Eine Debatte der Leibniz-Gemeinschaft Der Feind in meinem Körper  - Tiermodelle zeigen Wege zur Heilung von Autoimmunkrankheiten und Krebs

Bild von Andreas Radbruch
Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin

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Andreas Radbruch ist Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin, einem Leibniz-Institut, und Professor an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Der Experte für Immunologie, Rheumatologie und Zytometrie ist aktuell designierter Präsident der Europäischen Föderation Immunologischer Gesellschaften und Sprecher des Leibniz-WissenschaftsCampus „Zentrum für chronisch-entzündliche Erkrankungen“.

Eigentlich sind Entzündungen ja gesund. Das Immunsystem vernichtet so Krankheitserreger und repariert zerstörtes Gewebe. Doch immer mehr Menschen leiden unter chronischen Entzündungen, bei denen sich Immunreaktionen gegen den eigenen Körper richten, es kommt zu Autoimmunerkrankungen.

Rund 10 Prozent der Bevölkerung leiden unter Krankheiten wie Rheuma, Schuppenflechte, Lupus erythematosus („Schmetterlingsflechte“), Darmentzündungen, Multipler Sklerose, um nur einige zu nennen. Es gibt mehrere hundert Autoimmunerkrankungen. Invalidität und Schmerz werden zum täglichen Begleiter. Schlimmer noch:  Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man an Krebs erkrankt und früh stirbt.

Ohne Tierversuche gäbe es die wirksamsten Mittel gegen Krebs und Rheuma nicht, die „biologischen Medikamente“

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Die meisten Autoimmunerkrankungen sind bis heute unheilbar. Doch seit 25 Jahren können wir das Fortschreiten der Krankheit wirksam aufhalten, nämlich durch eine neue Art von Medikamenten, die „biologischen Medikamente“. Sie beruhen auf der Entdeckung der „monoklonalen Antikörper“ durch den deutschen Immunologen Georges Köhler (1946-1995, Nobelpreis 1984) im Jahr 1975, also vor 40 Jahren. Georges Köhler wollte grundsätzlich wissen, wie B-Lymphozyten Antikörper herstellen. Er entwickelte in Tierversuchen eine Methode, mit der man B-Lymphozyten unsterblich machen und im Reagenzglas vermehren kann. So kann man einen Antikörper in unbegrenzter Menge herstellen. Diese „monoklonalen“ Antikörper waren nicht nur wichtig für die Forschung, sie sind auch ganz besondere Medikamente: zehn Jahre später, 1985, wurde das Hormon Tumor-Nekrosefaktor entdeckt. Nur weitere fünf Jahre später konnten Forscher am Londoner Kennedy Institute of Rheumatology zeigen, dass monoklonale Antikörper gegen Tumor-Nekrosefaktor rheumatische Entzündungen bei vielen Patienten wirksam stoppen können.

Heute gibt es Dutzende verschiedene monoklonale Antikörper, die als „biologische Medikamente“ zur Behandlung von Millionen von Patienten mit Autoimmun- oder Krebserkrankungen erfolgreich eingesetzt werden. Am Anfang stand die Entdeckung monoklonaler Antikörper in der Maus. Wir haben so das Prinzip verstanden und können heute monoklonale Antikörperauch aus Zellen herstellen, die wir aus menschlichen Blutproben gewinnen, ohne weitere Tierversuche. Oder aus Bakterien, in die wir die Gene für die gewünschten Antikörper einschleusen.

Ohne Tierversuche können wir das Zusammenspiel der Zellen, die Krankheiten verursachen, im Körper nicht verstehen

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Wenn die biologischen Medikamente so erfolgreich sind, warum können wir dann Autoimmunerkrankungen immer noch nicht heilen? Die Antwort ist trivial: Mit diesen Medikamenten unterbrechen wir zwar die Mechanismen der Entzündung,  beseitigen aber nicht ihre Ursache. Die Ursache scheint im Immunsystem selbst zu liegen, denn Patienten mit Autoimmunerkrankungen können geheilt werden, wenn ihr Immunsystem zerstört und aus körpereigenen Stammzellen ein neues Immunsystem aufgebaut wird. Der Unterschied zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Immunsystem ist die Erfahrung der Systeme. Wollen wir verstehen, wie das Immunsystem Autoimmunerkrankungen verursacht, müssten wir es im Patienten untersuchen, über lange Zeiträume hinweg, bevor die Krankheit ausbricht, also bevor wir die Patienten identifizieren können. Ein Ding der Unmöglichkeit. Und wir müssten gesunde Probanden Erfahrungen aussetzen, die vielleicht Autoimmunerkrankungen auslösen. Klar, dass auch das nicht geht. Wir können nur im Tierversuch  herausfinden, welche Erfahrungen ein Immunsystem dazu bringen können, gegen den eigenen Körper zu reagieren und wie die Zellen des Immunsystems dabei miteinander und mit den anderen Zellen des Körpers kommunizieren.

Ein erster Erfolg ist die Identifizierung von Gedächtnis-Plasmazellen, die Autoantikörper herstellen, durch Wissenschaftler des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums und der Charité. Diese Zellen leben im Verborgenen, im Knochenmark, in Überlebensnischen, die von anderen Zellen gebildet werden. Während man früher annahm, dass die Zellen des Immunsystems relativ autark sind, hat man heute verstanden, dass sie völlig abhängig von anderen Zellen des Körpers sind. In ihren Überlebens-Nischen sind Gedächtnis-Plasmazellen resistent gegen fast alle Medikamente. In einem Tiermodell konnte gezeigt werden, dass eine Autoimmunerkrankung, die durch Autoantikörper verursacht wird, verschwindet, wenn man die Gedächtnis-Plasmazellen zerstört. Jetzt konnte in einem klinischen Versuch die neue Therapie mit Patienten erfolgreich auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden.

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