Burka-Verbot und die Abgrenzung von Muslimen "Man redet heute über Muslime wie in den 1930ern über die Juden"

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Soziologin

Expertise:

Anna Korteweg lehrt Soziologie an der Universität von Toronto. Ihr Fokus liegt auf Geschlechteridentitäten und nationalen Identitäten. Zusammen mit Gökce Yurdakul hat sie das Buch "Kopftuchdebatten in Europa: Konflikte um Zugehörigkeit in nationalen Narrativen" veröffentlicht.

Die Burka ist kein Zeichen von Abgrenzung oder Ablehnung westlicher Werte, meint Soziologin Anna Korteweg. Wie viel Ignoranz und Missverstehen in der Debatte um ihr Verbot steckt, zeigt der Ton, in dem sie geführt wird. 

Frau Korteweg, die Frage, ob die Burka erlaubt oder verboten gehört, wird gerade wieder in vielen europäischen Ländern debattiert. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Diese Debatte ist nur eine Stellvertreter-Debatte für eine viel größere und tiefgründigere, bei der es um die Frage geht, wer zur Gesellschaft gehört und wer nicht. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Terrorismus und dem Tragen einer Burka. Das Kleidungsstück als Sicherheitsrisiko einzustufen ist also nicht begründet. Es geht hier nur darum, zu klären wer ein „guter“ und wer ein „schlechter“ Muslim ist. Gleiches sehen wir in der Diskussion um die Scharia. Viele setzen diese mit dem radikalen Islam gleich, dabei handelt es sich nur um ethische Grundsätze, und solche gibt es auch in anderen Religionen. Diese Diskussionen haben leider Tradition und doch verwundert mich gerade die Debatte in Deutschland.

Wieso?
Nach der Amoktat in München, gaben sich die deutschen Medien größte Mühe, um nicht direkt von einer Terrortat zu sprechen oder die iranischen Wurzeln des Täters in den Vordergrund zu stellen. Ich hatte das Gefühl, dass die Presse versuchte die gereizte Stimmung zu entschärfen. Jetzt wird aber wieder Polemik aus dem Tragen der Burka gemacht. Dabei tragen die wenigsten muslimischen Frauen in Europa eine Burka, sondern meistens einen Niqab. Es zeigt exemplarisch, wie oberflächlich die Debatte geführt wird.

Niemand fragt muslimische Frauen, ob sie sich durch den Niqab erniedrigt fühlen

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Geht es in dieser Debatte nicht viel mehr um unsere Ängste, als um die Integrationsfähigkeit der Muslime?
Absolut, wie oft werden denn muslimische Frauen zu diesem Thema befragt? Diese Debatte wird sehr einseitig geführt. Niemand fragt muslimische Frauen, ob sie das Tragen des Niqab oder eines Kopftuches als erniedrigend empfinden. Für uns sind es Kleidungsstücke, die Identität stiften, aber sehen muslimische Frauen das ähnlich? Auch wird vergessen, dass auch Muslime die Burka oder das Kopftuch debattieren und kritisieren.

Denken Sie, dass die Debatte ähnlich verlaufen würde, wenn es um einen Brauch einer anderen Religion gehen würde?
In Deutschland ist die religiöse Freiheit eigentlich sakrosankt und steht nicht zur Debatte. Denken Sie an die Diskussion um die religiöse Beschneidung zurück: es gab eine gesellschaftliche Kontroverse, aber am Ende wurde die religiöse Freiheit gewahrt. Wegen der Geschichte, hat Deutschland hier einen schweren Stand. Eine ebenfalls jüdische Freundin meinte kürzlich zu mir, dass die Debatte um die Burka oder den Burkini sie sehr an unsere jüdische Vergangenheit erinnert. Der IS-Terror und die politische Instabilität Europas tragen zu einem Klima der Angst bei, das Muslime kategorisch ausgrenzt und als Fremde abstempelt.

Das Verständnis für jüdische Bräuche wird den Muslimen vorenthalten

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Als sei die muslimische Glaubensausrichtung nicht mit der deutschen Identität zu vereinbaren. Dabei schützt das deutsche Grundgesetz die religiöse Freiheit, weshalb ein Burka- oder Niqab-Verbot gegen die rechtlichen Prinzipien des Landes gehen würde.
Deutschland kann sich nicht einfach von seiner Vergangenheit distanzieren. Man war nach dem Zweiten Weltkrieg stets sehr vorsichtig, was die jüdische Glaubensgemeinschaft angeht, doch dieses Verständnis wird Muslimen heute vorenthalten. Gleiches gilt in den Niederlanden oder in Frankreich. Die Sprache mit der man in den 1930er Jahren über die Juden sprach, wird heute für Muslime benutzt. Sie gelten als Fremdkörper, die die Macht des Staates untergraben. Dabei gibt es in diesen Ländern Muslimen in allen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft.

Die Burka ist kein Zeichen der Abgrenzung 

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Gilt das Tragen des Niqab nicht vielen als starkes Symbol der Abgrenzung, da das Tragen eine bewusste Entscheidung ist, im Gegensatz zur Hautfarbe zum Beispiel.
Das Tragen des Niqab oder der Burka ist kein Zeichen der Abgrenzung, sondern der Auslebung einer besonderen Interpretation des Islams. Frauen die den Niqab tragen, tragen diesen nicht ständig, sondern entscheiden selber, wann und wo es angebracht ist. Je mehr dieses Thema zum Politikum wird, desto schwieriger wird es für Frauen den Niqab zu tragen.

Was ja das Anliegen von vielen Gegnern ist.
Ja, aber es schränkt die Freiheit der Frauen ein zu entscheiden, ob sie den Niqab tragen wollen oder nicht. Viele würden befürchten damit ein politisches Statement abzugeben, obwohl es ihnen nur um eine religiöse Praxis geht. Wir müssen aufhören die Burka oder den Niqab mit der Ablehnung westlicher Werte gleichzusetzen. Es kann natürlich sein, dass es Frauen gibt, denen es darum geht. Dann sollten wir aber herausfinden wieso das so ist, anstatt Hetzte zu betreiben. Wäre es nicht sinnvoller, die Zeit und Kraft, die wir in dieses spekulative Diskussion stecken, für Lösungen von handfesten Problemen wie häusliche Gewalt zu nutzen, die in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommen?

Die Gleichstellung wird politisch ausgeschlachtet

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Der frühere französische Minister Dominique Perben erklärte einst, dass die soziale Integration über die Rolle der Frau funktioniert und die Burka daher ein Hindernis dieser ist. Denken Sie, dass die Diskussion eine andere wäre, würde es um Männer gehen?
Ja, das glaube ich. Als Frau hat man immer mit mehr Stereotypen und mit mehr Unterdrückung zu kämpfen. Diese Diskussion zeigt ja, dass man einer Frau nicht zutraut, eigene Entscheidungen zu treffen oder für die eigenen Rechte einzutreten. Dabei schließen sich Kopftuch und Feminismus nicht gegenseitig aus. Sich auf die Geschlechtergleichstellung berufen, um aus einer bewussten Entscheidung einer Frau ein Politikum zu machen, raubt dem Konzept jegliche Glaubwürdigkeit. Die Gleichstellung wird für andere politische Zwecke ausgeschlachtet.

Das Gespräch führte Max Tholl 

Im Transcript Verlag erschien jüngst das Buch "Kopftuchdebatten in Europa - Konflikte um Zugehörigkeit in nationalen Narrativen" von Anna Korteweg und Gökce Yurdakul

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