Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Tierversuche: Tierquälerei im Namen der Wissenschaft?

Bild von Ilse Jacobsen
Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut

Expertise:

Ilse Jacobsen leitet die Forschungsgruppe „Mikrobielle Immunologie“ am Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut in Jena und ist Professorin für Mikrobielle Immunologie an der dortigen Friedrich-Schiller-Universität. Die Fachtierärztin für Mikrobiologie absolvierte ihr Studium in Hannover und Pretoria (Südafrika) und forscht an lebensbedrohlichen Infektionen, die von Pilzen wie Candida albicans und Aspergillus fumigatus ausgelöst werden können.

Die Tierversuchs-Debatte in Deutschland wird zu einseitig geführt. Wissenschaftler sollten ihren Standpunkt, den Zweck und die Folgen für die Tiere klarer benennen. Wenn Tierversuche ins Ausland verlagert werden oder sich verantwortungsvolle Forscher zurückziehen, leidet vor allem dem Tierschutz.

Über die Notwendigkeit und den Nutzen von Tierversuchen wird, nicht nur in Deutschland, schon lange kontrovers diskutiert, oft auch gestritten und dies hat in Einzelfällen zu massiven Angriffen verbaler, aber auch physischer Natur auf Wissenschaftler geführt. Dabei scheinen sich Tierschützer und Wissenschaftler auf unvereinbaren Positionen gegenüber zu stehen. Während die Tierschützer ihren Standpunkt offensiv in die Medien bringen, wurde die öffentliche Debatte von der Wissenschaft bislang weitgehend vermieden – auch, weil Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, Angriffe auf sich, ihre Mitarbeiter und Familie fürchten.

Über Tierversuche wird einseitig debattiert – Wissenschaftler müssen sich stärker einbringen.

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Tierschützer und Wissenschaftler argumentieren aus unterschiedlichen Perspektiven. Sinn und Zweck des Tierschutzes ist es, das Leiden von Tieren zu verhindern. Diese emotionale Position ist für viele Bürger leicht nachzuvollziehen, die meisten Deutschen würden sich als tierlieb bezeichnen, viele haben Haustiere und betrachten ihren Hund oder ihre Katze als Familienmitglied. Viele Bürger wünschen sich auch einen tiergerechteren Umgang mit Nutztieren. Wie es aber tatsächlich im Inneren eines Schweinestalls aussieht oder wie es der Legehenne geht, von der das Frühstücksei stammt, wissen wir in der Regel nicht. Noch weniger Menschen haben persönliche Erfahrung mit Tierversuchen. Für eine sachliche Diskussion sind aber ausreichende Informationen für alle Beteiligten eine essentielle Voraussetzung. Dies hat auch die Wissenschaft erkannt und mehrere Initiativen ins Leben gerufen, die für mehr Transparenz sorgen und auch den Standpunkt von Wissenschaftlern differenzierter darstellen sollen. Für eine transparente Diskussion müssen aber auch mehr Wissenschaftler bereit sein, öffentlich über die Versuche zu sprechen, die sie im Rahmen ihrer Forschung durchführen.

Statistiken über Tierversuche reichen nicht aus. Wir müssen auch ihren Zweck und die Belastung der Tiere diskutieren.

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Die öffentlich verfügbaren Informationen zu Tierversuchen sind durch Statistiken geprägt: Die Zahl und Art der verwendeten Versuchstiere und die Einordnung der Versuche, z. B. in die Grundlagenforschung. Dies schafft aber keine adäquate Grundlage für eine differenzierte Diskussion. In Gesprächen mit Freunden, die Tierversuche ablehnen und die nicht nachvollziehen konnten, wie ich – als doch „eigentlich netter und tierlieber Mensch“ – es verantworten kann, Tierversuche durchzuführen, wurde mir klar, dass es Zeit und weitergehende Hintergrundinformationen braucht um das Ziel eines Versuches zu vermitteln und klarzustellen, was der Versuch tatsächlich für das Tier bedeutet. Diese detaillierte Betrachtung von konkreten Versuchsvorhaben ist ja auch die Grundlage der Genehmigung von Tierversuchen. Auch hier mischen sich immer wieder Halb- und Unwahrheiten in die öffentliche Diskussion. Tatsache ist, dass Tierversuche in der Grundlagenforschung genehmigungspflichtig sind. Das bedeutet, dass ein Antrag gestellt werden muss, in dem ausführlich beschrieben wird, vor welchem wissenschaftlichen Hintergrund der Tierversuch steht und welche exakte Fragestellung mit dem Versuch beantwortet werden soll. Außerdem muss detailliert begründet werden, warum die Fragestellung nicht mit alternativen Methoden beantwortet werden kann, warum wie viele Tiere benötigt werden und wie das Leiden der Tiere auf das absolut notwendige Maß beschränkt wird. Dieser Antrag wird in einer Ethikkommission, der auch Mitglieder von Tierschutzorganisationen angehören, diskutiert. Erst nach der Erteilung einer Genehmigung, was häufig mehrere Monate dauert, darf der Versuch durchgeführt werden. Hinzu kommen eine ausführliche Dokumentation und das Verfassen von Berichten für die Behörde. Mit der Durchführung ist also ein erheblicher administrativer Aufwand und eine detaillierte Planung und ethische Abwägung verbunden. Hinzu kommt die Notwendigkeit der geeigneten räumlichen Ausstattung und besonders geschulte Mitarbeiter. Die Durchführung von Versuchen ohne Tiere, z. B. mit Zelllinien, ist wesentlich einfacher und weniger reglementiert, liefert häufig schneller Ergebnisse und Publikationen. Warum nimmt ein Wissenschaftler also den Mehraufwand in Kauf, der mit der Durchführung von Tierversuchen verbunden ist? Weil die wissenschaftliche Fragestellung nicht mit anderen Mitteln bearbeitet werden kann.

Tierversuche und Tierliebe schließen sich nicht aus: Wissenschaftler sind nicht automatisch Tierquäler.

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So ist es auch in meiner Forschung, bei der es um Infektionskrankheiten geht. Soweit möglich arbeiten wir ohne Tiere. Es gibt jedoch Fragen, die nicht in alternativen Modellen zu untersuchen sind, aber wesentlich zum Verständnis dafür sind, wie ein Erreger zu lebensbedrohlichen Erkrankungen führen kann. Ich bin seit 25 Jahren Vegetarierin, auch aus ethischen Gründen und habe Tiermedizin studiert um Tieren zu helfen. Da fällt es mir es nicht leicht, Tierversuche durchzuführen, ganz im Gegenteil ist es für mich persönlich auch eine emotionale Belastung. Die Konsequenz daraus ist, dass wir in meiner Arbeitsgruppe nur dann Tierversuche einsetzen, wenn sie unerlässlich für die Beantwortung einer Frage sind und uns die Frage als so wichtig erscheint, dass sie das moralische Dilemma rechtfertigt. Und die ethischen Überlegungen betreffen nicht nur die Rechtfertigung des Versuches an sich sondern fließen ganz wesentlich in die praktische Arbeit ein: Wie kann ich die Umgebung für unsere Versuchstiere so angenehm wie möglich gestalten? Wie kann ich unnötigen Stress für die Tiere vermeiden, die Belastung so gering wie möglich halten? Kann ich die Analyse von Proben aus den Versuchen weiter optimieren um mehr Informationen zu erhalten und so die Anzahl der Tiere reduzieren? Kann ich vielleicht Proben archivieren, die für unsere Fragestellung nicht relevant sind aber später von anderen Forschern, für andere Fragestellungen, genutzt werden könnten, so dass dafür keine zusätzlichen Versuche durchgeführt werden müssen? Tierliebe und Tierversuch scheinen oberflächlich ein Widerspruch zu sein; für mich ist die Zuneigung zu Tieren und die damit verbundenen Emotionen der Grund, weshalb wir versuchen Tierschutz in Tierversuchen nicht nur auf dem Papier sondern auch in der Praxis umzusetzen. Meinen Mitarbeitern geht es ähnlich und tatsächlich sollte das Mitgefühl gegenüber Tieren eine wesentliche Voraussetzung für die Durchführung von Tierversuchen sein. Eine pauschale Verurteilung von Wissenschaftlern als Tierquäler, die nur ihren eigenen Vorteil oder Ruhm im Blick haben, wie manchmal von Tierschützern angeführt, ist daher nicht zielführend. Ganz im Gegenteil, sollten sich aufgrund der pauschalen öffentlichen Kritik die Wissenschaftler, die Tierversuchen durchaus ambivalent gegenüber stehen, aus der tierexperimentellen Forschung zurückziehen, fehlen in der Praxis Personen, die Mitgefühl mit dem Tier und wissenschaftliche Fragestellung versuchen praktisch zu vereinbaren.

Durch die strengen deutschen Gesetze werden Tierversuche ins Ausland verlagert – nicht im Sinne des Tierschutzes.

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Die Konsequenzen kann man bereits beobachten: Aufgrund des erheblichen Aufwandes, mit dem Tierversuche in Deutschland bereits bei der Beantragung verbunden sind, verlagern Firmen Tierversuche ins Ausland, wo weniger streng reglementiert wird. Auch in der Grundlagenforschung ist es einfacher, Tierversuche z. B. in den USA durchzuführen. Wenn also zum Abschluss einer Fragestellung noch ein letzter Versuch im Tier notwendig ist, die Projektgelder aber bald auslaufen und die Beantragung in Deutschland schlichtweg zu lange dauert, ist es für Wissenschaftler einfacher, einen Kooperationspartner im Ausland zu suchen um die Ergebnisse zu erhalten. Das mag zwar die Anzahl der Versuchstiere in Deutschland reduzieren, verringert aber global nicht die Anzahl der durchgeführten Tierversuche. Eine Maus in den USA verdient ja aber den gleichen Schutz wie eine Maus in einer deutschen Einrichtung. Dies ist mit ein wesentlicher Grund, weshalb wir in meiner Arbeitsgruppe Tierversuche durchführen: Wenn ich selber die Verantwortung übernehmen, kann ich Tierschutz im Tierversuch umsetzen. Überlasse ich wissenschaftliche Fragen, die nur über Tierversuche zu beantworten sind, anderen, werden die Tierversuche auch ohne mein Zutun durchgeführt werden – aber das Wie kann ich dann nicht mehr beeinflussen.

Stirbt ein Angehöriger an einer Infektion, weil es kein geeignetes Antibiotikum gibt, kommt ein Umdenken zu spät.

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Infektionskrankheiten sind weltweit auf dem Vormarsch und verursachen jährlich Millionen Todesopfer. Einen wesentlichen Anteil daran haben resistente Erreger, gegen die nur noch wenige oder keine Antibiotika mehr zur Verfügung stehen. An unserem Institut erforschen wir Infektionskrankheiten und suchen nach neuen Wirkstoffen dagegen. Bis daraus Medikamente werden, die Menschenleben retten, ist ein umfangreiches Entwicklungsprogramm zu absolvieren. Wir erwarten heute nach schlimmen Erfahrungen aus der Vergangenheit höchste Sicherheit in der Anwendung von Medikamenten. Diese Sicherheit kann nur im Tierversuch erreicht werden. Es stehen bislang keine Alternativmethoden zur Verfügung, die unseren überaus komplexen Organismus so gut nachbilden, dass wir auf den Tierversuch verzichten können. Völlig undenkbar ist es heute für uns, neue Wirkstoffe mit unbekannten Eigenschaften direkt am Menschen zu testen. Ein Verzicht auf Tierversuche würde zwangsläufig das Ende jeder Medikamentenentwicklung bedeuten. Für mich kann das kein Ausweg aus dem Dilemma sein. Umso mehr muss meine Verantwortung als Wissenschaftlerin darauf gerichtet sein, Tierversuche auf das unerlässliche Mindestmaß zu reduzieren und täglich aufs Neue auf die Einhaltung höchster ethischer Standards hinzuwirken.

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