Die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft  Trump und Clinton können Amerika nicht einen 

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Historiker

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Mischa Honeck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Washington DC. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der USA in transnationaler Perspektive.

Egal wer ins Weiße Haus zieht, die Wunden Amerikas werden nur langsam heilen. Die Idee einer geeinten Nation die Clinton und Trump propagieren, bleibt vorerst nur Wunschdenken. 

E pluribus unum – „aus vielen eins“. Seit seiner Erstverwendung 1782 versinnbildlicht das Staatsmotto der USA den Anspruch der jungen Republik, aus vielen Einzelteilen ein harmonisches Ganzes zu schaffen. Auch in diesen Wochen, in denen sich mit den Nominierungskonventen der beiden großen Parteien der Kampf ums Weiße Haus zuspitzt, sind die Einheitsappelle kaum zu überhören. Barack Obama trat 2004 ins politische Rampenlicht, als er auf dem Parteitag der Demokraten seine Mitbürger daran erinnerte, dass sie trotz aller politischer Differenzen zuerst Amerikaner sind. „Wir sind nicht so gespalten, wie es scheint,“ erklärte Präsident Obama am 12. Juli in Dallas auf der Trauerfeier zu Ehren der fünf ermordeten Polizisten. Donald Trump und Hillary Clinton nutzen derweil die Einheitsrhetorik für ihre Zwecke. „Stronger Together“ lautet die Formel, mit der Clinton auf ihren Wahlkampfauftritten die Anhänger mobilisiert, während Trump in seiner Antrittsrede in Cleveland von einer Nation am Rande des Abgrunds sprach, die nur er wiederherstellen, einen und zu neuer Größe führen kann. In diesem einen Punkt treffen sich die Demokratin und der Republikaner, die unterschiedlicher nicht sein können und sich bereits jetzt bis unter die Gürtellinie bekämpfen. Die bewusste Vereinnahmung eines Ideals? Oder doch nur Ausdruck allgemeiner Ratlosigkeit?

Clinton und Trump sind so unpopulär, wie nur wenige Kandidaten vor ihnen

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Selten waren sich die Vereinigten Staaten selbst so fremd wie in diesen Tagen. In hasserfüllten Kommentaren und in den Kugelhageln von Orlando, Dallas und Baton Rouge entpuppt sich der eigene Einheitsanspruch dieser stolzen Demokratie als Fiktion. Zwischen Clinton und Trump liegen politisch zwar Welten, aber die amerikanische Geschichte weist wenige Präsidentschaftsanwärter auf, die noch unpopulärer waren. Beide Kandidaten als Betriebsunfälle abzukanzeln verkennt jedoch die Tatsache, dass die Kontrahenten und das unversöhnliche Lagerdenken, das sie repräsentieren, das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung sind. Viele werden sofort an die Dysfunktionalität der Regierung in Washington denken, allen voran an den nahezu reformunfähigen US-Kongress. Wo früher politischer Kompromiss und das vielzitierte „reaching across the aisle“ herrschten, blockieren sich Republikaner und Demokraten gegenseitig.

Rassismus ist die Erbsünde der amerikanischen Gesellschaft

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Doch das ist nur die Spitze des Eisberges. Seit Jahrzehnten schwelen die „Culture Wars“, ein immer wieder aufflackerndes Ringen um die moralische Überlegenheit ländlich-konservativer oder städtisch-progressiver Lebensweisen. Hinzu kommt die nicht bewältigte Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008, die populistisches Anti-Establishment-Denken, Immigrantenfeindlichkeit, und den Konflikt zwischen Globalisierungseliten und Globalisierungsverlieren geschürt hat. Islamophobe Äußerungen, die den Kampf gegen den internationalen Terrorismus und die Kriege im Nahen Osten flankieren, sind in weiten Teilen der amerikanischen Gesellschaft salonfähig geworden. Schließlich zwingt die nicht endend wollende Ereigniskette der tödlichen Polizeigewalt, die in den Erschießungen zweier schwarzer Amerikaner durch Polizisten in Louisiana und Minnesota und den folgenden Racheakten von Dallas und Baton Rouge gipfelte, die Nation dazu, erneut in die hässliche die Fratze des Rassismus zu schauen – jener Erbsünde, die das Land einfach nicht abstreifen kann.

Donald Trump verdankt der fragmentierten, teils hysterischen digitalen Öffentlichkeit seinen Aufstieg

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Das Erregungspotential des Internets heizt die Konfliktherde zusätzlich an. Es ist eine Ironie des technischen Fortschritts, dass potentiell globale Kommunikationsforen tribale Strukturen nicht überwinden, sondern diese befördern. In sozialen Medien treffen sich Gleichgesinnte, die Bestätigung für ihre eigenen Überzeugungen suchen und Andersdenkende meiden. Fakten werden in der digitalen Demokratie, wie die amerikanische Publizisten Jill Lepore bemerkte, zu Meinungen degradiert; Gerüchte und Empörung ersetzen Analyse und Diskurs. Nicht zuletzt Twitter-König Donald Trump verdankt der fragmentierten, teils hysterischen Öffentlichkeit 2.0, in der hemmungslos gegen gewählte Volksvertreter und professionelle Journalisten polemisiert wird, seinen Aufstieg. Unterdessen leisten Live-Bilder von Gewalttaten, die von privaten Handys aufgenommen werden und sich dann rasant im Netz verbreiten, zwar wichtige Aufklärungsarbeit aber gießen zugleich Öl ins Feuer einer gefährlich aufgeheizten öffentlichen Stimmung.

Weder Trump noch Clinton können die Wunden des Landes heilen

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Die Vereinigten Staaten müssen sich auf einen heißen Herbst gefasst machen. Darauf hinzuweisen bedeutet keineswegs, dass die Nation nach 1861 zum zweiten Mal auf einen Bürgerkrieg zusteuert. Es heißt auch nicht, dass sich die Ausnahmezustände der späten 1960er wiederholen müssen, als die Morde an prominenten Politikern und Bürgerrechtlern zu Rassenunruhen und brennenden Stadtvierteln führten. Es bedeutet aber, sich von der Illusion zu verabschieden, die innere Befriedung eines Landes, wo die Kluft zwischen arm und reich, gebildet und ungebildet, schwarz und weiß größer geworden ist, läge in der Hand von Trump oder Clinton. Stellvertretend für ein ganzes Land offene Wunden zu heilen übersteigt die Fähigkeit eines einzelnen Politikers. Das ist eine Lektion, die man aus der Präsidentschaft Barack Obamas ziehen muss. Vertrauen, Verständnis und Empathie für das Leid des Anderen zu wecken – diese Arbeit beginnt nicht im Weißen Haus, sondern in alltäglichen Begegnungen von Menschen, die lernen müssen, besser zuzuhören, wenn einer von ihnen Geschichten aus dem „anderen“ Amerika erzählt. Nur so kann der Ausstieg aus der Spirale der inneren und äußeren Verfeindung gelingen, so dass die Fiktion der Einheit nicht mehr als Heftpflaster für den gesellschaftlichen Unfrieden herhalten muss.

 

 

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