Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Werden Alternativmethoden benachteiligt?

Bild von Roman Kolar
Deutscher Tierschutzbund

Expertise:

Biologe; Stellvertretender Leiter der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes; Vorstandsmitglied des europäischen Tierschutzdachverbandes Eurogroup for Animals; Gutachter in Zusammenhang mit Kongressen, Forschungspreisen und Publikationen zu Tierschutzthemen; Autor zahlreicher Fachartikel und Mitglied in verschiedenen Gremien und Ausschüssen im Bereich Tierversuche und Alternativmethoden.

Alternativmethoden zu Tierversuchen haben es schwer in Deutschland. Sie werden politisch und behördlich nur halbherzig unterstützt, und auch die Forschungsförderung bietet zu wenige Anreize, wissenschaftlich in diese Zukunftstechnologie zu investieren.

Prolog: Alternativmethoden sind nicht der einzige Weg, Tierversuche abzuschaffen

Tierversuche sind in Deutschland grundsätzlich zulässig, auch wenn sie für viele Menschen ethisch nicht vertretbar sind. Wenn aber meine Kollegen und Kolleginnen aus der Biologie beispielsweise den magnetischen Sinn bestimmter Tierarten erforschen wollen, habe ich dafür zwar in gewisser Weise Verständnis. Denn die Neugier des Menschen ist tief in unserem Wesen und unserer Kultur verwurzelt und endet weder an den Grenzen unseres Sonnensystems noch denen unserer eigenen Spezies. Allerdings kann daraus nicht der Anspruch erwachsen, ihr frei von moralischen Grenzen nachzugehen. Sie allein stellt für den überwältigenden Teil der Bevölkerung keinen ausreichenden Wert dafür dar, dass Tiere leiden und sterben müssen. Dasselbe gilt für Aktivitäten von Firmen, die in ihrem Gewinnstreben einen neuen Autolack oder das x-te Mittel gegen Schnupfen entwickeln und spätestens im Rahmen der gesetzlichen Zulassung hierfür Tierversuche durchführen. Natürlich ist es optimal, wenn derartige Versuchsziele heutzutage mit modernen tierversuchsfreien Verfahren verfolgt werden können. Aber wo beziehungsweise solange dies nicht möglich ist, kann die Alternative nur lauten: sofortiger Verzicht.

Alternativmethoden werden rechtlich unzureichend durchgesetzt

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Selbst solche Alternativmethoden, deren Brauchbarkeit wissenschaftlich nachgewiesen wurde, sind derzeit in Deutschland im Zweifelsfall rechtlich nicht durchsetzbar. So ist im neuen Tierschutzgesetz verankert, dass Anträge zur Durchführung von Tierversuchen von Behörden zwar geprüft und bewilligt, aber substanziell nicht mehr in Frage gestellt werden können. Wenn der Antragsteller formal korrekt vorgeht, hat die Behörde praktisch keinen Ermessensspielraum, um aufgrund des Vorhandenseins von Alternativmethoden, aber auch aufgrund einer mangelnden ethischen Vertretbarkeit der Versuche einen solchen Antrag abzulehnen. Hier wird es sicherlich ein juristisches Nachspiel geben, denn die EU-Kommission wird diese offensichtlich unzureichende Umsetzung ihrer neu aufgelegten EU-Versuchstierrichtlinie nicht hinnehmen können. Aber selbst wenn es hier zu einer Nachbesserung kommt, steht dieser Vorgang für das Grundproblem: mangelnden politischen Willen.

Alternativmethoden werden behördlich und politisch unzureichend verfolgt

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Die lange Dauer von der Entwicklung einer Alternative bis zu ihrer Anerkennung durch regulatorische Behörden ist ebenfalls ein politisches Problem. Während die EU und einige Nationalstaaten die langfristige Zielsetzung, dass Tierversuche einmal vollständig durch tierversuchsfreie Verfahren abgelöst werden sollen, in ihren Gesetzeswerken formuliert haben, sucht man ein solches Bekenntnis im deutschen Tierschutzgesetz vergebens. Und eine entsprechende Aussage ließe sich auch für die meisten anderen Länder treffen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den internationalen Gremien, sei es auf EU-Ebene (Beispiel: REACH) oder global (Beispiel: die OECD-Richtlinien zur Chemikalienprüfung), das Mandat Tierversuche abzuschaffen nicht konsequent verfolgt oder von großen Mehrheiten getragen wird.

Alternativmethoden werden unzureichend zur Praxisreife gebracht

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Wenn in Deutschland ein Wissenschaftler eine Alternativmethode entwickelt hat und diese zur Anwendung bringen will, fangen seine wissenschaftlichen und finanziellen Probleme erst an. Insbesondere bei regulatorischen Zielsetzungen, dasheißt, wenn die Methode einmal Tierversuche aus den Prüfvorschriften für Chemikalien oder Medikamente ablösen soll, türmen sich gewaltige bürokratische Hürden auf. Bis zu zehn Jahre dauert es, bis eine Alternativmethode tatsächlich in solche Vorschriften aufgenommen wird, insofern sie nicht vorher an einer der Hürden scheitert. Die zuständigen Entscheidungsträger versäumen es – mittlerweile seit Jahrzehnten – diesen Prozess zu entbürokratisieren und so umzugestalten, dass er transparent, effektiv und wissenschaftlich glaubwürdig wird. Zu letzterem Aspekt gehört auch die Abkehr von der Sichtweise, dass – relevante – Ergebnisse von Alternativmethoden an –zumindest teilweise nachweislich wenig relevanten – Ergebnissen aus Tierversuchen zu messen sind.

Alternativmethoden werden unzureichend gefördert

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Die Bundesregierung hat an verschiedenen Stellen Strukturen und Ressourcen geschaffen, welche darauf abzielen, die Entwicklung von Alternativmethoden anzustoßen beziehungsweise zu erleichtern. Der hierfür im Jahr 1980 geschaffene Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung stellt hinsichtlich Kontinuität und finanzieller Dimension die nachhaltigste Fördermaßnahme dar. Die im letzten Jahresdurchschnitt (2010-2015) ausgeschüttete Summe von 4,5 Millionen Euro beeindruckt auf den ersten Blick. Dies ändert sich umgehend, wenn man das Budget der größten deutschen Förderorganisation betrachtet: Die aus Steuermitteln finanzierte Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vergibt allein im Bereich Biomedizin Jahr für Jahr circa eine Dreiviertel Milliarde Euro. Hier stehen also Ressourcen zur Verfügung, welche eine ganz andere Dimension der Förderung von Alternativmethoden ermöglichen würden.
Natürlich fördert die DFG auch Projekte, in denen gegebenenfalls Methoden entwickelt oder angewendet werden, welche Tierversuche ersetzen können. Aber sie tut dies nicht systematisch und weigert sich seit Jahrzehnten einen Förderschwerpunkt in diesem Bereich zu installieren. Da mutet die einzige konkrete Initiative der DFG für Alternativmethoden geradezu schäbig an: Jährlich werden aus dem Nachlass einer Tierschützerin fünfstellige Beträge ausgeschüttet, um einzelne Projekte nachträglich zu honorieren. So setzt man keine Forschungsanreize für dringend benötigte Zukunftstechnologien.
Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die DFG hier exemplarisch auch für die Aktivitäten anderer Institutionen in Hinblick auf Alternativmethoden steht, denen allen gemein ist, dass es vor allem an einer echten Motivation mangelt. Es ist höchste Zeit, dass sich dies ändert.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Valeska Stephan
    Einerseits muss ich Herrn Kolar zustimmen, auf der anderen Seite muss ich seiner Meinung widersprechen. Es ist sicher richtig, dass Alternativ Methoden einen höheren Stellenwert bekommen sollten, es ist aber meiner Ansicht nach falsch, zu suggerieren, dass es sich dabei um ein eignes Forschungsfeld handelt, was seperat Forschungsgelder erhalten sollte.
    Um Tierversuche langfristig und nachhaltig zu ersetzen ist es essentiell, dass man dazu die Wissenschaftler mit ins Boot holt, die Tierversuche machen. Immerhin sind dies die Personen, die im Endeffekt die Alternativen Methoden nutzen sollen und sie wissen am besten, was sie in ihren Versuchen machen und was sie brauchen, um auf Tiere verzichten zu können. Besser wäre es dementsprechend, wenn Forschungsgelder zu Alternativ Methoden so ausgeschrieben werden, dass sich entweder enge Kooperationen zwischen Wissenschaftlern, die Tierversuche machen und Wissenschaftler, die Alternativen entwickeln, ergeben, oder, dass Wissenschaftler, die Tierversuche machen, sich mehr dazu angespornt sehen, Zeit und Ressourcen zur Verfügung zu stellen Alternativen für ihre Versuche zu entwickeln. Prinzipiell kann es jedenfalls keine Lösung sein einen Forschungszweig "Alternative Methoden" zu etablieren ohne die Personen mit einzubeziehen, die die Methoden später nutzen sollen. Nur durch das Einbeziehen deren Inputs kann man sicher stellen, dass die Alternativen auch wirklich sinnvoll und nutzbar sind.
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