Kriminalität von Zuwanderern Mehr Geduld bei der Integration von Flüchtlingen

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Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention

Expertise:

Professor und Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), einer der Autoren der Studie “Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland”

Seit 2014 zeigt sich ein Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen, der mit dem Zuzug von Flüchtlingen zusammenhängt. Um der Kriminalität in einer Zuwanderungsgesellschaft vorzubeugen, braucht es Sprachkurse, Familiennachzug und Geduld. 

Wir leben in einer Kultur der Gewaltlosigkeit.

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Seit 2007 ist die Anzahl an Gewaltstraftaten in Deutschland laut Polizeilicher Kriminalstatistik um ein Sechstel gesunken. Im Bereich der Jugendgewalt ergibt sich sogar ein noch stärkerer Rückgang um 50,4 %. Diese positive Entwicklung hat verschiedene Ursachen. Zu nennen ist u.a., dass sich die Perspektiven junger Menschen, einen hohen Schulabschluss zu erreichen oder eine Berufsausbildung zu beginnen, verbessert haben. Zudem hat sich das soziale Umfeld verändert: Im Elternhaus wird in der Erziehung seltener Gewalt eingesetzt, unter den Gleichaltrigen hat sich eine Kultur der Gewaltlosigkeit immer weiter durchgesetzt. Auch der Alkoholkonsum findet im Jugendalter immer seltener statt, was sich positiv auf die Gewaltentwicklung auswirkt. Zu all diesen Trends hat sicher auch die Präventionsarbeit einen wichtigen Beitrag geleistet, die in verschiedenen Bereichen in den zurückliegenden Jahren intensiviert wurde.

Nicht nur die Zahl der Zuwanderer ist ausschlaggebend, sondern auch deren Geschlecht und Alter.

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Zwischenzeitlich ist der positive Trend an ein Ende gelangt. Für Niedersachsen zeigt sich bspw. seit 2014 ein Anstieg der Gewaltkriminalität um ein Zehntel. Dieser Anstieg steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Zuzug von Flüchtlingen. In Niedersachsen hat sich die Zahl der Flüchtlinge seit 2014 bspw. mehr als verdoppelt. Wenn mehr Menschen in einem Gebiet aufhalten, dann ist – unter sonst gleichen Bedingungen – mit einem Anstieg der Kriminalität zu rechnen. Allerdings ist der Anstieg der Gewaltkriminalität nicht allein dem Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge zuzurechnen, sondern auch anderen sog. kriminogenen Faktoren. So sind Flüchtlinge im Besonderen, Zuwanderer im Allgemeinen häufiger jung und männlich.

Besondere Aufmerksamkeit verdient, dass Personen mit fremdem Aussehen, so sie eine Straftat begehen, häufiger von den Opfern angezeigt werden. In der Polizeilichen Kriminalstatistik sind Flüchtlinge und Zuwanderer daher per se überrepräsentiert.  Kriminogen wirken sich zusätzlich drei Faktoren aus, die speziell Flüchtlinge betreffen: Erstens sind die Lebensbedingungen, die sie in Deutschland vorfinden, problematisch. Sie werden in großen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, dürfen keiner Berufstätigkeit nachgehen und haben insgesamt kaum Beschäftigungsmöglichkeiten.

Für einige Gruppen gibt es keine langfristigen Aufenthaltsperspektiven, das heißt sie warten darauf, dass ihre Zeit in Deutschland endet. Zweitens haben die Flucht und die Bedingungen, die mit der Flucht bzw. der Zeit davor verbunden waren, Spuren hinterlassen. Psychische Belastungen bis hin zu Traumata sind daher in der Gruppe der Flüchtlinge überrepräsentiert und schlagen sich unter anderem darin nieder, dass ein normenkonformes Verhalten nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Drittens weisen gerade die männlichen Flüchtlinge häufig Sozialisationserfahrungen auf, die dazu geführt haben, dass sie Gewalt als Weg der Symbolisierung von Männlichkeit wertschätzen. Diese gewaltorientierten Männlichkeitsnormen führen dazu, dass sie in Konflikten und Auseinandersetzungen häufiger auf Gewalt setzen.

Der Familiennachzug könnte einen Ausstieg aus der Kriminalität begünstigen. 

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Das Wissen um die kriminogenen Faktoren, die im Übrigen, wenn sie in gleicher Weise auf Deutsche zutreffen würden, eine identische Gewaltbelastung nach sich ziehen würden, hilft, mögliche Folgerungen für die Prävention von Gewalt und Kriminalität von Flüchtlingen abzuleiten. Eine erste Folgerung lautet, Geduld zu haben: Die Flüchtlinge werden älter und weniger auffällig. Freilich könnte der sog. Desistance-Prozess durch einen liberaleren Familiennachzug gefördert werden. Aus der Forschung ist bekannt, dass eine stabile Beziehung zu einer Partnerin oder einem Partner und das Gründen einer Familie den Ausstieg aus der Kriminalität begünstigen. Der Familiennachzug könnte hierfür einen Beitrag leisten.

Sprachkurse und dezentrale Unterbringungen sind wichtige Integrationsmaßnahmen.

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Für die Flüchtlinge, die eine längerfristige Perspektive in Deutschland haben, ist es wichtig, dass eine Unterbringung dezentral in den Städten und Gemeinden erfolgt und dass Tagesstrukturen gewährleistet werden über schulische Angebote, berufspraktische Tätigkeiten und Freizeitmöglichkeiten. Von hervorgehobener Bedeutung sind zusätzlich Sprachkurse: Integration erfolgt über das Sprechen einer gemeinsamen Sprache; die Grundlagen hierfür sind allen Flüchtlingen zu vermitteln. Zudem ist der Kontakt mit Einheimischen zu fördern. Dieser alltägliche Kontakt dürfte für die Veränderungen von Einstellungen in Bezug auf Männlichkeit und Gewalt sehr viel bedeutsamer sein als Kurse darüber, wie man sich in Deutschland verhält, die bisweilen durchgeführt werden. 

Es braucht ein breit angelegtes Programm für die freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen.

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Die Flüchtlinge, die keine langfristige Perspektive haben, benötigen eine andere Zukunftsperspektive, und zwar in ihrem Heimatland. Hierfür braucht es ein breit angelegtes Programm für die freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen. Dessen Attraktivität sollten dadurch erhöht werden, dass die Flüchtlinge in Deutschland erstens Zugang zu Sprachkursen und Praktikumserfahrungen erhalten. Zweitens braucht es finanzielle Anreize in Form einer Bargeldzahlung nach der Ankunft oder eines Mikrokredits, so dass aus der Rückkehr ein vielversprechender Neuanfang werden kann.

Als Einwanderungsland muss es in Deutschland auch ein Einwanderungsgesetz geben.

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Gerahmt werden sollten diese verschiedenen Maßnahmen durch ein Einwanderungsgesetz. Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ohne ein entsprechendes Gesetz. Ein Einwanderungsgesetz würde in verschiedener Hinsicht Orientierung geben. Erstens würde es jenen Personen Orientierung geben, die nach Deutschland kommen wollen, da Kriterien spezifiziert werden, unter welchen Bedingungen Personen dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen und unter welchen Bedingungen das nicht möglich ist. Orientierung würde ein solches Gesetz zweitens aber auch der einheimischen Bevölkerung geben, da diese dann nachvollziehen kann, welche Voraussetzungen eine Einbürgerung in Deutschland hat.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Claudia Dorfner
    Asyl ist ein Recht auf Zeit. Es gilt nur solange, wie der Fluchtgrund existiert. Kein Fluchtgrund ist ewig. Wozu also Integration - zumal jeder sehen kann, daß das vor 40 Jahren mit den Türken schon nicht geklappt hat! Jede Großstadt hat da ihre Bezirke, einige sind inzwischen No-Go-Areas!
  2. von Jan Engelstädter
    Herr Baier sollte bitte erkenntnisgemäß formulieren!
    Wenn die geringste Anzeigebereitschaft innerhalb ein und desselben MiHiGrus besteht und die höchste Anzeigebereitschaft zwischen unterschiedlichen MiHiGrus, dann ist eine Aussage wie "besondere Aufmerksamkeit verdient, dass Personen mit fremdem Aussehen, so sie eine Straftat begehen, häufiger von den Opfern angezeigt werden" in ihrer Pauschalität schlicht Kokolores.

    Würde die Existenz eines förmlichen Einwanderungsgesetzes auch nur einen einzigen Migrationswilligen, der die darin aufgeführten Anforderungen nicht erfüllt, davon abhalten, sein Glück per Asylverfahren trotzdem zu versuchen?
    Mit Sicherheit nicht - denn sonst hätte die Zahl der Asylsuchenden nach der Einführung der "Blauen Karte" der EU zurückgehen müssen.