Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Tierversuche müssen Tierrechte berücksichtigen

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Universität Mannheim

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Ursula Wolf, geboren 1951 in Karlsruhe, lehrt Philosophie an der Universität Mannheim. Die Moraltheoretikerin gilt seit Jahren als einflussreiche Stimme in der Debatte um Tierethik. Sie ist Verfasserin des Buchs Ethik der Mensch-Tier-Beziehung, das 2012 im Klostermann Verlag erschienen ist.

Tierversuche sind nur dann vertretbar, wenn sie kein Leiden verursachen, argumentiert die Tierethikerin Ursula Wolf. Sie sagt: Dass menschliche Leiden gelindert werden sollen, rechtfertigt nicht, Tiere dafür leiden zu lassen.

Es ist inzwischen im Recht wie in der Alltagsmoral üblich anzunehmen, dass Tiere als leidensfähige Wesen um ihrer selbst willen zu berücksichtigen sind. Was den genauen Gegenstand der Rücksicht betrifft, so ist nach Tierschutzprotokoll des EU-Vertrags von 1997 „den Erfordernissen ihres Wohlbefindens in vollem Umfang Rechnung zu tragen“. Diese Formulierung macht deutlich, dass es weniger um punktuelle Empfindungen geht, dass wir vielmehr bei Tieren von einem – von ihnen selbst subjektiv wahrgenommenen – Wohlbefinden im Ganzen ihres Lebens reden können. Entsprechend ist die Vereitelung des Wohlbefindens breit zu verstehen: Tiere können nicht nur unter Schmerzen leiden. Ein Tier leidet auch, wenn es kaum Betätigungsmöglichkeiten oder keine sozialen Beziehungen hat, wenn es Angst und Stress ausgesetzt ist, und insbesondere wenn diese Bedingungen seines Wohls immer wieder oder für längere Zeit verletzt sind.

Tiere haben moralische Rechte, das heißt, sie haben Anspruch auf moralische Rücksicht.

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Die World Society for the Protection of Animals formuliert: Tiere zählen um ihrer selbst willen. Das wird manchmal auch so ausgedrückt, dass sie einen moralischen Status haben, eine Redeweise, die allerdings nicht besonders klärend ist. Besser könnte man das „zählen“ so verstehen, dass Tiere einen Anspruch auf Rücksicht an uns Menschen haben. Einen solchen Anspruch nennt man normalerweise ein Recht. Was ein Recht ist, ist klar im juristischen Bereich. Es ist aber sicher vorläufig nicht praktikabel, juristische Rechte für alle Tiere in allen Hinsichten einzuführen, in denen Rücksicht auf sie angebracht ist. Gemeint sein kann also nur ein moralisches Recht, und wenn wir nicht an Naturrechte glauben, ist eher unklar, was das ist. Ohne Glaubensannahmen kann man ein solches Recht so definieren, dass es das ist, was eine moralische Norm den Individuen, auf die sie anwendbar ist, verleiht. Die Norm „man soll niemanden belügen“ verleiht Personen das moralische Recht, nicht belogen zu werden, die Norm „verletze niemanden“ verleiht allen verletzbaren Wesen das Recht, nicht verletzt zu werden.

Wozu dann überhaupt die Rede von moralischen Rechten statt von Normen? Sie ist nicht nur als Abkürzung sinnvoll, sondern hat noch eine weitere Bedeutungsfunktion, nämlich den Ansprüchen der Individuen Gewicht zu verleihen, zu markieren, dass sie eine Grenze für Nutzenkalkulationen darstellen.

Hinsichtlich derjenigen Eigenschaften, die Tiere mit Menschen teilen, haben sie gleiche moralische Rechte.

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Auch wenn Einigkeit besteht, dass Tiere moralisch zählen, ist in der Tierethikdebatte strittig, ob sie gleiche Rechte haben wie Menschen. Wie kann man das entscheiden? Man kann natürlich niemanden widerlegen, der eine religiöse Ethik vertritt, derzufolge Menschen wertvoller sind als Tiere, oder als Kantianer an einen höheren Wert der Vernunft glaubt, den Tiere nicht haben. Trotzdem denke ich, dass daraus keine Abschwächung der moralischen Rechte der Tiere folgen muss. Denn was Menschen nach diesen Positionen auszeichnet, ist etwas, das Tiere gar nicht haben. Wo sie Eigenschaften gar nicht haben, ist auch keine Rücksicht möglich. Es ist jedoch nicht ersichtlich, warum sie deswegen in Dimensionen des Lebens, die sie mit uns teilen, weniger Rechte haben sollten. Das erscheint vielmehr willkürlich.

Tierversuche lassen sich nicht durch Verweis auf einen moralischen Konflikt rechtfertigen.

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Betrachten wir zunächst Tierversuche mit wahrscheinlichem medizinischem Nutzen, so werden diese häufig damit begründet, dass das schwere menschliche Leiden, dem abgeholfen werden soll, die Belastungen der Versuchstiere überwiegt. In Wirklichkeit liegt hier keine Konfliktsituation im üblichen Sinn vor, wo wir in den gegebenen Umständen nur das eine oder andere moralische Gebot verletzen können, vielmehr ziehen wir die Tiere in die Situation hinein und opfern ihr Wohl dem menschlichen Nutzen. Eine solche Verrechnung des Wohls ist aber, wie uns die Moral gegenüber Menschen zeigt, in ethischen Fragen nicht zulässig. Den Vorschlag, Versuche an menschlichen Neugeborenen vorzunehmen, um Leiden anderer Menschen zu mindern, würde man nicht für moralisch akzeptabel halten. Das Prinzip, anderen gegen Leiden zu helfen, wird in der im Alltag gängigen Moral grundsätzlich nicht so angewendet, dass dabei eine Opferung des Wohls der einen zugunsten des Wohls anderer erwogen wird. Vielmehr nehmen wir an, dass Individuen moralische Rechte haben, die sie vor schwerwiegenden Eingriffen in ihr Wohl schützen.

Aber besteht nicht ein Konflikt zwischen dem in der Verfassung garantierten Grundrecht auf Forschungsfreiheit und den Rechten der Tiere? Auch solche Grundrechte sind nicht absolut, sondern unterliegen moralischen Schranken. Das Recht auf Forschungsfreiheit erlaubt nicht, aus Forscherneugier andere Menschen der Freiheit zu berauben oder ihnen Leiden zuzufügen. Wenn Tiere in der Moral zählen, muss das für sie ebenfalls gelten.

Tierversuche sind nur dann vertretbar, wenn sie kein Leiden verursachen.

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Tierversuche sind folglich nur dann vertretbar, wenn sie kein Leiden verursachen. Dabei ist Leiden im oben erläuterten starken Sinn der Minderung des subjektiven Wohlbefindens zu verstehen. Insofern fallen geringfügige und kurz dauernde einzelne negative Erfahrungen weniger ins Gewicht. Viele Versuche etwa in der Pharmaforschung erfordern jedoch aufgrund ihrer Fragestellung die Zufügung starker Schmerzen, was die moralischen Rechte der Tiere verletzt. Außerdem werden Versuchstiere häufig in anderer Hinsicht grundsätzlich an ihrem Wohl gehindert sind, wenn sie zum Beispiel nicht genügend Auslauf, Betätigungsmöglichkeiten und soziale Kontakte haben.

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