Eine Debatte der Initiative Schmeckt Richtig! Wir brauchen mehr Bildung, mit Information alleine ist es nicht getan

Bild von Dr. Silke Lichtenstein
Diplom-Ökotrophologin bissweise.de

Expertise:

Dr. Silke Lichtenstein ist Diplom-Ökotrophologin und Gastronomie-Betriebswirtin. Als Wissenschaftlerin hat sie sich mit Adipositas von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Heute lehrt sie als Dozentin an mehreren deutschen Hochschulen, Akademien und Bildungswerken. Als Autorin schreibt sie für Fachpublikationen und ist Rednerin auf Fachkongressen und Konferenzen. Im Jahr 2013 gründete sie ihr Unternehmen bissweise Consulting und berät Gastronomie- und Verpflegungsbetriebe, Institutionen und Verbände o.ä.: www.bissweise.de/.

Die Diplom-Ökotrophologin Dr. Silke Lichtenstein geht der Frage nach, was es braucht, um das Problem Übergewicht an der Wurzel zu packen. 

Zentraler Angriffspunkt aller Maßnahmen gegen die Übergewichts-Epidemie ist die Energiebilanz. Die unausgeglichene wohlbemerkt, denn erst der chronische Überschuss durch Nahrung aufgenommener Energie führt zur Ausbildung von Fettreserven im Körper und sukzessive zum Übergewicht. Sinnvoll sind Gegenmaßnahmen, die die Schieflage im Verhältnis von Energieaufnahme und Energieverbrauch regulieren. Die Betonung liegt hier auf dem „und“.

Auf dieses Detail scheinen die Forderungen nach einem politischen Eingreifen verzichten zu können. Richten sollen es u.a. Steuern, Nährwertampeln, Werbeverbote. Der Überschuss in der Energiebilanz muss weg, koste es, was es wolle. Ein bisschen Zwang muss sein. Bezüglich der Kosten sehen die Befürworter zunächst die in der Pflicht, die scheinbar am Übergewicht verdienen, die Lebensmittelwirtschaft, und dann diejenigen, die ungesund essen und trinken. Kann man machen, theoretisch.

Verbraucher müssen ihre Energieaufnahme und ihren Energieverbrauch im Gleichgewicht halten.

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Dennoch steht es außer Frage, dass sich die Problemlösung nicht nur auf die eine Seite der Energiebilanz beschränken lässt. Wo sie doch nun mal zwei hat. Über den zunehmend sedativen Lebensstil zu sprechen ist müßig, und unpopulär. Auch in Zeiten von self-tracking verdienen die meisten Berufstätigen nun mal im Sitzen ihr Geld, und auch in Haushalt und Freizeit ist körperliche Aktivität zunehmend vermeidbar. Da sei nicht viel zu ändern. Schon deshalb darf gezweifelt werden, ob ernährungspolitische Maßnahmen mehr erreichen können, als lediglich den Markt für Limo & Co. zu verändern.

Längst an der Zeit, endlich das zum Gegenstand zu machen, um was es hier eigentlich geht: Die Betroffenen und das Übergewicht. Als Krankheit, zu deren Wesen nun mal eine verflixte Komplexität und Individualität im Krankheitsgeschehen gehört. Kein Übergewicht ist wie das andere. Kein Experte würde bestreiten, dass jeder Adipositas immer das individuelle Zusammenwirken eines komplexen Gefüges zahlreicher Einflussfaktoren wie Erbanlagen, Ernährung und Bewegung zugrunde liegt, auf das wiederum sehr viele kausale Ursachen einwirken … Stop! Zu kompliziert! Richtig. Nicht ohne Grund scheitern mehr Therapieversuche, als dass sie Erfolg haben. Vor allem die, die die kausalen Ursachen nicht angehen. Ein Grund mehr, differenziert, zielstrebig und vorausschauend vorzugehen.

So gesehen, ist eine nicht bedarfsgerechte Energiezufuhr kaum mehr als die sichtbare „Technik“, die zwar zur Gewichtszunahme führt, aber nicht die Wurzel ausmacht. Folglich können Maßnahmen, die diese Wurzel unangetastet lassen, nie mehr sein, als eine Symptombehandlung. Dass diese, etwa in Form eines singulären Eingreifens durch reine Ernährungsmaßnahmen, zur Behandlung von Übergewicht allein nicht zielführend ist, ist in Fachkreisen ausdiskutiert. Warum sollte das in der Prävention anders sein? Wer Übergewicht allein auf ungünstige Lebensmittel reduziert, ignoriert das zentrale Wesen der Erkrankung per se.

Nie war mehr Information, nie mehr Wissen um Ernährung. Und wohl auch noch nie mehr Verwirrung und Unsicherheit. Für eine gesund-erhaltende Ernährungsweise reicht es nicht aus, die nährstöfflichen und medizinischen Risiken zu proklamieren. Über „gut“ oder „nicht gut“ muss jeder Mensch für sich, für seine Bedarfe und Bedürfnisse, entscheiden. Weil es niemand anderes kann! Die Entscheidungsarchitektur des Menschen zu fokussieren, und das, was ihn letztlich gesund hält, ist zielführend.

Über „gut“ oder „nicht gut“ muss jeder Mensch für sich und seine Bedürfnisse entscheiden.

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Menschen, denen eine gesunderhaltende Ernährung gelingt, verfügen über Handlungskompetenz, aber auch über Körperwahrnehmung, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Auf diese bildlich gesprochen „Grundsteine“ gesunder Ernährung bauen die Kerngedanken und Ziele der Ernährungsbildung auf. Bildung verleiht Vertrauen in die eigene Selbstwahrnehmung und stärkt Menschen in ihrer differenzierten und eigenverantwortlichen Entscheidungsfähigkeit. An diesen persönlichen Ressourcen für ein gesundes Leben fehlt es häufig. Trotz oder gerade wegen der unüberschaubaren Informationsflut.

Für gesunderhaltende Ernährung brauchen wir nicht mehr Information, sondern Entscheidungskompetenz durch Bildung.

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Die Wahrnehmung der eigenen Bedarfe und Bedürfnisse ist oft wichtiger, als allein das Wissen um Zucker- und Energiegehalt. Wer nicht weiß, was er selbst wann essen möchte oder nicht, hat genau so wenig Aussicht auf Erfolg, wie jemand, der von beidem keine Ahnung hat. Auch Verhältnisprävention darf nicht außer Acht lassen, was die moderne Ernährungsbildung weiß und umsetzt: Dass Wissen allein nicht ausreicht und dass es am Ende nicht ohne den Menschen geht. Am Point of Sale ist uns  egal, ob „Rot“ oder „Grün“, wenn die gesunde Alternative keinen Mehrwert bringt.

Es fällt auf, dass sämtliche geforderte politische Strategien ausschließlich pathogenetisch ausgerichtet sind. Eine Ampel informiert über reine Analysenwerte bezüglich einzelner Inhaltsstoffe eines Lebensmittels, ungeachtet seiner Wertigkeit jenseits davon, gibt sie „grünes Licht“ oder schlägt Alarmstufe „rot“. Sie „schert“ alle Menschen und alle Lebensmittel pauschal über einen Kamm, gibt „grünes Licht“ oder schlägt Alarmstufe „rot“. Woher das Lebensmittel stammt, welche Arbeit und Handwerkskunst darin steckt, welchen objektiven oder persönlichen Wert es hat, da macht sie keinen Unterschied. Erst recht gibt sie den persönlichen Bedarfen und Bedürfnissen von Verbrauchern keinen Raum. Erstaunlich „retro“, in einer Zeit, in der sich Verbraucher mehr denn je für die Qualität von Lebensmitteln  interessieren!

Politische Strategien müssen auch die Entstehung von Gesundheit im Blick haben – nicht nur die Vermeidung von Krankheit.

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In Zeiten des Überflusses und der allzeitigen Verfügbarkeit von Nahrung und des Bewegungsmangels tun Selbstkontrolle und Selbstregulation mehr denn je Not. Einzelne gesundheitliche Risiken auszuklammern, hält aber nicht automatisch gesund, und schon gar nicht ist dies allein Sache von Information bzw. Aufklärung. Den Antrieb schädliches Verhalten einzuschränken, können beide nicht ersetzen. Den gibt stets eine innere Motivation, die von einer Werthaltung der eigenen Person gegenüber geprägt ist. Wer nicht mindestens über so viel Selbstachtung, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen verfügt, um sich zuzutrauen, Einfluss auf sein Leben nehmen zu können, ist auch kaum dazu in der Lage.

Gesund lebt, wer über Selbstwert und Selbstachtung verfügt.

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Ernährung ist eine der wichtigsten Kulturtechniken des Menschen, über die wir untrennbar mit unserer Umwelt verknüpft sind. Am Anfang einer genussvollen und gesunderhaltenden Ernährung steht ein differenziertes Qualitätsverständnis, das mit Ernährungsbildung vermittelt werden kann. In diesem Sinne gehört zum gesunden Essen und Trinken auch eine gesunde Werthaltung: Lebensmitteln gegenüber, aber auch der eigenen Ernährung gegenüber. Samt Gelüsten! Auch das ist eine Frage der Haltung und der Bildung, nicht der Information.

Zuletzt also der Wunsch, wissenschaftliche und politische Strategie mögen um gegenseitige Wertschätzung, Sachlichkeit und Vertrauensbildung bemüht sein – auch Lebensmitteln und Herstellern gegenüber. Lebensmittel- und Landwirtschaft gehören dazu, zur Lebenswelt, zur Esskultur, zum Miteinander. Menschen brauchen Handlungsalternativen und Vertrauen in die eigene Entscheidung. Es hilft, ihnen die richtige Entscheidung zuzutrauen, wo nötig, unterstützen Beratung und Bildung. Daran führt kein Weg vorbei.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Jan Montag
    ernährung als schulfach!
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