Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Forschung in doppelter Verantwortung: für die Menschen und den Tierschutz

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Direktor, Deutsches Primatenzentrum GmbH - Leibniz-Institut für Primatenforschung

Expertise:

Stefan Treue ist Direktor des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen, wo er die Abteilung Kognitive Neurowissenschaften leitet. Er hat zudem eine Professor für Kognitive Neurowissenschaften und Biopsychologie an der Georg-August Universität Göttingen inne. Stefan Treue wurde 2010 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Treue ist Präsidiumsbeauftragter der Leibniz-Gemeinschaft für Tierschutz und Vorsitzender der Steuerungsgruppe der Informationsinitiative „Tierversuche verstehen” der Allianz der Wissenschaftsorganisationen.

Tierversuche konnten in den vergangenen Jahren vielfach durch Alternativmethoden ersetzt werden, in absehbarer Zeit kann aber nicht vollständig darauf verzichtet werden, schreibt Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums.

Die Forschung mit Tierversuchen muss in einer verantwortungsvollen Abwägung zwischen dem Erkenntnisstreben zugunsten der Menschen und dem Tierschutz stattfinden. In vielen Bereichen sind Tierversuche durch Alternativmethoden bereits ersetzt worden. In den komplexen Fragestellungen der Biomedizin können Alternativmethoden Tierversuche ergänzen und ihre Zahl reduzieren, aber auf absehbare Zeit wohl nicht ganz ersetzen. Das faktenorientiert und transparent zu kommunizieren, ist eine Aufgabe der Wissenschaft, die diese in der Vergangenheit nicht ausreichend geleistet hat.

Tierversuche sind eine ethische und gesellschaftliche Herausforderung, auf die es keine einfachen Antworten gibt

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Tierversuche sind eine anspruchsvolle Herausforderung, weil sie im Spannungsfeld zweier Verantwortungen stattfinden. Einerseits der Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse für Mensch und Tier sowie andererseits unserer Verantwortung für den Schutz und das Wohl von Tieren. Nur wenn wir diese doppelte Verantwortung nicht aus dem Auge verlieren, wird es der Forschung gelingen sowohl die Wissenschaft wie den Tierschutz voranzubringen. Wer jegliche Tierversuche verdammt oder unsere Verpflichtung zum Schutz von Tieren verneint, wird dieser Verantwortung nicht gerecht.

Die Wissenschaft steht in der Verantwortung Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu reduzieren und Methoden und andere Ansätze zu optimieren, um die Belastung der Tiere zu minimieren. Die Gesellschaft steht in der Pflicht optimale Bedingungen für verantwortungsbewusste Tierversuche zu schaffen.

Verantwortungsbewusste Tierversuche und Alternativmethoden sind unverzichtbare Bestandteile biomedizinischer Forschung

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Nicht zuletzt durch Tierversuche haben wir in den letzten 100 Jahren unglaublich viel über die Funktionsweisen von Organismen gelernt, von der Ebene einzelner Moleküle und Zellen über Organe bis zur Komplexität eines Gesamtorganismus. Tierversuche sind zwar nur eine Methode von vielen, um diese Komplexität zu erforschen. Wir brauchen sie aber immer dann, wenn die Fragen zu anspruchsvoll für eine Zellkultur oder andere Alternativmethoden sind, zum Beispiel um die Reaktionen des gesamten Körpers auf eine Infektion oder Fehlfunktionen des Gehirns bei neurologischen Erkrankungen zu untersuchen.

Auch per Gesetz dürfen Tierversuche nur eingesetzt werden, wenn es keine Alternativen gibt. Das überprüfen die Behörden bei der Beantragung und Genehmigung jedes einzelnen Tierversuchs. Besonders im Bereich der Sicherheitsprüfungen für Substanzen hat die forschende Industrie in den letzten Jahrzenten eine Reihe von tierversuchsfreien Methoden entwickelt, zum Beispiel in Form von Zellkulturen oder organ-on-a-chip Systemen. Das ist sehr zu begrüßen und ist die Grundlage dafür, dass unter anderem Kosmetika nicht mehr an Tieren getestet werden dürfen, weil es dazu zuverlässige Alternativen gibt. Auch in der biomedizinischen Grundlagenforschung gibt es Verfahren, die das Methodenspektrum erweitern. So können bildgebende Verfahren manchen invasiven Eingriff ersetzen und komplexe Computermodelle helfen präzisere Fragen zu stellen und damit die Anzahl von Versuchstieren zu reduzieren.

Die Zellkultur, die Formel im Computer und das Tier im verantwortungsbewussten Tierversuch sind dabei immer nur Modelle für die komplexen Vorgänge im menschlichen Organismus. Wegen der Stärken und Schwächen jeder einzelnen Methode und jedes Modells braucht moderne biomedizinische Forschung immer einen auf die jeweilige Fragestellung angepassten Mix von Methoden und Modellen um uns den aktuellen und drängenden Herausforderungen zu stellen.

Die Wissenschaft muss ihren Elfenbeinturm verlassen und zu einer faktenbasierten Diskussion über Tierversuche beitragen

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Gerade die öffentlich finanzierte Forschung ist verpflichtet transparent zu informieren was mit unseren Steuergeldern passiert und warum dies essentiell ist. Diese transparente und faktenbasierte Kommunikation muss sowohl von Seiten der Forscher und Forscherinnen erfolgen, aber auch von Seiten der Wissenschaftsorganisationen. „Tierversuche verstehen“ (www.tierversuche-verstehen.de) ist eine Initiative der deutschen Wissenschaft, koordiniert von der Allianz der Wissenschaftsorganisationen. Sie informiert umfassend, aktuell und faktenbasiert über Tierversuche an öffentlich geförderten Forschungseinrichtungen. „Tierversuche verstehen“ fördert den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die von Wissenschaftsorganisationen und Fachverbänden gestützte Kommunikation liefert verlässliche Daten und Fakten zu Tierversuchen und macht Hintergründe transparent um zu einer sachlichen Diskussion über Tierversuche beizutragen.

Tierversuche sind die am strengsten kontrollierte und reglementierte Nutzung von Tieren in unserer Gesellschaft

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Die Nutzung von Tieren in unserer Gesellschaft ist weitgehend akzeptiert. Das macht allein der große Umfang deutlich, in dem wir Tiere verwenden: Wir halten sie als Haustiere, in Zoos und Zirkussen, wir nutzen Tiere für unsere Ernährung, wir zerstören tierischen Lebensraum für Ackerbau, Straßen und Siedlungen, wir töten sie als Schädlinge, wir jagen, wir angeln, und wir verwenden Tiere in der Forschung. Manche dieser Nutzungen sind kaum reglementiert. Für die Forschung gilt das nicht. Hier haben wir strenge Gesetze und Verordnungen, die sicherstellen, dass jeder Tierversuch in Deutschland behördlich genehmigt werden muss und anschließend auch überwacht wird. Nur Tierversuche, für die es keine Alternativen gibt, sind genehmigungsfähig und die Studien dürfen nur von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen mit der entsprechenden Sachkunde durchgeführt werden. Versuche zur Kosmetik- oder Waffenentwicklung sind ebenso grundsätzlich verboten wie an Menschenaffen. Andere besonders hochentwickelte Tierarten dürfen nur eingesetzt werden wenn es für die Fragestellung unerlässlich ist. Deshalb werden über 80 Prozent aller Tierversuche an Mäusen und Ratten durchgeführt, während Hunde, Katzen, Kaninchen und Affen äußerst selten Versuchstiere sind. So stellen Tierversuche nicht nur den am strengsten reglementierten Bereich der Nutzung von Tieren dar, sondern auch einen der seltensten.

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