Trump und das Versagen der Demokraten  Donald Trump ist der neue Poet der amerikanischen Politik 

Bild von Crister S. Garrett
Professor für US-Geschichte und Kultur Universität Leipzig

Expertise:

Der US-Amerikaner ist Professor für amerikanische Geschichte und Kultur an der Uni Leipzig. Er studierte Zeitgenössische Geschichte und Politik an der University of California, Los Angeles und lehrte u.a. am Middlebury Institute of International Studies in Kalifornien und an der University of Wisconsin-Madison. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die Zeitgenössische Amerikanische Geschichte, Politik und Gesellschaft in einem internationalen Kontext.

Donald Trumps Erfolg ist auch die taktische Niederlage der Demokraten. Die Partei hat ihre Hoffnungsträger verloren und ihre Wählerschaft vertrieben. In Europa sollte man diesen Fehler nicht wiederholen. 

Baracks Obamas "Yes We Can" haben Trump-Unterstützer für sich beansprucht und umgesetzt. Die politische Poesie in Amerika gehört in dieser Stunde einer Bewegung des Frusts, der Wut und der Sehnsucht nach einem Land, das gefestigt und geprägt ist durch sichere Arbeitsplätze, soziale Mobilität nach oben und kulturelle Merkmale, mit denen man vertraut ist. "Make America Great Again", das ist die andere Nation in den Vereinigten Staaten, die am 8. November 2016 ein politisches Erdbeben ausgelöst hat und die politische Karte des Landes maßgeblich veränderte.

Zwei Amerikas sind bei der Präsidentschaftswahl - und den Kongresswahlen - wählen gegangen. Das "Yes We Can"- Amerika hat sich klar für Hillary Clinton entschieden. Die Anhänger dieses Amerikas leben in Großstädten, haben oft einen Universitätsabschluss, arbeiten mit Erfolg in der New Economy, leben täglich in einer Kultur und Gesellschaft, die von ethnischer und kultureller Diversität geprägt sind. Sie begrüßen die Globalisierung und sehen in ihr eine spannende Zukunft voller Hoffnung und Chancen. Ihre Partei ist die demokratische Partei, die nach den Umwälzungen der 68er-Generation immer mehr von dieser Generation geprägt wurde. Minoritäten aller Couleur und Richtungen finden sich heute in ihr wieder und haben die Oberhand innerhalb der Partei gewonnen. Eine selbstbewusste, optimistische, liberale Geselleschaft - Yes We Can.

Die Rhetorik von Obama und Clinton kann nicht mehr überzeugen

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Nach acht Jahren Barack Obama - und mit der Vorstellung im Kopf von noch vier bis acht Jahren seiner Politik in Person von Hillary Clinton - haben viele dieser Wähler am Wahltag gezögert oder sich gleich enthalten. Viele Demokraten fühlen sich vom scheidenden Präsidenten und der ehemaligen Außenministerin Clinton enttäuscht. Für die Mehrzahl der Wähler hat der erste Afro-Amerikaner im Weißen Haus seine Poesie der Kampagne in eine Prosa des Regierens umgewandelt, die viele Hoffnungen in sein Potenzial als Präsident kaputt gemacht hat. Obama-Care ja, aber mit zu viel "neoliberalismus" eingebacken; Arbeitsplätze ja, aber zu viele im Niedriglohn-Sektor; Einwanderungsreformen ja, aber zu viel Abschiebungen von Menschen ohne Papiere (Obama hat viel mehr Menschen abschieben lassen, als sein Vorgänger George W. Bush). Der Pragmatismus von Clinton und Obama, die Politik der Prosa oder des Machbaren, kann zwar den Verstand überzeugen, aber nicht mehr das politische Bauchgefühl. Dabei sollte gerade Barack Obama wissen, dass meist das Bauchgefühl am Wahltag entscheidet.

Die Demokraten haben die Arbeiterklasse vernachlässigt 

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In dieser politischen Saison war Bernie Sanders der Partei-Dichter der Demokraten. Das haben die Köpfe der Partei zwar verstanden, aber gegen ihn taktiert. Sie hatten die Thronfolgerin bereits gekürt und setzten alles daran, diese Nachfolgerpolitik umzusetzen. Das hat für Sorgen unter vielen Parteiführern gesorgt, etwa bei Vize-Präsident Joe Biden. Er hat immer wieder betont, die Partei dürfe nicht diejenigen Wähler vergessen, die vor acht Jahren für Obamas Erfolg unentbehrlich waren und genauso wichtig im heutigen Amerika sind: die sogenannten "Franklin D. Roosevelt Democrats".

Diese Wähler vertreten zum überwiegenden Teil das "blue-collar"-Amerika, also die Arbeiterklasse des Landes. Sie sind oft ein anderes politisches Klientel als die "Regenbogen-Koalition" der 68er-Generation. Die FDR Democrats haben insgesamt einen niedrigeren Bildungsgrad, haben deutlich mehr unter Globalisierung und dem technologischen Wandel der nationalen Wirtschaft gelitten. Sie sehen in der Globalisierung nicht sofort Chancen, sondern eher Gefahren. Es ist kein Zufall, dass Bernie Sanders und Donald Trump während der Vorwahlen oft in den selben Wahlkreisen in Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin am besten abgeschnitten haben. Es waren diese Bundesstaaten, die später eine entscheidende Rolle spielten, Donald Trump ins Weiße Haus zu hieven. Donald Trump verstand sehr früh: nicht nur die Intellektuellen in der demokratischen Partei, sondern auch die Köpfe in der republikanischen Partei haben diese FDR Demokraten-Wähler aus den Augen verloren.

Donald Trump agiert ähnlich wie Ronald Reagan in den 1980er

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Deshalb ist ein Jeb Bush - mit viel mehr Geld in der politischen Kriegskasse als Trump - in den Vorwahlen kläglich gescheitert ("Gute Nachricht": Wir sehen am Scheitern der Bush und Clinton Dynastien in dieser Wahlsaison, dass Geld die Politik in Amerika nicht regiert - ohne Geld geht zwar nichts, aber Geld garantiert auch nichts). Donald Trump hat sich das politische Manuskript von Ronald Reagan ausgeliehen. Reagans "It's a New Morning in America" wurde in "Make America Great Again" umgewandelt. Mit einer klaren Botschaft von der Renaissance des Amerikanischen Traums mit starker Wirtschaft, einer selbstbewusstern Nation und einer Lobeshymne auf traditionelle Werte, hat Ronald Reagan damals viele Demokraten für sich gewinnen können. Diese Demokraten waren und sind immer noch zum Großteil  FDR Demokraten. Mit Reagan kam ein neuer Begriff in den amerikanischen politischen Wortschatz: Die Reagan Democrats. Sie waren entscheidend für Reagans politischen Erfolg über die acht Jahre seiner Amtszeit hinweg.

Trumps Wähler sind einfache Leute 

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Und nun haben wir wohl die "Trump Democrats". Man kann sie als "einfache Leute" abtun. Das ist demokratisch allerdings problematisch, im liberalen Sinne gefährlich, und analytisch daneben. Einfach heißt nicht doof, es heißt einfach zu verstehen und zu verinnerlichen. Das hat Barack Obama verstanden, das versteht auch Donald Trump. Donald Trumps Wähler gehen nicht ins Kennedy Zentrum in Washington D.C. um ein klassisches Konzert zu hören. Sie hacken Holz auf der Ranch oder holen sich Hühnchen bei Kentucky Fried Chicken (Bill "Bubba" Clinton ließ sich als Präsident allerdings auch oft in McDonalds-Filialen blicken). Reagan und Trump Democrats schauen nicht "The West Wing" oder "Upstairs Downstairs", sie schauen Reality-TV oder Die Simpsons. Und in diesem Sinne, hat Hillary Clinton vielleicht die weltoffene, kluge Lisa Simpson begeistern können, aber Donald Trump fand Anklang bei dem „einfachen“ Homer, was ihm den Wahlsieg sicherte.

Trump ist eine amerikanische Erscheinung, aber ein transatlantisches Phänomen

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Diese Analyse hat auch direkte Implikationen für Deutschland und Europa. Letztendlich ist Donald Trump eine amerikanische Erscheinung, aber ein transatlantisches Phänomen. Seine Anhängerschaft zeigt frappierende Ähnlichkeit zu einem Teil der Wähler auf, die in Großbritannien für den Brexit gestimmt haben: viele Mitglieder der Labour Party, die sich von dem Motto "Make Britain Great Again" begeistern ließen – kurzum das britische Pendant zu den FDR Demokraten. Marine Le Pen in Frankreich und ihr Front National punkten hervorragend bei ehemaligen Wählern der Linken. Die AFD hierzulande hat ebenfalls starken Zulauf von ehemaligen Wählern der SPD oder der Linken. Hier entsteht ein transatlantisches Ökosystem, bestehend aus Wählern, die im Zuge der wirtschaftlichen Umwälzungen unserer Gesellschaften, sozialen Umbrüchen und kulturellen Umwälzung kämpfen um sich über Wasser zu halten. Dieses Gefühl und verinnerlichte Realität der transatlantischen FDR-Reagan-Trump Demokraten muss man respektieren und ernst nehmen.

Ich habe für Hillary Clinton gestimmt. Ich bin enttäuscht. Aber ich respektiere das demokratische Ergebnis gerade als solches - als demokratisches Erdbeben, ausgelöst von vielen Faktoren, die bei weitem nicht allein von Donald Trump hervorgezaubert wurden. Er ist eher Seismograph von den zwei Nationen die es nun in den USA gibt. Von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen tektonischen Platten die sich innerhalb der Gesellschaft gegeneinander und nebeneinander reiben und verschieben. Damit muss sich die liberale Politik in den USA, und in der liberalen, transatlantischen Gesellschaft, und Gemeinschaft, auseinandersetzen. Die Wahl gilt.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Michael Voigt
    Das Phänomen von Trump in den USA und den Rechtspopulisten in Europa kein politisches, sondern ein kulturelles: Nachdem die medial organisierte Öffentlichkeit jahrzehntelang die sprachlichen Verwerfungen der unseligen Dreifaltigkeit von Frankfurter Schule, Diskurstheorie und Dekonstruktivismus ertragen musste, schlägt nun ein Teil von ihr zurück.
    Was dem Einen die Transgender-Debatte, ist dem Anderen die Lügenpresse. Jetzt versuchen beide Seiten die Deutungshoheit im Diskurs zu erlangen. Die kulturelle Oberschicht gegen die kulturelle Unterschicht. Das Dauerfeuer der politischen Korrektheit hat den üblichen Ärger über das verquaste Gebrabbel in Hass verwandelt.
    Schön, dass wenigstens keine Seite mit Inhalten kommt.
  2. von Markus Müller
    Den Fehler der Demokraten in den Staaten sollte man in Europa nicht wiederholen,tut man aber leider pausenlos.Gerade die SPD enttäuscht am laufenden Band.Das wird ein Erdrutsch werden 2017.