Ohne Retter mehr Tote SOS gegen falsche Anschuldigungen

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Fotograf, Kandidat Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Erik Marquardt ist Fotograf, Mitglied der Grünen und Direktkandidat in Berlin-Treptow-Köpenick. Er war als freiwilliger Helfer auf einer Rettungsmission der "Sea Eye" dabei.

Die NGOs, die im Mittelmeer Menschen retten, werden aus politischen Gründen diffamiert. Das ist, was einen Sturm der Entrüstung hervorrufen müsste. Nicht das Handeln der Helfer.

Es wäre an der Zeit, dass die europäischen Regierungen einen Dank aussprechen. Einen Dank an die vielen Menschen, die ehrenamtlich tausende Menschen auf dem Mittelmeer retten, an die Organisationen die das möglich machen und danke für die Spenden, die die Grundlage dafür schaffen. Wir leben in einer europäischen Union, die den Friedensnobelpreis gewonnen hat, und doch sterben vor unseren Außengrenzen tausende Menschen beim Versuch Europa zu erreichen - so viele wie anderswo in großen Kriegen.

Die Vorwürfe sind eine reine Diffamierung

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Doch der Dank der Regierungschefs bleibt aus. Stattdessen sehen sich die Seenotretter einer Diffamierungskampagne ausgesetzt. Der „NGO-Wahnsinn“ müsse gestoppt werden, ließ der österreichische Außenminister Kurz kürzlich verlauten. Menschen, die ehrenamtlich auf dem Mittelmeer Leben retten, werden von Regierungsabgeordneten als Schlepper, Shuttle-Service oder Kriminelle bezeichnet.

Untermauert wird diese Diffamierung oft von einem Vorwurf des italienischen Staatsanwalts, der behauptete Beweise für die Zusammenarbeit mit Schleppern zu haben. Später - als er die Beweise nicht vorlegen konnte - ruderte er zurück und sagte, es sei nur eine „Arbeitshypothese“ gewesen. Immer wieder werden Vorwürfe erhoben - nur Beweise legen die Kritiker nie vor.

Auch Bundesinnenminister de Maiziere wird Beweise schuldig bleiben

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Nun stieg auch der Bundesinnenminister Thomas De Maizière in die Kritik an den Rettungsaktionen ein. Er behauptete gegenüber der Funke-Mediengruppe beispielsweise, dass NGO-Schiffe ihre Position verschleiern würden, um Geflüchtete quasi von der Küste abzuholen.

Beweise blieb auch er schuldig. Sie dürften ihm auch schwer fallen, schließlich kann man mit einem Internetzugang auch in Deutschland leicht nachvollziehen, wo sich die NGO-Boote befinden. Es ist mitnichten so, dass sie ihre AIS-Transponder rechtswidrig abschalten würden, um nicht mehr geortet werden zu können.

Eine nüchterne Bestandsaufnahme macht deutlich: Alle Vorwürfe gegen die NGOs lösen sich schnell in Luft auf. Doch wenn man mit Dreck beworfen wird, bleibt immer auch etwas hängen.

Nur das Boot der Identitären operiert heimlich, das prangert aber niemand an. Seltsam!

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Das einzige Schiff, das den AIS-Transponder gezielt abschaltet, ist die „C Star“, das Schiff der Identitären Bewegung, das die Seenotrettung im Mittelmeer behindern will. Rettung auf hoher See abzulehnen oder sie zu behindern ist eine Straftat, denn Seenotrettung ist die Pflicht eines jeden auf dem Wasser. Die Regierung äußerte sich bisher nicht zur Aktion der Rechtsradikalen. Auch die Signallichter bei Nacht abzuschalten, die laut Vorwürfen Geflüchtete anlocken würden, wäre verboten. Die NGOs sind allerdings weit von der libyschen Küste entfernt. Es ist unmöglich, ihre Lichter vom Festland zu sehen. Auch wer behauptet, dass die Geflüchteten in der Regel aus libyschen Gewässern gerettet werden, widerspricht der Realität, die zum Beispiel New York Times in mühevoller Kleinstarbeit für die letzten drei Jahre aufgearbeitet hat.

Die Politik lenkt mit den Anschuldigungen von ihrer Verantwortung und ihrem Versagen ab

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Diese Mischung aus Unwissen der Verantwortlichen, unbelegten Behauptungen und hilflosem Versuch von der eigenen Verantwortung abzulenken, ist es, die eigentlich einen Sturm der Empörung hervorrufen müsste.

Nein, die NGOs fahren nicht regelmäßig ohne Genehmigung in die 12-Seemeilen-Zone, wie es behauptet wird. Auch dieser Vorwurf ist Teil einer Reihe von Lügen, der sich die Seenotretter ausgesetzt sehen.

Die meisten Flüchtlinge werden vom Militär gerettet. Also sind auch Soldaten Schlepper

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Auch der Vorwurf, dass die NGOs die Menschen rechtswidrig nach Italien bringen würden, hat mit der Realität nichts zu tun. Alle Einsätze werden von der italienischen Seenotrettungsleitstelle in Rom koordiniert. Die allermeisten Geflüchteten werden nicht durch NGOs, sondern durch europäische Militär- und Küstenwachenboote nach Italien gebracht. Und niemand würden diesen Booten Schlepperei vorwerfen.

Die NGOs fahren nur auf Anweisung der Behörden den entsprechenden Hafen an. Die Menschen aus internationalen Gewässern nach Libyen zu bringen, wird nie befohlen. Denn auch das wäre verboten.

Die libysche Küstenwache ist dubios, bekommt aber EU-Geld. Das ist fragwürdig

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Wäre es aber nicht ohnehin an der Zeit darüber zu reden, warum die so genannte libysche Küstenwache schon mehrfach auf Hilfsorganisationen geschossen hat? Warum Teile der libyschen Küstenwache, die durch EU-Gelder finanziert wird, mit den Schleppern zusammenarbeitet? Warum sie Menschen auf hoher See mit Waffen bedroht und wie das Massensterben im Mittelmeer wirksam bekämpft werden kann? Warum eine rechtsradikale Bewegung offenbar ungehindert die Seenotrettung behindern will?

Je weniger NGOs vor Ort sind, desto weniger Menschen erreichen Europa. Die Politik nimmt das in Kauf

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Es ist eine Lügenkampagne, eine Kampagne mit dem Ziel, die Geflüchteten davon abzuhalten den Weg nach Europa anzutreten. Das perfide an dieser Strategie ist, das Tote in Kauf genommen werden, um die Zahl der Asylbewerber in Europa zu begrenzen. Je weniger NGOs vor Ort sind, desto mehr Menschen sterben. Und je mehr Menschen sterben, desto mehr der folgenden werden abgeschreckt. Das Ziel sind nicht nicht Menschenrechte, sondern rechte Menschen. Man will verdeutlichen: Auch wir greifen hart durch, ihr müsst nicht die Rechtspopulisten wählen.

Nein, der Zweck heiligt nicht die Mittel. Wir können sie nicht sterben lassen. Tagtäglich sehen Ehrenamtliche auf dem Mittelmeer, wie Menschen vor ihren Augen sterben. Sie stecken Männer, Frauen und Kinder in die zahllosen Leichensäcke. Für jeden, der diese grausame Realität gesehen hat, ist der Vorwurf eines „Shuttle-Service“ schwer erträglich.

Die Menschen ertrinken zu lassen, ist eine Kapitulation

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Man muss sich ja nicht einigen können, ob die Geflüchteten die richtigen oder falschen Gründe für die Entscheidung haben, sich auf ein seeuntüchtiges Boot Richtung Europa zu setzen. Aber man sollte sich darauf einigen können, dass alles dafür getan werden muss, dass sie diese Entscheidung nicht mit dem Leben bezahlen. Dass das nicht gelingt, ist nicht nur eine Kapitulation vor der großen Migrationsherausforderung, sondern auch ein Armutszeugnis europäischer Politik, das es jedem Verantwortlichen schwer machen sollte, sich morgens im Spiegel anzuschauen. Es ist widerlich. Man kann das nicht anders sagen.

- Einen Bericht aus dem Tagesspiegel über den Einsatz von Erik Marquardt als freiwilliger Helfer auf dem Rettungsboot Sea-Eye lesen Sie hier
 

13 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Fred Vetter
    Sehr geehrter Herr Fotograf. Warum helfen die NGOs nicht effektiv vor Ort - An den Ausgangsorten!!! Die Rettung hat den Fluchtweg geschaffen. An den Händen der NGOs klebt das Blut der Mittelmeertoten.
  2. von Andreas Rabe
    Man kann es drehen und wenden wie man will. Ohne die Retter (oder wenn sie gleich wieder die Herkunftsküsten mit den "Geretteten" anfahren würden) würde sich kein Mensch auf den Weg über das Mittelmeer machen und es gäbe zero Ertrunkene und zero Einnahmen für die Schlepper und zero Spenden für die NGO-Retter

    Die Rettung hat den Fluchtweg geschaffen. An den Händen der NGOs klebt das Blut der Mittelmeertoten. Und am Gerichtshof in Straßburg. Alles gut gemeint, aber ziemlich tödlich.
    1. Bild von Erik Marquardt
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      Erik Marquardt, Erik Marquardt ist Fotograf, Mitglied der Grünen und Direktkandidat in Berlin-Treptow-Köpenick. Er war als freiwilliger Helfer auf einer Rettungsmission der "Sea Eye" dabei.
      Antwort auf den Beitrag von Andreas Rabe 24.07.2017, 18:01:57
      Wie kommen Sie darauf? Wenn die NGOs nicht da sind, gibt es mehr Tote. Wenn irgendwann niemand mehr gerettet werden würde, hätte es in der Zwischenzeit wahrscheinlich einige Zehntausend Tote gegeben, die dann weitere Leute abschrecken würden. Selbst wenn man das in Kauf nimmt, was man nicht machen kann, würde man doch davon ausgehen müssen, dass die verbrecherischen Schlepperbanden die Information dann auch durchsickern lassen. Das würde wahrscheinlich nicht passieren. Dazu kommt, dass nicht nur NGO-Boote retten. Die Menschen würden trotzdem kommen - das sagen auch alle Studien dazu. Zum Beispiel hier:
      http://www.zeit.de/2017/15/fluechtlinge-mittelmeer-frontex-hilfsboote-seenotrettung
    2. von Harald Mertes
      Antwort auf den Beitrag von Erik Marquardt 24.07.2017, 18:21:58
      Es ist plausibel, dass an den NGOs das Blut der Mittelmeertoten klebt. Wenn es keine Möglichkeit nach Europa gibt, wird das auch nicht versucht. Ich musste lernen, dass bei diesen „Fluchten“ regelmäßig der Pass verloren geht, das Smartphone jedoch nie. Und genau die von Deutschland aus verschickte WhatsApp-Meldung, man sei angekommen, habe Geld in Hülle und Fülle (gemessen am BIP des Heimatlandes) und eine kostenlose Wohnung, ist der Trigger, dass die nächsten aufbrechen. Die Informationen der Schlepperbanden sind interessengesteuert und werden daher eher misstrauisch gesehen. Auch Flüchtlinge sind nicht doof und können Informationen bewerten. Wenn zehn sich auf den Weg machen und alle zehn scheitern, wobei sie nicht unbedingt ertrinken oder zu Schaden kommen müssen, dann wird sich so schnell kein elfter auf den Weg machen.

      Und Ihre Studien sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Es wird immer eine naturwissenschaftliche Reliabilität und Reproduzierbarkeit unterstellt. Dabei werden schlicht Annahmen gemacht und daraus Schlussfolgerungen gezogen. Ob die Annahmen überhaupt zutreffen, wird in der Regel nicht untersucht. Und damit gehören solche Studien in den runden Ordner, zumal die Zeitschrift „Die Zeit“ weder als wissenschaftlich fundierte noch als eine der Objektivität sich verpflichtet fühlende Zeitschrift anzusehen ist, sondern ein linke Ideologien unkritisch verbreitendes Organ ist.
  3. von Peter Panowitsch
    Ich versuche es nochmal: was Sie schreiben kann sein, kann nicht sein. Beweise fehlen, wie Sie es ja auch für die Gegenseite anführen. Ich kann mir leider nicht vorstellen, dass sowohl die italienische Regierung wie auch unser Innenminister die Unwahrheit sagen. Es fehlt auch die Begründung, warum diese NGOs dagegen sind, die Migranten wieder an ihre Ausgangsorte zu begleiten.
    1. Bild von Erik Marquardt
      Autor
      Erik Marquardt, Erik Marquardt ist Fotograf, Mitglied der Grünen und Direktkandidat in Berlin-Treptow-Köpenick. Er war als freiwilliger Helfer auf einer Rettungsmission der "Sea Eye" dabei.
      Antwort auf den Beitrag von Peter Panowitsch 24.07.2017, 17:36:17
      Es wäre verboten, die Menschen wieder an die afrikanische Küste zu bringen. Das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden.
    2. von Peter Panowitsch
      Antwort auf den Beitrag von Erik Marquardt 24.07.2017, 18:14:30
      So allgemein stimmt das wohl nicht. Das war 2009 und war konkret eine Rückführung nach Libyen unter Ghaddafi. Das Gericht hat damals entschieden: DIESE Rückführung hatte die Bestimmung in der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt, weil niemand der Folter, unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden darf. Das ist hier aber die Frage, weil man das der heutigen Regierung nicht so einfach unterstellen kann. Oder?
    3. Bild von Erik Marquardt
      Autor
      Erik Marquardt, Erik Marquardt ist Fotograf, Mitglied der Grünen und Direktkandidat in Berlin-Treptow-Köpenick. Er war als freiwilliger Helfer auf einer Rettungsmission der "Sea Eye" dabei.
      Antwort auf den Beitrag von Peter Panowitsch 24.07.2017, 18:44:15
      Also hat sich die Situation in Libyen verbessert? Wer hat das entschieden? Alle mir bekannten Berichte zeugen von unmenschlichen Bedingungen.
    4. von Peter Panowitsch
      Antwort auf den Beitrag von Erik Marquardt 24.07.2017, 19:00:57
      Das entscheidet niemand, Sie aber auch nicht, da müssen Sie schon recherchieren. Unmenschliche Bedingungen? Dann müssten ja alle gehen wollen....Wenn Sie die sozialen Bedingungen meinen, mögen Sie recht haben, obgleich es auch in Libyen zufriedene Menschen gibt. Die politischen Verhältnisse haben sich ggü Ghaddafi verbessert. Auf die kommt es an. Wenn es "nur" die sozialen Bedingungen sind, dann sind wir beim Thema Wirtschaftsflüchtlinge und dass wir halt nicht mal kurz die Welt retten können.
  4. von Peter Panowitsch
    Ich frage mich, wo mein kritischer Kommentar geblieben ist. Oder sind hier nur zustimmende erlaubt
    1. von Tagesspiegel Moderation
      Antwort auf den Beitrag von Peter Panowitsch 24.07.2017, 17:29:41
      Sehr geehrter Nutzer, bisher ist noch kein Kommentar von Ihnen bei uns eingegangen. Kommentare löschen wir bei Causa auch nicht physisch. Möglicherweise gab es ein Problem beim Login. Unsere Debatten-Richtlinie finden Sie hier: www.tagesspiegel.de/service/richtlinien

      Freundliche Grüße, die Redaktion
    2. von Peter Panowitsch
      Antwort auf den Beitrag von Tagesspiegel Moderation 24.07.2017, 19:15:37
      War wohl ein technisches Problem, ist erledigt, Danke!
  5. von Michael Buschheuer
    Toller Bericht Herr Marquart
    Gratuliere.
    Michael Buschheuer