Trump und Rassismus „Trump hat der naiven Medienelite die Augen geöffnet“

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Rich Benjamin ist ein amerikanischer Autor der für Zeitschriften und Magazine wie "The New York Times", "The Guardian" oder "TIME" schreibt. Für sein Buch "Searching for Whitopia" besuchte er die weißesten Gemeinden seines Landes.

Der amerikanische Autor Rich Benjamin hat über Jahre die weißesten Gemeinden seines Landes besucht. Im Interview erklärt er wieso Obama und Trump den Traum einer Rassen-Unschuld zerstört haben und Hillary Clinton sich auf das Niveau ihres Gegners herablässt. 

In den sieben Jahren unter Barack Obama, wurde in den USA viel über Rassenunterschiede diskutiert. Sehen Sie Donald Trumps Kandidatur als Zeichen, dass sich in der Zeit trotz allem wenig verändert hat?
Man muss Trumps Kandidatur als das verstehen, was sie ist: eine Gegenreaktion auf Barack Obamas Amtszeit. Donald Trump forderte die Geburtsurkunde des Präsidenten und unterstellt ihm, kein Amerikaner zu sein. Die Republikaner um Trump instrumentalisierten Obamas Hautfarbe um ihn auszugrenzen. Es ist klar, dass Rassismus und die mit ihm verbundenen Ängste Trump und seine Anhänger antreiben.

Sie haben ein Buch über sogenannte „Whitopias“ geschrieben – Gemeinden, in denen fast ausschließlich Weiße wohnen.  Würden Sie behaupten, dass diese weißen Enklaven Hochburgen von Trump-Unterstützern sind?
Ja und Nein. Ich habe diese Gemeinden, die ich vor einigen Jahren besuchte, kürzlich noch einmal bereist um zu analysieren, wie hier in den demokratischen und republikanischen Vorwahlen gewählt wurde. In Tennessee, New Hampshire oder Missouri gab es viel Zustimmung für Trump. In Utah hingegen, waren andere republikanische Kandidaten deutlich beliebter. Man kann die whitopias nicht über einen Kamm scheren, es gibt große regionale und sozio-ökonomische Unterschiede.

Trump wird immer wieder des Rassismus bezichtigt. Auch andere Republikaner und selbst Hillary Clinton sehen sich diesen Vorwürfen ausgesetzt. Hat die amerikanische Politik allgemein ein Problem mit Diskriminierung?
Interessant ist, dass alle mit dem Finger anklagend auf Trump zeigen und ihm die Schuld an der Hetze und dem Hass geben. Dabei sind Trumps Parolen und Gedankengut nicht neu. Seine Ansichten sind tief in den konservativen Kreisen der amerikanischen Politik verankert. Die momentane Kritik an Trump ist scheinheilig. Die Partei ist Frankenstein und Trump ihr Monster. Er wiederholt nur, was andere Republikaner vor ihm schon geäußert haben. In den whitopias habe ich seine Sprüche schon vor Jahren gehört. Trump verschärft den Ton noch einmal und es steht bei ihm deutlich mehr auf dem Spiel als bei anderen, aber seine Ideen gibt es in der amerikanischen Politik schon seit mindestens einem Jahrzehnt.

„Trump ist ein durch und durch weißes Phänomen“

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Trumps Anhänger werden oft als ungebildet, arm und weiß charakterisiert. Er hat aber auch viele Anhänger unter den Reichen und in der Mittelschicht. Ist Trump ein gesamtgesellschaftliches Problem?
Trumps Anhänger sind Leute die glauben, dass dieses Land dem Untergang geweiht ist und dieses Gefühl gibt es in allen Gesellschaftsschichten. Seine Anhänger glauben nicht nur, dass das Land zugrunde geht, sondern auch, dass sie dem hilflos zuschauen müssen. Sie glauben, dass Trump das Ruder herumreißen kann. Was auffällt ist wie wichtig Klasse und Status wieder werden. Man kann Klasse auf zwei Arten definieren: basierend auf Einkommen oder Bildungsgrad. Weiße mit College-Abschluss unterstützen Trump nicht. Seit 1952 gab es keinen republikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr, der unter bildungsstarken Weißen an Zustimmung verloren hat.

Es gibt aber sogar Afroamerikaner und Latinos, die Trump trotz seiner Äußerungen unterstützen.
Natürlich, aber dieser Anteil war immer schon gering und verringert sich von Tag zu Tag. Trump ist ein durch und durch weißes Phänomen.

„Weiße wollten das Rassismus-Problem vergessen“

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Rassismus ist ein vieldiskutiertes Thema des Wahlkampfes, aber es bleibt oft bei substanzlosen Argumenten oder plumpen Angriffstaktiken. Probleme wie rassistische Polizeigewalt oder diskriminierende Praktiken in der Arbeitswelt oder der Wohnungsvergabe werden hingegen totgeschwiegen.
Es ist ein Skandal! Der Ton wird immer schärfer, aber die Argumente immer dünner. Der Wahlkampf ist komplett inhaltslos beim Thema Rassismus. Es geht nur noch um Selbstinszenierung, die Showbusiness-Taktiken haben die Überhand gewonnen. Das hat man besonders bei den Fernsehduellen gemerkt. Dieser Wahlkampf hat aber auch die weiße Rassen-Unschuld zerstört.

Wie meinen Sie das?
Die “Black Lives Matter” Kampagne und die Live-Videos rassistischer Polizeigewalt gegenüber Afro-Amerikanern lassen sich nicht ignorieren. Als Obama ins Weiße Haus zog, glaubten viele wohlwollende Weiße, dass Amerika endlich sein Rassismus-Problem hinter sich gelassen hat. Die weiße Elite wollte diese Problematik vom Tisch haben. Deshalb stößt es ihnen übel auf, dass Trump nun ihren Traum eines geeinten, post-rassistischen Amerikas zerstört hat. Diese Elite will weder schwarze, noch weiße Rage sehen. Weder Proteste von Afro-Amerikanern, noch Proteste von Trump-Anhängern. Rassenunruhen verdeutlichen, dass es eine ökonomische und Rassen-Hierarchie gibt. Obama und Trump haben den Traum der weißen Rassen-Unschuld beendet.

„Hillary Clinton muss sich auf Trumps Niveau herablassen“

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Der Wahlkampf wird oft als Beispiel einer post-faktischen Politik angeführt, in der Emotionen wichtiger sind als Wahrheiten. Ist das eine neue Entwicklung?
Wir erleben das Zeitalter einer Politik abseits der Wahrheit. Die Bush-Regierung hat damals bei der Irak-Invasion auch ihre eigenen Wahrheiten geschaffen. Karl Rove und Donald Rumsfeld waren überzeugt, dass die Auffassung wichtiger ist als die Fakten und dass eine Lüge, die man ständig wiederholt zu einer gefühlten Wahrheit wird. Trump hat diese Praktik auf ein neues Level getrieben und sie verbreitet.

Bedient sich Hillary Clinton einer ähnlichen Taktik?
Sie ist gewissermaßen dazu gezwungen. Sie muss dieselben Taktiken anwenden und sich auf Trumps Niveau begeben. Sie kann der Showbusiness-Falle nicht entkommen. Beide Kandidaten hören sich immer an, als würden Sie sich gerade auf Twitter duellieren – sogar im realen Leben.

Thomas Friedman schrieb jüngst in seiner Kolumne für die New York Times, dass das Land diese Wahl nur verlieren kann, egal wer gewinnt. Stimmen Sie ihm zu?
Ich bin da weniger pessimistisch. Es gibt enorme Herausforderungen, aber Clinton kann eine gute Präsidentin werden. Als Obama antrat, hätte auch niemand geglaubt, dass er eine Reform des Gesundheitssystems durchboxen würde.

„Trump hat einer naiven Medienelite die Augen geöffnet“

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In Ihrem Buch schreiben Sie, dass ein Land Rassismus ohne Rassisten haben kann und Diskriminierung oft unabsichtlich stattfindet. Glauben Sie, dass Trump und seine Anhänger so zu verstehen sind?
Trump ist sehr gut darin absichtlich Ängste zu schüren – egal ob diese Ängste bewusst oder unbewusst sind. Es kann unabsichtlichen Rassismus geben, wenn Leute rassistische Ansichten haben, ohne sich dessen bewusst zu sein. Man verbindet zum Beispiel Positives mit Weißen und Negatives mit anderen Ethnien ohne direkt diskriminieren zu wollen.

In Europa hat die Flüchtlingsfrage viel Fremdenfeindlichkeit hervorgerufen – gerade in Landstrichen, die paradoxerweise wenige Flüchtlinge beherbergen. Das Fremde wird bedrohlich, weil es fremd ist. Ist es in den USA ähnlich für Afro-Amerikaner?
Es ist anders, weil wir schon seit über 200 Jahren hier sind und wir überall sichtbar sind. Nehmen Sie den Süden: hier gab es am meisten Sklaverei und Rassismus aber genau hier fand ich die whitopias, die mich am offenherzigsten empfingen. Der Kontakt zwischen Schwarz und Weiß ist hier seit Jahrhunderten sehr intim, deshalb fühlte ich mich hier weniger fremd.

 Im Buch beschreiben Sie, wie Sie eine Enklave von weißen Rassisten besuchten, die Ihnen mitteilten, dass man nichts gegen Sie hat, man aber lieber auf Distanz zu Schwarzen leben will. Ist das eine weitverbreitete Sicht in den USA?
Das war sicherlich eine Lektion für mich. Ich glaube nicht, dass das eine Ansicht einer Minderheit ist, viele Amerikaner denken so. Das hängt aber immer von der Region und den Umständen ab.

Angenommen Trump verliert die Wahl: wird seine Kandidatur trotzdem Folgen haben?
Auf jeden Fall – gute und schlechte. Er hat den politischen Diskurs vergiftet. Es gibt schon Zahlen, die belegen, dass es jüngst vermehrt zu rassistischen Übergriffen auf Muslime oder anders aussehende Menschen kam. Das einzig Gute an seiner Kampagne ist, dass er einer naiven Medienelite die Augen geöffnet und verdeutlicht hat, wie groß die Angst und die Wut unter den Menschen sind. Das muss jetzt thematisiert werden. Trump ist eine Warnung – hoffentlich bleibt es dabei. 

Das Gespräch führte Max Tholl 

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