Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Ohne ausreichende Forschungsförderung kommen Alternativmethoden zu Tierversuchen nicht voran

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Universität Konstanz

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Marcel Leist ist Professor für in vitro Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz und Leiter des „Zentrums für Alternativen zum Tierversuch in Europa“ (CAAT-Europe).

Die Bedeutung von Tierversuchen in der Medizin wird überschätzt, sagt der Leiter des "Zentrums für Alternativen zum Tierversuch in Europa“ an der Universität Konstanz, Marcel Leist. Gleichzeitig vermisst er den Willen der Forschungsförderung, Alternativmethoden gezielt voran zu bringen.

Die Vorhersagekraft von Tierversuchen für humanmedizinische Aspekte wird oft überschätzt.

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Die Zahlen sprechen für sich: Auch wenn viele neue Medikamente im Tierversuch zunächst erfolgreich sind, fallen doch 90 Prozent in anschließenden klinischen Versuchen durch. Im neuroprotektiven Bereich sieht es noch schlechter aus: Bei Substanzen, die vor Schlaganfall schützen oder die Weiterentwicklung von Alzheimer verhindern, fallen 100 Prozent durch. Trotz gigantischem Aufwand gibt es kein einziges Medikament, das den neurodegenerativen Krankheitsverlauf beeinflusst.

Allerdings gibt es einige Medikamente, die die Symptome der Krankheiten erfolgreich lindern, und diese wurden tatsächlich auf Basis von Tierversuchen entwickelt. Diese teilweise sehr lange zurückliegenden Erfolge führen bis heute dazu, dass die Vorhersagekraft von Tierversuchen falsch eingeschätzt wird. Tierversuchsbefürworter reden gerne über die erfolgreiche Anwendung, aber nicht darüber, welche Medikamente entwickelt worden wären, wenn man den gleichen Aufwand in andere Technologien investiert hätte. Desweiteren wird wenig diskutiert, welche möglicherweise beim Menschen äußerst erfolgreichen Medikamente im Tierversuch gescheitert sind und dadurch ausgebremst wurden. Diese Fälle sind nicht theoretisch, sondern in der Pharmaindustrie durchaus Allgemeinwissen.

Viele Tierversuche, die als Positivbeispiele aufgeführt werden, sind im Prinzip nur triviale Beigaben, um marginale Zusatzinformationen zu gewinnen. Für die derzeit auf den Markt kommenden Krebsmedikamente war das Wirkprinzip schon vor der Entwicklung klar und aus der Kenntnis der Molekular- und Zellbiologie abgeleitet. Hier musste nichts im Tier entdeckt, sondern nur das Wirkprinzip im Tier reproduziert werden. In den Medien wird daraufhin oft fälschlicherweise berichtet, dass Forscher über Tiermodelle ein neues Medikament gefunden haben. Letztendlich zeigt nur der klinische Versuch, ob sich die Wirkprinzipien am Patienten bewähren. Aus meiner Sicht wird die Nutzung von Tierversuchen überschätzt, weil die Informationsaufbereitung nicht kritischen Kriterien standhält.

Tierversuche sind eine wichtige Technologie, aber man sollte nicht so stark auf eine einzige Technologie setzen.

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Das aus der Finanzwelt bekannte Sprichwort „Setze nicht alles auf eine Karte“ trifft auch auf  Tierversuche zu. Ich behaupte nicht, dass man mit Tierversuchen nichts erreichen kann, aber durch die überproportionale Förderung und Überschätzung von Tierversuchen wurden über Jahrzehnte hinweg Alternativen viel zu stark vernachlässigt. Daran konnten auch spektakuläre Misserfolge in der Arzneimittelforschung und toxikologische Katastrophen nichts ändern. Erst in den jüngster Zeit wird es „trendy“, sich zu überlegen, dass es Phänomene gibt, die spezifisch für menschliche Zellen sind. Warum erst jetzt? In der Toxikologie wurden bereits viele Testverfahren erfolgreich durch menschliche Gewebe und Zellen ersetzt. Diese neuen Tests sind erwiesenermaßen besser als Tierversuche. Die Forschung an menschlichen stammzellbasierten Krankheitsmodellen findet seit wenigen Jahren von Harvard bis Tokio und in jeder größeren Pharmafirma statt. Und man hätte sie auch in Deutschland schon vor drei Jahrzehnten entwickeln können, wenn jemand daran geforscht hätte. Stattdessen wurden viel Geld und Kreativität in Tierversuche gesteckt. Durch andere Gewichtung der Ressourcen hätte man sich in Deutschland leicht an die Spitze dieser neuen Forschungsgebiete setzen können.

Die Entwicklung von Alternativen krankt daran, dass diese Art von Forschung nicht als förderungswürdig gesehen wird.

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Das zynischste Argument gegen tierfreie Methoden ist, dass es keine guten Methoden gäbe. Das ist vergleichbar mit der Elektromobilität, dem Atomausstieg oder bleifreiem Benzin – in einer realen Welt können neue Ansätze nur entstehen, wenn Ressourcen von den alten wegbewegt werden. Natürlich gibt es keine Methoden, wenn keiner sie entwickelt. Der Widerstand gegen die Förderung biologischer Methodenentwicklung scheint aber in besonderem Masse widersinnig: Mindestens 15 Nobelpreise wurden für die Entwicklung von biologisch-medizinisch relevanten Methoden vergeben. Doch die DFG fördert kategorisch keine Methodenforschung in der Biologie, anders als etwa in der Chemie, Informatik und Medizin. In der Begründung heißt es, dass eine Methode ohne konkrete Anwendung sinnlos sei. Nach einem kurzen Blick auf Geschichte und Realität kann man sich nur wundern.

Solange es wenig Geld für tierfreie Alternativen gibt, mangelt es nicht nur an der Methodenentwicklung. Es fehlen dadurch auch gute Labors und Zukunftsperspektiven für Wissenschaftler. In dieser Situation werden die intelligentesten und bestausgebildeten Menschen eher vermehrt an Tierversuchen arbeiten, als sich auf das Risiko mit tierfreien Methoden einzulassen. Ließen sich diese Forscher für Alternativen gewinnen, würde es in diesem Wissenschaftszweig deutlich besser vorangehen. Das muss man knallhart sagen: Tierversuche werden mit Milliarden Euro direkt und indirekt gefördert. Und Wissenschaftler arbeiten dort, wo sie Geld für ihre Arbeit bekommen. In Deutschland gibt es kein Max-Planck-, Fraunhofer- oder Leibniz-Institut, das sich auf tierfreie Methoden spezialisiert hat. Es handelt sich hier um große, brachliegende Forschungsfelder mit viel wissenschaftlichem Potenzial und Marktwert. Die Bewegung dorthin ist durchaus steuerbar und es wäre Zeit, dass die akademische Forschungsförderung die Weichen dafür stellt.

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