Pro Kopftuchverbot für Kinder Ein Verbot für mehr Freiheit

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Referentin bei Terre des Femmes

Expertise:

Referentin für Gleichberechtigung und Integration bei Terre des Femmes

Es verhindert Diversität und nimmt Mädchen die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben. Und trotzdem tun liberale Parteien aus Angst vor Rassimusvorwürfen nichts gegen das Kopftuch für Kinder. 

Bei der Diskussion um das Verbot des sogenannten Kinderkopftuchs an öffentlichen Schulen spalten sich die Lager. Aber wieso löst die Frage nach einem Kopftuchverbot für Kinder so viel Diskussion aus? Während in Deutschland noch um Pro und Contra eines Kopftuchverbots für Kinder debattiert wird, kämpfen Frauen weltweit um ihr Recht auf Selbstbestimmung. Sie setzen ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel, um sich gegen patriarchale Gesetze zu stellen, die ihnen vorschreiben, wie sie ihren Kopf und Körper bedecken müssen. Denn wenn sie ihr Kopftuch ablegen, droht ihnen Gefängnisstrafe. Sollte der aufgeklärte Westen sich nicht solidarisch mit Frauen aus dem Iran oder Saudi-Arabien zeigen? Für einige Frauen scheint das Kopftuch aber zu einer Art Protestbewegung geworden zu sein. Sie tragen es stolz, um ihre religiöse Zugehörigkeit zu zeigen, als Teil ihrer Identität. In den meisten Fällen sind das Frauen, die die Chance hatten, sich für oder gegen ein Kopftuch zu entscheiden. Kinder müssen die Möglichkeit bekommen über das Kopftuch reflektieren zu können, es zu hinterfragen und die Freiheit zu erlernen, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Während in einem Verbot des „Kinderkopftuchs“ nur Einschränkungen gesehen werden, die die Mädchen erfahren könnten, werden die Augen vor den Einschränkungen verschlossen, denen die Mädchen seitens der Familie oder Community ausgesetzt sind. Kinder, die ein Kopftuch tragen, wachsen mit dem Bewusstsein auf, dass es bestimmte Verhaltensregeln gibt, an die sie sich halten müssen. Sie nehmen oftmals nicht am Sport- und Schwimmunterricht teil, einige dürfen nicht auf Klassenfahrt gehen oder möchten nicht mehr neben Jungen sitzen. Es ist oft nicht nur das Bedecken des Kopfes mit einem Stück Stoff. Es darf auch sonst keine nackte Haut sichtbar sein. Die Toleranz, Akzeptanz und Befürwortung eines Kopftuchs bei Kindern unterstützt die Sexualisierung und Ausgrenzung der Mädchen. Sie sollen sich verhüllen, um nicht den Blicken von Männern ausgesetzt zu sein. Sittliches Verhalten in Bezug auf Männer, sollte für Kinder keine Rolle spielen.

Die Befürwortung eines Kopftuchs bei Kindern unterstützt die Sexualisierung und Ausgrenzung der Mädchen

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Die Erziehung der eigenen Kinder zu freien und selbstbestimmten Individuen ist nicht das Ziel aller Eltern. Konservative muslimische Eltern möchten ihre Kinder vor der vermeidlichen Verwestlichung und dem Verlust der kulturellen Identität schützen. Unter diesen Umständen scheint das Kopftuch eine gute Maßnahme zu sein, um Kontrolle auszuüben. Denn die Mehrzahl der Kinder, die ein Kopftuch tragen, bekommen ganz bestimmte Vorstellungen von Sittlichkeit, Traditionen und Werten vermittelt. Erwachsene Personen können Entscheidungen über das eigene Lebensmodell und dessen Vereinbarkeit mit den familiären Erwartungen abwiegen und sich entscheiden. Doch wie viel Freiheit bleibt einem Mädchen, das von Kindheit an lernt, sich zu verhüllen und den Erwartungen der Eltern und Verwandtschaft gerecht zu werden?

Das Kopftuch ist ein Mittel konservativer muslimischer Eltern, Kontrolle auszuüben und so vor Verwestlichung zu schützen

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Während die antiautoritäre Erziehung schon Mainstreamcharakter erreicht hat und die Waldorfpädagogik die Individualität der eigenen Kinder fördern soll, stellen sich viele linksliberale und sozialdemokratische Kräfte bei einem Verbot des „Kinderkopftuchs“ reflexartig auf die Seite der konservativen und rückwärtsgewandten Islamvereine. Sie verteidigen mit aller Kraft das Recht, dass minderjährige Mädchen verhüllt werden dürfen. Diejenigen, die sich für ein repressionsfreies und selbstbestimmtes Aufwachsen einsetzen, sind oftmals die lautstärksten Gegner eines Verbotes des „Kinderkopftuchs“. Ob sie dabei absichtlich die Augen davor verschließen, dass muslimische Kinder aus stark traditionellen Familien, ohne einen vorgegebenen gesetzlichen Rahmen, niemals die gleichen Chancen haben werden wie ihre eigenen Kinder, oder es sie nicht interessiert, bleibt offen.

Paradoxerweise wird damit argumentiert, dass Kopftücher bei Kindern als Zeichen von Diversität und Pluralismus in der Schule zu deuten sind. Mit einem Kopftuch geht Diversität über in Gleichheit. Es besteht oftmals nicht die Möglichkeit, mit einem Kopftuch, welches von Kindheit an wie eine Uniform getragen wird, individuelle Diversität zu erkunden und auszudrücken. In Gesprächen über Kopftücher und deren Bedeutung mit Mädchen und Jungen, die islamisch sozialisiert sind, fallen immer wieder die Begriffe Schutz, Belästigung, Schande und Ehre. Das Kopftuch wirkt wie eine Maßnahme, die vor den Gefahren in Deutschland schützen soll, die überall lauern. Ein 9-jähriges Kind wird das Kopftuch nicht als Zeichen von Selbstbewusstsein, Identität und Stärke beschreiben. Diesen Mädchen wird die Chance genommen, diese Werte für sich zu entdecken. Die Schule sollte ein neutraler Ort sein, wo zur Freiheit erzogen wird. Für den Schutz der Mädchen ist nicht das Kopftuch, sondern der Rechtsstaat verantwortlich und die funktionierenden Mechanismen der Demokratie.

Mit einem Kopftuch geht Diversität über in Gleichheit

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Das „Kinderkopftuch“ zu tolerieren bedeutet im Umkehrschluss, Diversität, sexuelle Selbstbestimmung und Selbstfindung im Keim kulturrelativistischer und misogyner Haltungen zu ersticken.

Aus Angst vor Rassismusvorwürfen, aus einem kollektiven Schuldgefühl und weil es en vogue ist, sich für die Forderungen von Minderheiten einzusetzen, hindern vor allem liberale Parteien den gesellschaftlichen Diskurs. Sie nehmen damit den kopftuchtragenden Mädchen die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtest Leben. Dass wir oftmals abwarten, bis eine Sache die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hat, benannt und politisch behandelt wird, sieht man an der Integrationspolitik. Die Verhüllung kleiner Mädchen darf nicht den Rechtspopulisten, Islamisten oder kulturrelativistischen AkteurInnen überlassen werden. Sie muss auf einer sachlichen, demokratischen Ebene diskutiert werden, die den Mädchenschutz und die selbstbestimmte und freie Entwicklung der Mädchen im Fokus hat. Ich freue mich auf diesen Diskurs.

Liberale Parteien nehmen aus Angst kopftuchtragenden Mädchen die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben

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5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Jet Bundle
    Der Kommentar wurde entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema und verzichten Sie auf Unterstellungen. Mit freundlichen Grüßen die Community-Redaktion / dr
  2. von Simone Meier
    Was beim Artikel von Frau Kilic leider zu wenig deutlich wird: Das Kopftuch für Kinder hat nichts mit Religion zu tun. Keine Religion, auch nicht der Islam, schreibt vor, dass kleine Mädchen ihr Haar verhüllen müssten. Selbst für erwachsene Frauen ist das Kopftuch aus religiöser Sicht keine Vorschrift. Trotzdem bemühen konservative Islamvertreter immer wieder einen angeblichen Angriff auf die Religionsfreiheit, wenn Kopftuch, Burka und Co. bei uns diskutiert werden, und unsere Politiker*innen fallen offenbar nur zu gern in den Chor mit ein. Das Unsichtbar-machen von Frauen in der Öffentlichkeit ist nicht religiös, sondern politisch-kulturell bedingt, und es steht für Werte, die unserer Demokratie entgegenstehen. Kleinen Mädchen, die sich so verhüllen müssen, wird von vornherein jede eigenständige Entwicklung zu einem freien Leben verwehrt. Wir sollten das in unseren Schulen nicht länger dulden sondern den Mädchen starke Partner für ihre Persönlichkeitsentwicklung und gegen fundamenta-islamische Sittenvorstellungen sein.
  3. von Eckhardt Kiwitt, Freising
    Das islamische Kopftuch -- wie auch so manche anderen in jeder sich bietenden Alltagssituation zur Schau gestellten weltanschaulichen Symbole -- führt nach meiner Beobachtung häufig zur Selbstausgrenzung, zur Selbstdiskriminierung.
    Diese Selbstdiskriminierung ist zwar nicht verboten und lässt sich auch nicht verbieten, allerdings sollte sich niemand, der oder die sich selbst ausgrenzt, über angebliche Diskriminierung durch seine Mitmenschen beklagen.
    Die institutionalisierte Opferrolle ist in so einem Fall selbstgewählt.

    Eckhardt Kiwitt, Freising
  4. von Kultur Feuilleton
    Sex ist privat, Sexus auch. Sexismus ist Spielart des Rassismus, "Teile und herrsche!" Regierung muss vorbildlich handeln und Menschen mit Vor- und Zunamen statt im Frau-Herr-Klisches ansprechen lassen, sie verweigert es?! Sprache transportiert Ideologie wie das Kopftuchsymbol und hatte und hat sozial existentielle Folgen.
    1. von Jürgen Link
      Antwort auf den Beitrag von Kultur Feuilleton 12.09.2019, 14:57:11
      Es ist ein schwerwiegendes und hervorragendes Beispiel für Euphemismus, einen Hijab als "Kopftuch" zu bezeichen.
      Ein Hijab ist ein eindeutig konnotiertes Kleidungsstück sui generis und hat schon deshalb, weil es deutlich mehr als nur den Kopf bedeckt (bedecken muss), nämlich Hals, Schultern und und oft auch die Brust, nichts mit dem Kopftuch zu tun, wie es unsere Großmütter noch häufig trugen.

      "Sprache transportiert Ideologie" ! Das sollte immer bedacht werden und nicht verniedlichend von Kopftuch geredet werden, wenn Hijab gemeint ist.
      Ein Hijab sollte auch immerHijab genannt werden! Es ist ebennicht nur ein beliebiges Stück Stoff.

      Im Übrigen steckt nach meiner Meinung erheblich mehr in oder hinter der Hijab-Diskussion. Es geht um die Einführung islamischer (islamistischer) Bekleidungsregeln - zunächst bei Einzelnen, dann in den Parallelgesellschaften und dann immer weiter so.
      Nicht vergessen werden sollte auch, dass die Propagierung und Tolerierung des Hijabs schon bei Grundschülerinnen genauso wie die Torpedierung des gemeinsamen Unterrichts in manchen Fächern durch die ganz überwiegend konservativen bis orthodoxen Muslimverbände ein massiver Angriff auf die Koedukation ist.

      Die Koedukation aber ist die Grundvorraussetzung für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Geschlechter!