DER INHALT WIRD VERANTWORTET VON SCHMECKT RICHTIG - EINE INITIATIVE DER DEUTSCHEN ZUCKERWIRTSCHAFT. Entscheidend ist die Kalorienbilanz – wie können wir den Menschen helfen, eine Balance herzustellen?

Bild von Christoph Minhoff
Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL)

Expertise:

Christoph Minhoff, der Journalist und Autor ist seit 2012 Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL sowie der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie BVE. Zudem ist er als Dozent an der Europäischen Medien- und Business-Akademie in Hamburg tätig. Zuvor war er Programmdirektor des Ereignis- und Dokumentationskanals von ARD und ZDF Phoenix. www.bll.de

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL, wendet sich in seinem Beitrag gegen eine Reduktion der Komplexität beim Thema Übergewichtsprävention.

Da sitzt man vor dem Fernseher und betrachtet ehrfürchtig die Werbeclips, in denen mit gestählten Muskeln ausgestattete Schauspieler zum Kauf von Fitnessgeräten anregen wollen. Mit ganz „einfachen" Übungen, in „wenigen Minuten“ praktisch „ohne jeden Aufwand", würde – so die Verheißung – aus jeder Schwabbelschwarte ein stahlharter Bauch oder Po. Vor allem der Hinweis „mühelos“ lässt uns an den Erfolg glauben und doch ahnen wir, dass hinter den Versprechungen sehr unterschiedliche Auffassungen darüber herrschen könnten, was „mühelos“ bedeuten könnte.

Ähnlich ist die Ankündigung von politisch agierenden Kampagnenorganisationen und deren politischen Verstärkern zu bewerten, mit „ganz einfachen Mitteln“ sei der Kampf gegen das Übergewicht zu gewinnen. Strafsteuer auf Zucker – Bauch flach. Weniger Salz im Brot – Blutdruck runter. Weniger Fett in der Wurst – Übergewicht weg. Solche nationalen Fitness-Überlegungen wirken ähnlich verheißungsvoll, wie der Werbeclip für den Bauch-weg-Trainer. Und sie wären genauso erfolgreich – nämlich gar nicht.

 

Der Kampf gegen Übergewicht ist mit einfachen Lösungen nicht zu gewinnen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

 

Wer sich der komplexen Frage des krankhaften Übergewichts und dessen Bekämpfung ernsthaft nähern wollte, der müsste als erstes Bekenntnis einfachen Lösungen abschwören. Denn Komplexitätsreduktion hilft vielleicht dem Gewissen, aber nicht dem Gewicht. Die Wissenschaft kennt unendlich viele Faktoren, die zum Entstehen von krankhaftem Übergewicht beitragen können. Genfaktoren, Darmflora, Bewegungshäufigkeit, vor allem die unausgewogene Kalorienbilanz. Dabei streiten sich die Gelehrten schon über die Frage, ob der sog. Bodymaßindex überhaupt als Maßstab für Gesundheit taugt. Er tut es – sieht man die Daten – nicht ohne nähere Erläuterungen. Sicher ist nur eins: Eine einzige Zutat ist nicht für ein komplexes Überernährungssystem verantwortlich! Das wird kein ernsthafter Wissenschaftler bestreiten.

 

Eine einzige Zutat ist nicht für ein komplexes Überernährungssystem verantwortlich!

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

 

Nun sieht sich die Politik genötigt – oft getrieben von Interessengruppen – aktiv zu werden. Dabei sollte die Grundsatz gelten: Staatliches Handeln ist dann gefordert, wenn es um den unkontrollierten Anstieg krankhaften Übergewichts geht und nicht bei ästhetischen Lifestyle-Fragen. Die Würde des Menschen endet nicht bei einem bestimmten Schönheitsideal. Staatliche Eingriffe dürfen auch nicht auf Vermutungen, Erwartungen oder Schätzungen zum Gesundheitsstand der Bevölkerung beruhen, sondern auf Fakten, Fakten und vor allem Fakten!

Und da zeigt sich, dass so manch angekündigter Tsunami gemessen an den unbestechlichen Zahlen des statistischen Bundesamtes nicht mehr ist, als eine maue Angst-Welle zum Nutzen einer pharmazeutischen Prophylaxe-Industrie.

 

Manch angekündigter Tsunami entpuppt sich als maue Angstwelle zum Nutzen einer Prophylaxe-Industrie.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

 

Womit wir bei einfachen Lösungsansätzen gegen Übergewicht etwa bei Kindern wären: Eine Smartphone/Spielekonsolen-Strafsteuer könnte hilfreich sein. Oder ein Werbeverbot für Computerspiele, die Kinder über Stunden von Bewegung abhält, könnte vorgeschlagen werden. Ein weiträumiges Halteverbot vor Schulen könnte helfen, Kindern wieder zu Schulweg-Fußgängern zu machen. Schulsportausfälle könnten mit einer Sonderabgabe des Schulträgers geahndet werden. Aber das alles wären sehr einfache Schein-Lösungen, wie beispielsweise eine Zuckersteuer.

 

Eine Zuckersteuer wäre genauso eine Scheinlösung wie eine Strafsteuer auf Spielekonsolen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

 

Letztendlich kommt es auf eine individuelle Betrachtung jedes einzelnen Individuums an. Was für den einen zu viel ist, ist für den andern vielleicht zu wenig. Nicht nur Ernährungsgewohnheiten, sondern auch Bewegungsverhalten und ein emotional ausgeglichener Lebensstil sind wichtig. Dazu müssen die Menschen befähigt werden: mit mehr Schulsport, mehr Ernährungsbildung und einer ausgewogenen Ernährung. Helfen würde auch: Vertrauen in die Bürger – und Wähler – zu setzten. Dass sie mündig sind, dass sie entscheidungsfähig sind, dass sie ihren eigenen Lebensstil auch in Sachen Ernährung leben dürfen, können und wollen. Die unglaubliche Vielfalt der Ernährungsstile zeigt übrigens, dass genau dies auch geschieht. Dazu brauchen die Menschen die Möglichkeit, aus einem möglichst breiten Angebot an Produkten selbstbestimmt und frei entscheiden zu können. Will ich den ungesüßten Kräutertee oder doch lieber die Limo! Will ich den fettreduzierten Käse oder die grobe Leberwurst. Will ich vegetarisch, oder vegan, oder paläo, oder regional, oder saisonal, oder bio, oder clean food, oder free-from oder, oder, oder ... 170.000 Lebensmittel gibt es am deutschen Markt. Jede Wunscherfüllung, jede Notwendigkeit, jeder Lebensstil ist damit möglich.

 

Es kommt auf eine individuelle Betrachtung an: Was für den einen zu viel ist, ist für den andern vielleicht zu wenig.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

 

Deshalb müssen die Konsumenten auch nicht vom Staat erzogen oder gelenkt, sondern befähigt werden. Damit sie in der Lage sind, eine bewusste Entscheidung für einen gesunden Lebensstil zu treffen, benötigen sie ausreichend Informationen. Seit Dezember 2016 haben die Lebensmittelhersteller verpflichtende Nährwertangaben auf nahezu allen Lebensmitteln. Viele Hersteller informieren auf freiwilliger Basis sogar schon länger umfassend und leicht auffindbar über allerlei Kommunikationskanäle. So finden die Menschen alle wichtigen Informationen, die sie für die Zusammenstellung ihrer Ernährung im Sinne eines gesunden Lebensstils benötigen, auf der Verpackung. Auch Eltern sind aufgefordert, ihren Kindern einen gesundheitsfördernden Lebensstil beizubringen.

 

Konsumenten müssen vom Staat weder erzogen noch gelenkt werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

 

Daher engagiert sich die Lebensmittelwirtschaft auch gern mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, den Bundesländern, Behörden, Gewerkschaften und Sportverbänden in der Plattform Ernährung und Bewegung e. V. (peb). In unzähligen Projekten, werden hier auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Hilfestellungen erarbeitet, die nachhaltig sind in der Übergewichtsprävention.

Wir handeln bereits, wir arbeiten an noch besseren Konzepten, wir erhöhen die Vielfalt und stehen zu unserer Verantwortung: Als ein Teil in einem komplexen Geflecht von Engagement und Verantwortung.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.
Verantwortlich

Open Debate ist das Debattenportal des Tagesspiegel-Verlages für Institutionen, Organisationen und Unternehmen, die ihre Debatten öffentlich und nachhaltig zugänglich machen wollen. Der Inhalt wird nicht von der Tagesspiegel-Redaktion verantwortet, sondern von den jeweils genannten Partnern.