Wie Lebenslagen die Politik verändern  Die Lebenslage der "arbeitenden Mitte" fördert die politische Neigung zur AfD

Bild von Everhard  Holtmann
Politologe, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Expertise:

Everhard Holtmann ist ein deutscher Politologe und Hochschullehrer an der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale. Seit 2012 leitet er das Zentrum für Sozialforschung Halle e. V.

Der Erfolg der AfD lässt sich zu weiten Teilen darauf zurückführen, dass ihre Anhängerschaft die eigene Existenz bedroht sieht. Es muss den etablierten Parteien gelingen, diese vom Gegenteil zu überzeugen, um die Partei zu stoppen. 

Angst, Bedrohungsgefühle und Unsicherheit beschreiben nach verbreiteter Meinung von Zeitbeobachtern psychologische Chiffren, welche den rapiden Aufstieg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD in der Wählergunst erklären. Dieses Begründungsmuster ist im Prinzip schlüssig. Jedoch ist der Erkenntnisgewinn zweifelhaft, wenn eine Vielzahl von verunsichernden Faktoren, wie Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung, soziale Abstiegsängste, das Gefühl von Ausgrenzung und Zurücksetzung, ferner verloren gegangenes Vertrauen in Politik und Politiker oder persönliche Zukunftsängste in einem tiefenpsychologischen Schmelztiegel verrührt werden. Dann bleibt, wie Jens Bisky kürzlich treffend anmerkte, die These von der Verunsicherung und den Ängsten „vage, unstrukturiert, alles Mögliche von der Arbeitslosigkeit bis zur Autoritätshörigkeit addierend, und nicht in der Lage, tatsächliche Zusammenhänge zu erfassen“.

Angst, Bedrohung und Unsicherheit taugen erst dann für die Erklärung psychologischer Hintergründe des Wahlverhaltens, wenn sie sich als besondere Kennzeichen einer Bezugsgruppe dieser zuschreiben lassen. Es bedarf also der klaren Abgrenzung einer gesellschaftlichen Formation, die sich über das Empfinden von Unsicherheit als ein besonderes Erfahrungskollektiv herstellt und kraft dessen der AfD als soziale Trägerbasis dient. Notwendig ist folglich eine hinreichende soziale Distinktion jener Teilgruppe(n), für die ein Grundgefühl generalisierter Unsicherheit, aus dem sich Sympathie für die AfD speist, typisch ist.

Die individuelle Bewertung der Politik wird von der subjektiven Wahrnehmung der eigenen Lebensumstände beeinflusst. 

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Um sich einer solchen sozialpsychologischen Eingrenzung des Wählerreservoirs der AfD anzunähern, können wir auf das Analysekonzept der Lebenslagen zurückgreifen. Dieses Konzept hebt darauf ab, dass die individuelle Bewertung von Politik durch die subjektive Wahrnehmung der eigenen Lebensumstände beeinflusst wird. Im Fokus der Wahrnehmung der Menschen stehen dabei insbesondere das Berufsleben und die eigene finanzielle Situation. Werden die Lebensbedingungen als Lebensrisiken erfahren, reagieren Betroffene verunsichert. Erscheinen die Lebensperspektiven gar düster und trostlos, schlägt Unsicherheit in Resignation oder eben auch Unmut um. Häufige Folge solchen Verdrusses ist die Abwendung von den Angeboten und Repräsentanten der etablierten Politik.

Die Lebenslage der "arbeitenden Mitte" befördert die politische Neigung zur AfD

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Auch in der heutigen Arbeitsgesellschaft werden Lebenslagen wesentlich berufsbezogen, d.h. über die Erwerbsbiografie definiert: Ausbildung, Berufsleben, Rente. Die Statistik der jüngsten Landtagswahlen zeigt: Überdurchschnittlich erfolgreich war die AfD bei Personen, die, wie es umgangssprachlich heißt, beruflich mitten im Leben stehen; genauer gesagt, bei den berufsaktiven Altersgruppen etwa zwischen 25 und 60 Jahren. Offenbar befördert die Lebenslage der „arbeitenden Mitte“ die politische Neigung zur AfD. Zwar hat nur eine Minderheit dieser gesellschaftlichen Großgruppe für die AfD votiert. Doch für den Wahlerfolg dieser Partei war  - und ist wahrscheinlich auch fürderhin - der Zuspruch, den sie in dieser Großgruppe erhält, entscheidend.

Der Zusammenhang zwischen Lebenslage, subjektiver Verunsicherung, Politikverdrossenheit und rechtspopulistischer Parteineigung lässt sich belegen: So schnitt die AfD beispielsweise bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im März dieses Jahres bei den 25- bis 60Jährigen, insbesondere männlichen Wählern, überdurchschnittlich gut ab. In demselben Bundesland waren, einer Nichtwählerstudie von 2015 zufolge, die Unzufriedenheit mit der Demokratie, das Vertrauen in Politiker sowie das Empfinden, dass es in Deutschland „eher ungerecht“ zugehe, unter 30- bis 50jährigen Nichtwählern besonders stark ausgeprägt. Es überrascht daher nicht, dass die AfD gerade in diesen mittleren Altersgruppen viele vormalige Wahlverweigerer zur Stimmabgabe hat bewegen können.

Was waren die Gründe dafür? - Umfragedaten zeigen, dass neben dem Flüchtlingsproblem die Arbeitsmarktsituation die Problemagenda in Sachsen-Anhalt vor den Wahlen anführte (das war in Mecklenburg-Vorpommern im September übrigens nicht anders). Da in beiden Bundesländern die Arbeitslosenraten seit längerem stetig zurückgegangen sind, müssen es andere Merkmale des Arbeitslebens sein, die als problematisch wahrgenommen werden, nämlich strukturelle Erfahrungswerte aus der Arbeitswelt, die von den Beschäftigten als Defizite „guter „Arbeit“ verinnerlicht sind: etwa ungleiche Löhne in Ost und West, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, unbezahlte Überstunden, fehlende Betriebsrenten und anderes mehr. So fügt sich das Puzzle einer als unsicher empfundenen Lebenslage zusammen, in welcher das Gefühl gedeiht, dass Anstrengung vergebliche Arbeitsmüh` ist und Leistung nicht belohnt wird. Dafür wird, ob objektiv begründet oder nicht, „die Politik“ in Haftung genommen. Davon profitieren neue Anbieter auf dem Wählermarkt wie die AfD.

Die etablierten Parteien können nach rechts abgewanderte Wähler zurückgewinnen 

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Dass die als „Altparteienkartell“ geschmähten etablierten Parteien nach rechts abgewanderte Wähler*innen zurückholen können, erscheint nicht von vornherein aussichtslos – vorausgesetzt, sie machen sich die Perspektive der Lebenslage der arbeitenden Mitte zu eigen. Um die parlamentarische Demokratie in der arbeitenden Mitte unserer Gesellschaft wieder aufzuwerten, bedarf es der Gewährleistung existenzsichernder und leistungsgerechter Lebens- und Arbeitsbedingungen. Hier hat Politik zumindest eine „rahmende“ Funktion. Parteien, die sich dieser Aufgabe annehmen, können verloren gegangene Lösungskompetenz neu gewinnen. 

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