Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Derzeit unverzichtbar, aber nicht auf Dauer alternativlos

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Ministerin, Ministerium für Wissenschaft Forschung und Kunst Baden-Württemberg

Expertise:

Theresia Bauer ist seit 12. Mai 2011 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Nach dem Studium der Politikwissenschaften, Volkswirtschaft und Germanistik an den Universitäten Heidelberg und Mannheim war sie von 1993 bis 2001 Referentin für politische Bildung in der Gesellschaft für politische Ökologie, anschließend Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg. Seit 2001 gehört sie dem Landtag von Baden-Württemberg an. Dort war sie Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kunst, hochschulpolitische Sprecherin, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen Landtagsfraktion.

Tierversuche sind zurzeit in der biomedizinischen Forschung noch unverzichtbar, sagt Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, nicht nur im konkreten Anwendungsbezug, sondern auch in der Grundlagenforschung. Gleichwohl könnte die Zahl der Tierversuche schon heute reduziert werden.

Die biomedizinische Forschung kann nicht vollständig auf Tierversuche verzichten – zumindest nicht in naher Zukunft.

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Ich wünsche mir, dass die biomedizinische Forschung immer weniger Tierversuche braucht. Zurzeit ist tierexperimentelle Forschung aber noch nötig, um wichtige Erkenntnisse zu gewinnen.

Erfreulicherweise gibt es deutliche Fortschritte im Bereich der Alternativmethoden. Es gelingt zunehmend, auf Zellkulturebene Modelle zu entwickeln, die ganze Organe abbilden können. Häufig muss jedoch der gesamte Organismus betrachtet werden, etwa in der Krebsforschung. Dort suchen die Wissenschaftler zum Beispiel nach Wegen, gezielt Krebszellen zu zerstören und dabei gesunde Zellen zu schonen. Hier reicht die Betrachtung einzelner Organe nicht aus.

Wichtig ist aber, dass Tierversuche nur dort durchgeführt werden, wo sie tatsächlich – wie vom Gesetzgeber vorgegeben – unerlässlich sind.

Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen zu definieren. Im Bereich des Tierschutzes wird dieser Rahmen weitgehend von der EU und dem Bund vorgegeben. Es versteht sich von selbst, dass Gesetze und Vorgaben unbedingt einzuhalten sind.

Was die Wissenschaftspolitik darüber hinaus tun kann, ist Anreize zu schaffen: einerseits dafür, dass Alternativmethoden entwickelt werden – so fördert das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg seit Langem Alternativen zur tierexperimentellen Forschung –, andererseits dafür, dass sie in Forschung und Lehre auch eingesetzt werden. Hierzu laufen viele Gespräche mit den Hochschulen.

Die ethisch schwierigsten Entscheidungen entstehen beim Einsatz von Tierversuchen in der Grundlagenforschung.

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Aus meiner Sicht dürfen wir es uns nicht zu einfach machen und Tierversuche nur dort erlauben, wo ein hoher anwendungsbezogener Nutzen in Aussicht steht.

Wenn das Ergebnis der medizinischen Forschung eine erfolgreiche Therapie ist, liegt der Sinn vorausgegangener Tierversuche auf der Hand. Schwieriger wird es, wenn der direkte Zusammenhang zwischen dem Tierversuch und dem gesellschaftlichen Mehrwert in Form medizinischer Anwendbarkeit nicht erkennbar ist. Gleichwohl gehen den herausragenden medizinischen Erfolgen der vergangenen Jahrzehnte häufig Erkenntnisse in der Grundlagenforschung voraus, die durch Tierversuche gewonnen wurden. Bei diesen Versuchen war der spätere konkrete Nutzen zu Beginn eben nicht klar.

Tierversuche in der Grundlagenforschung sind kein leichtes Thema. Gleichzeitig ist jedoch klar, dass die aus der Grundlagenforschung gewonnenen Erkenntnisse das Fundament sind, auf dem die weitere anwendungsorientierte Forschung aufbaut.

Ein Beispiel: Um die biologischen Ursachen von Alzheimer verstehen zu können, werden wir einstweilen auf Tierversuche in der Grundlagenforschung zurückgreifen müssen. Wir werden dabei den konkreten Nutzen jedes Tierversuchs nicht klar beziffern können. Ohne Grundlagenforschung dieser Art blockierten wir aber langfristig medizinische Innovationen. Ähnliches gilt für die Bionik und andere Mensch-Maschine-Interaktionen, die in Zukunft helfen können, Schwerstkranke zu heilen oder Unfallopfern Gliedmaßen zurückzugeben.

Tierversuche können bereits jetzt reduziert werden.

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Wo wiederkehrende Versuche an Tieren durchgeführt werden, wie zum Beispiel beim Testen von Chemikalien, halte ich es zumindest mittelfristig für möglich, auf Tierversuche zu verzichten.

Große Hoffnung habe ich in die Digitalisierung, in Modellierung und Simulation. Hier können bereits heute organische Reaktionen auf bestimmte Substanzen berechnet werden. Allerdings ist auch klar, dass die Modelle und Simulationen auf dem Wissen aufbauen, das bereits existiert. Weil in erster Linie ein Abbild dessen erschaffen wird, was in Tierversuchen an Erkenntnissen erarbeitet wurde, ist es bis zum vollständigen Verzicht auf tierexperimentelle Forschung noch ein weiter Weg.

Auch in der Lehre kann ich mir vorstellen, dass es mittelfristig nicht mehr notwendig sein wird, speziell für den Lehrzweck gezüchtete Tiere einzusetzen. Es ist nachvollziehbar, dass Studierende der Zoologie oder der Tiermedizin lernen müssen, wie ein tierischer Organismus funktioniert. Ob dies jedoch auch für angehende Botaniker gilt und ob bereits im Bachelorstudium an Tieren gelernt werden muss, sollte mit den Lehrenden der Hochschulen diskutiert werden.

Im Moment sind dies nur einzelne, kleine Schritte, die jedoch in der Gesamtheit zu einer Verringerung von Tieren in Forschung und Lehre führen werden.

Wir dürfen nicht den Respekt voreinander verlieren.

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Wir müssen gemeinsam um den richtigen Weg streiten. Gerade wenn es um grundlegende ethische Fragen geht, streitet man sogar oft sehr heftig. Aber auch Ethik-Debatten sind so zu führen, dass Standards des Miteinanders gewahrt bleiben. Oder anders gesagt: Wo Andersdenkende sich einer konstruktiven Diskussion verschließen, wird die notwendige ethisch-moralische Debatte verzögert oder unterbrochen.

Ich kann nicht akzeptieren, dass Beleidigungen an der Tagesordnung sind, wenn es um Tierversuche geht. Dass das Thema Emotionen auslöst, verstehe ich jedoch sehr gut. Einschüchterungen und Drohungen sind aber kein Mittel der Diskussion. Sie versuchen im Gegenteil, Diskussion zu verhindern. Es ist ein Tiefpunkt gesellschaftlichen Umgangs, wenn einzelne Wissenschaftler ihre Forschungsvorhaben aus Angst aufgeben.

Ich erwarte von allen Beteiligten, dass wir uns mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen und in der Diskussion auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichten.

Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass es ein großes Interesse innerhalb der Bevölkerung und auch unter Wissenschaftlern dafür gibt, Leid von Tieren zu verhindern. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass es bei vielen Bürgerinnen und Bürgern ein Verständnis dafür gibt, dass Tierversuche zurzeit noch die Grundlage für wichtige medizinische Erkenntnisse sind. So richtig und wichtig es ist, Alternativmethoden für Tierversuche zu entwickeln, so unverantwortlich ist es aus meiner Sicht, so zu tun, als gäbe es diese Methoden bereits in allen relevanten Feldern. 

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