurück greifen.
    Diese Technologien werden immer besser und damit sinkt auch die Rate der Falschmeldungen immer mehr.
    Jeder, der diese Technologien ablehnt, sollte sich vor Augen führen, dass jeder nicht erkannte Straftäter, welcher Couleur auch immer, seine Kinder, Partner oder Eltern einfach so verkrüppeln oder töten könnte.
    Seit Jahren wird in London mit diesen Überwachungstechnologien gearbeitet und die Zahl der Straftaten ist dort signifikant zurück gegangen.
    Auch ähnliche Straftaten in der Berliner U-Bahn konnten nur durch diesen Kameraeinsatz geklärt werden.
    Fragt man "hilflose" Leute wie Rollstuhlfahrer, Rentner oder Behinderte, so ist die einhellige Meinung, dass ihre Sicherheit durch solche Techniken allemal wichtiger ist, als das Sicherheitsbedürfnis einiger, die sich dadurch beobachtet fühlen.
  2. von Markus Müller
    "Denn wogegen sich jede demokratische Gesellschaft entschlossen wehren sollte, ist nicht nur die anlasslose Gesichtserkennung, sondern ist jede Technologie, die uns einfach im Vorbeigehen identifiziert, vermisst, einsortiert oder aussondert."Zitat
    Ja,das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben,denn das machen wir fast alle falsch.Keine zu wichtige oder zu private Dinge auf dem Smartphone speichern und ruhig mal mit Freunden die Telefone tauschen.Aber ach,das geht ja auch nicht mehr,weil wir sie schon so lieb gewonnen haben,dass wir sie nicht mehr nur als Telephon begreifen,sondern als besten Freund und Helfer und der ist dann in der Tat auch immer bei uns.