Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Tierversuche: mehr Akzeptanz durch Transparenz

Bild von Jan Hengstler
Arzt Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

Expertise:

Jan Hengstler hat in Mainz Medizin studiert und ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie. Nach einer Station in Leipzig als Professor für molekulare Toxikologie wurde er Leiter des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung (IfADo) an der TU Dortmund. Hengstlers Projektgruppe beschäftigt sich mit der Funktionsweise der Leber und erforscht Mechanismen, wie Chemikalien Organe schädigen.

Ein zu früher Verzicht auf Tierversuche könnte gerade den Alternativmethoden schaden, die bislang oft noch nicht die gleiche Sicherheit bieten wie ein Tierversuch. In der öffentlichen Debatte brauchen wir mehr Transparenz, aber auch mehr Ehrlichkeit zum Umgang mit Tieren durch unsere Gesellschaft.

Heute gilt es als selbstverständlich, dass der größere Teil der Bevölkerung in Industriestaaten bis in ein relativ hohes Alter ein Leben frei von Einschränkungen durch schwere Erkrankungen führen kann. Vor der Revolution der modernen Medizin war es eher eine Ausnahme, wenn ein Mensch ein Alter von 50 Jahren gesund erreichte. Ein großer Teil der Fortschritte moderner Therapien wäre ohne Tierversuche unmöglich gewesen.

Die Komplexität der Medikamenten-Wirkungen im Organismus bilden oft nur Tierversuche einigermaßen verlässlich ab.

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Bei der Prüfung von neuen Medikamenten sind bestimmte Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben. So müssen beispielsweise seit dem Contergan-Skandal Anfang der 1960er-Jahre mögliche schädliche Wirkungen auf ungeborene Kinder an zwei Tierarten getestet werden. Doch der Verweis auf die Gesetzeslage greift als Rechtfertigung zu kurz. Denn die Gesetze könnte man ändern. Entscheidend ist vielmehr die Frage, in welchem Kontext Tierversuche Sinn ergeben. Für die toxikologische Sicherheitsforschung ist das aktuell klar der Fall.

Die Wirkung der meisten Medikamente wurde im Tierversuch entdeckt. Neue Krebsmedikamente zum Beispiel testet man zunächst an Zellkulturen in der Petrischale. Danach prüfen die Forscher in der Maus, ob der Tumor durch die Behandlung kleiner wird. Leider kommt es häufiger vor, dass Substanzen, die in der Petrischale vielversprechend waren,  im Maustumor-Modell wirkungslos sind. Daher ist es sinnvoll, diese Tests nicht gleich an Patienten vorzunehmen.

Hinzu kommt, dass manche Wirkmechanismen nur schwer zu bewerten sind, wenn man nur an kultivierten Zellen forscht. Denn Zellkulturen fehlt die sogenannte Pharmakokinetik: Der Wirkstoff wird nicht über Niere und Darm ausgeschieden wie im lebenden Organismus. Ohne Erfahrungen in vivo, also im lebenden Organismus, ist es daher schwierig zu simulieren, wie konzentriert eine Substanz nach dem Schlucken in bestimmten Zellen des Körpers ankommt. Hierfür ist die Komplexität von Organismen mit ihren zahlreichen Transport- und Stoffwechselwegen zu hoch, um ohne Tierversuche zuverlässige Aussagen treffen zu können. Auch bestimmte Immunreaktionen können in vitro, also in der Petrischale, noch nicht zuverlässig vorhergesagt werden.

Ein vorzeitiger Verzicht auf Tierversuche würde der Erforschung von Alternativmethoden schaden.

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Manche toxischen Mechanismen können mit in vitro-Systemen vorhergesagt werden. So ist es möglich, eine genschädigende Wirkung ohne Tiere mit kultivierten Zellen nachzuweisen. Ist das der Fall, verzichtet man meist auf die weitere Entwicklung dieser Substanz und damit auch auf Wirkungsuntersuchungen im Tierversuch. Seit kurzem können wir das gleiche Prinzip auch auf die Organtoxizität anwenden: Schädigt etwa eine neu entwickelte Substanz Leberzellen bei niedrigen Konzentrationen in Kultur und ist zudem damit zu rechnen, dass diese Konzentrationen auch im Organismus auftreten, dann muss die Substanz gar nicht erst im Tierversuch bewertet werden.

Bei der Entwicklung mathematischer Simulationen hat es ebenfalls große Fortschritte gegeben. So konnten mit Computersimulationen Behandlungsmöglichkeiten vorhergesagt werden, auf die wir durch Nachdenken oder konventionelle Versuche nicht gekommen wären.

Es wurden also viele Dinge auf dem Gebiet angestoßen. Trotzdem wäre es fahrlässig, wenn Politiker die Forderung eines vollständigen Ersatzes von Tierversuchen aktuell durchsetzen würden. Da Alternativmethoden zurzeit noch nicht weit genug entwickelt sind, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis Menschen durch unzureichend getestete Stoffe zu Schaden kämen. Es würde zudem deutlich, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch herkömmliche Tierversuche vermeidbar gewesen wären.

Ein vollständiges Verbot von Tierversuchen würde dann auch die Forschung zu Alternativmetoden diskreditieren, die sich im Prinzip gut entwickelt. Tierversuche für Medikamente sollten wir erst dann ersetzen, wenn wir uns ganz sicher sind. Bis dahin müssen wir dazu stehen und die Öffentlichkeit darüber informieren, dass die Reaktionsvorhersage von Organismen auf Chemikalien eine große, komplexe Herausforderung darstellt, die wir in der Gesamtheit noch nicht gelöst haben.

Irrationale Stigmatisierung von Tierversuchen und übermäßige Bürokratie verhindern mehr Transparenz und offenen Diskurs.

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Wissenschaftler, die unter anderem an Tieren forschen, erleben immer wieder direkte, aus meiner Sicht inakzeptable Anfeindungen und Drohungen. Weiterhin ist es in letzter Zeit zu einer enormen Steigerung des schon vorher großen bürokratischen Aufwands gekommen. Bearbeitungszeiten von nicht selten mehr als drei Monaten und mehrere Runden mit langen Listen an Fragen sind üblich geworden, die nicht selten nach sorgfältiger Beantwortung mit einer neuen Serie an Fragen beantwortet werden. Dieser für Wissenschaftler frustrierende, sich lange hinziehende Aufwand führt dazu, dass Energien auf die bürokratische Ebene verlagert werden, anstatt in praktische Maßnahmen zu fließen. Stattdessen könnten wir zum Beispiel überlegen, mit welchen Spielzeugen, Nestbaumaterialien und Käfiganlagen die Haltung der Mäuse verbessert werden kann oder wie bestimmte Eingriffe am schonendsten und schnellsten durchgeführt werden können. Der Papierkrieg ist hierbei nicht hilfreich.

Hinzu kommt, dass bürokratische Hindernisse sehr einseitig gegen Wissenschaftler aufgebaut werden: Beispielweise werden mindestens zehnfach mehr Ratten und Mäuse durch Schädlingsbekämpfung als durch Tierversuche getötet. Das üblicherweise eingesetzte Rattengift führt zu einer langsamen inneren Verblutung der Tiere über Tage – ein qualvoller Tod, der unter Versuchsbedingungen als völlig inakzeptabel angesehen würde. Hier soll nicht die Notwendigkeit einer Schädlingsbekämpfung in Frage gestellt werden. Es fällt aber auf, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Vermutung liegt nahe, dass das Vergiften von Ratten deswegen nicht auf Kritik stößt, weil die Tiere im Verborgenen sterben; unter Schmerzen verstecken sich Ratten und wir bekommen ihren Tod nicht mit. Im Gegensatz dazu werden Tierversuche transparent durchgeführt. Die Zusammenfassungen aller Tierversuchsanträge in Deutschland werden veröffentlicht unter https://www.animaltestinfo.de/ und die Ergebnisse sind üblicherweise nach wissenschaftlicher Begutachtung unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed zu finden.

Die irrationale Ungleichbehandlung durch Öffentlichkeit und Behörden könnte Wissenschaftler dazu verleiten, so wenig Transparenz wie möglich zuzulassen. Doch genau das wäre ein großer Fehler. Die einzige Chance, die zurzeit sehr schlechte Akzeptanz von Tierversuchen zu verbessern, besteht im Dialog mit der Öffentlichkeit bei gleichzeitig maximaler Transparenz. Möglich wäre zum Beispiel, dass interessierte Personen die Tierställe besichtigen können.  Und  selbstverständlich müssen wir darlegen, welche Fortschritte beispielsweise bei der Behandlung von Krankheiten nur durch Tierversuche möglich geworden sind. Aber niemals darf auch nur der Schatten eines Verdachts entstehen, dass etwas vor der Öffentlichkeit verborgen wird.

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