Eine Debatte der Initiative Schmeckt Richtig! Aussagekraft von Ernährungsstudien

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forum. ernährung heute

Expertise:

Marlies Gruber studierte Ernährungswissenschaften in Wien und Stockholm und ist Geschäftsführerin sowie wissenschaftliche Leiterin des forum. ernährung heute (www.forum-ernaehrung.at). Sie unterrichtet Ernährungskommunikation an österreichischen Fachhochschulen und ist Autorin von Sach- und Fachbüchern, darunter "Mut zum Genuss" (edition a-Verlag 2015) sowie Farben Essen (maudrich Verlag 2015). www.forum-ernaehrung.at

Marlies Gruber, Geschäftsführerin und wissenschaftliche Leiterin des forum. ernährung heute, geht in ihrem Beitrag der Aussagekraft von Ernährungsstudien auf den Grund.

„Ernährungsstudien. Sie sorgen für Verwirrung, Unsicherheit und Angst, weil in der Überschrift solcher Studien meist ein Lebensmittel steht und im Ergebnis eine todbringende Krankheit oder wenigstens eine grausame Botschaft. Was sollen wir denn nun nicht mehr essen? Rindfleisch, Eier, Äpfel?“

Das Statement aus einer Diskussionsrunde macht sehr deutlich: Verbraucherinnen und Verbraucher sind punkto Ernährungsbotschaften verwirrt. 7 von 10 sehen sich oft mit Widersprüchen konfrontiert, 6 von 10 wissen nicht mehr, was sie glauben können und sollen.

Verbraucher werden durch die vielen widersprüchlichen Ernährungsempfehlungen verunsichert.

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Mit Ernährungsstudien ist das tatsächlich so eine Sache. Es gibt eine gewaltige Flut an Publikationen und zu fast jedem Nährstoff lassen sich Studien finden, die Zusammenhänge mit allen möglichen Endpunkten, also Risikosenkung oder –erhöhung für Krankheiten oder Todesursachen, Wohlbefinden etc., belegen.

Das Problem ist, dass zum einen oftmals durchweg nicht plausible Ergebnisse veröffentlicht werden. Zum anderen handelt es sich häufig um einzelne Studien, deren Resultate in den Populärmedien ins Rampenlicht gerückt werden. Dabei entsprechen aus Forschungsperspektive längst systematische Übersichtsarbeiten, Meta-Analysen und randomisierte klinische Studien (RCT – randomized clinical trials) der besten Evidenz.

Studienergebnisse  zu Gesundheitsrisiken von Nährstoffen sind häufig nicht schlüssig, erhalten aber viel Aufmerksamkeit.

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Bei einer sachlichen Ernährungskommunikation geht es schließlich um zwei wesentliche Stufen: um die Fakten, deren Analyse und das Verstehen der selbigen und um den Transfer der Forschungsergebnisse in das Alltagswissen. In der Praxis gibt es jedoch eine Reihe von Stolpersteinen. So werden beispielsweise nicht selten Korrelation mit Kausalität gleichgesetzt oder Risiken missverständlich kommuniziert.
 

Eine sachliche Ernährungsdebatte braucht die Übersetzung von Wissenschaft in verständliches Alltagswissen.

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Mit Vorsicht zu genießen sind also häufig behauptete Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung, zum Beispiel „Eier erhöhen den Cholesterinspiegel“. Wissenschaftliche Belege für Behauptungen wie diese fehlen meist, denn Ernährungsstudien geben in der Regel bloß einen statistischen Zusammenhang wieder, spiegeln Korrelation, aber keine Kausalität. „Länder mit hohem Schokoladekonsum haben mehr Nobelpreisträger!“ Auch diese Korrelation kann tatsächlich durch Daten dargestellt werden. Dabei wurde im genannten Beispiel etwa der durchschnittliche Schokoladeverzehr je Land herangezogen und nicht der tatsächliche Schokoladekonsum der Nobelpreisträger. Zudem bezog sich der Konsum auf die letzten beiden Jahre, während die Nobelpreisträger auf ein gesamtes Jahrhundert verteilt waren. Nachdem sich der Schokoladekonsum innerhalb der Jahrzehnte deutlich verändert hat, kann aus dem aktuellen Verzehr kein Schluss auf vergangene Perioden abgeleitet werden. Korrelation beinhaltet also nie automatisch Kausalität. Trends überlagern sich ganz einfach oft.
 

Häufig fehlen in Ernährungsstudien die wissenschaftlichen Belege für Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.

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Auch bei „signifikanten“ Ergebnissen wird häufig davon ausgegangen, dass sie schon allein deswegen die Forschungshypothese bestätigen. Dabei ist die statistische Signifikanz nur ein Indikator, also eine Entscheidungshilfe für die Frage, ob es sich lohnt, in diese Richtung weiter zu forschen. Zudem wird häufig darauf vergessen, nicht bloß darauf zu achten, ob sich Unterschiede zeigen, sondern auch, wie groß diese sind.

Ein weiterer Stolperstein in der Interpretation von Studienergebnissen sind demnach Prozentangaben in Bezug auf eine Risikoänderung durch Ernährungsmaßnahmen. Ändert sich beispielsweise die Sterblichkeit von 2,5 % auf 2,0 %, so bedeutet das eine Verringerung des relativen Risikos um 20 %. Ausgedrückt als absolutes Risiko dagegen, ist es eine Verringerung um 0,5 Prozentpunkte. Ersteres bezieht sich nur auf die Todesfälle, Zweiteres auf alle Untersuchten bzw. die Risikoänderung in der Gesamtbevölkerung. Wird das relative Risiko angegeben, neigen Leser häufig dazu, den Effekt einer Maßnahme zu überschätzen. Das geschah auch bei der von der WHO veröffentlichten Einstufung von rotem, verarbeitetem Fleisch als krebserregende Substanz. Pro 50 g Fleisch am Tag wurde ein um 18 % erhöhtes Risiko für Kolorektalkrebs angegeben. Sieht man sich die absoluten Zahlen an, relativiert sich der Effekt deutlich. So erkranken z. B. in UK generell 61 von 1000 Menschen im Laufe ihres Lebens an diesem Krebs. Die veröffentlichte Risikoerhöhung durch den Fleischkonsum von 50 g am Tag bedeutet demnach, dass 72 Menschen pro 1000 daran erkranken. Sicherlich, jedes einzelne Schicksal zählt, dennoch hält sich die Relevanz dieser Ergebnisse für eine große Menge an Menschen in Grenzen.

Verbraucher überschätzen Risiken häufig aufgrund der medialen Skandalisierung.

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Studienautoren, wissenschaftliche Institutionen sowie Medien sind daher gefordert, Ergebnisse und ihre teils fragwürdigen Interpretationen kritisch zu betrachten, besonders dann, wenn es heißt: A verursacht B!
 

Studienergebnisse und ihre Interpretationen sollten kritisch betrachtet werden, wenn es heißt: A verursacht B!

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1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Stefanie Herfurth-Schmidt
    Wissenschaftliche Studien, die an durchschnittliche Verbraucher adressiert sind, sollten die wesentlichen Informationen in allgemein verständlichen Botschaften enthalten. Der Verbraucher sollte nach dem Lesen einer Studie in eigener Verantwortung entscheiden können, ob er das aufgezeigte Risiko bereit ist, zu tragen. Diese Abwägung ist täglich vom neuen erforderlich. Das fängt bei der Prise Salz an ( Bluthochdruck?) und hört beim Handykonsum auf ( inzwischen bestätigtes Tumorrisiko). Deswegen auf jede Salzpackung zu schreiben, Salzkonsum kann Ihren Blutdruck erhöhen, halte ich für überzogen. Auch Strafabgaben halte ich für falsch. Allerdings sollte man hinsichtlich der Verbreitung der Studienergebnisse differenzieren. Wenn sich ein Nahrungsmittel als eindeutig ursächlich für eine Krankheit anzeigt, sollte auf der Packung stehen, wieviel g des Nahrungsmittels sie enthält und wie hoch der durchschnittliche Tagesbedarf ist, und dann bitte auf jeder Packung,die dieses Nahrungsmittel enthält. Wenn ich auf der Getränkebüchse lese, dass sie 22 g Zucker enthält und dort auch die benötigte Tagesmenge nachlesen kann, ist das hilfreich und aufklärend.
    Allerdings sollte der Staat nicht weiter z. B. am Nikotinkonsum verdienen. Die Tabaksteuer sollte in Gesundheitsabgabe umbenannt werden und direkt in einen Fonds fließen. Bei festgestellter Rauchererkrankung sollte aus diesem Fond an die Gesundheitsorgange ausgezahlt werden.
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