Olympia als Sprungbrett für Nischen-Sportarten Olympia ist das Sprungbrett für die Nische

Bild von Michael Vesper
Vorstandsvorsitzender, Deutscher Olympischer Sportbund

Expertise:

Seit 2006 bekleidet Michael Vesper das Amt des Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Partei Die Grünen und war von 1983-1990 Geschäftsführer der Bundestagsfraktion. Er vertrat die Partei lange im Nordrhein-westfälischen Landtag.

Der Fußball dominiert die deutsche Sportlandschaft, doch Großereignisse wie Olympia können auch Nischen-Sportarten zu viel Aufmerksamkeit verhelfen. 

Wir haben es auf unserem Sportdeutschland-Kanal „ein Wochenende für die Ewigkeit“ genannt. Am letzten Januar-Wochenende dieses Jahres wurde die deutsche Handball-Nationalmannschaft Europameister, Angelique Kerber siegte bei den Australian Open im Tennis, der Nordische Kombinierer Eric Frenzel gewann das Seefeld-Triple, Skifahrerin Viktoria Rebensburg den Riesenslalom in Maribor, bei der Rodel-Weltmeisterschaft am Königssee räumten die Deutschen so gut wie alles ab, und Aljona Savchenko und Bruno Massot holten auch noch Silber bei der Eiskunstlauf-EM. Das Land stand schon ein bisschen Kopf, die Menschen waren völlig begeistert und verfolgten zu Millionen die Live-Übertragungen. Obwohl kein einziger Fußballspieler an den Erfolgen beteiligt war.

Olympia ist für viele Sportarten die einzige Chance auf Aufmerksamkeit

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Warum ich das erzähle? Weil es bestätigt, dass eben nicht nur Fußball die Massen faszinieren kann. Man muss nur die Gelegenheit bekommen und nutzen. Wir spüren das regelmäßig bei den Olympischen Spielen, wo Sportlerinnen und Sportler so vieler Sportarten von so vielen Menschen gefeiert werden. Wo mitgefiebert wird mit Ruderern ebenso wie mit Tennisprofis, mit Modernen Fünfkämpfern oder Wasserspringern ebenso wie mit Sprintern auf der Tartanbahn. Aber wir wissen auch: Vielen Sportarten passiert das nur bei den Olympischen Spielen, dass sie mal so richtig im Blickpunkt stehen, also alle vier Jahre.

Dazwischen fällt aber immerhin einiges auf andere Sportarten, auch auf die sogenannten Randsportarten ab, vor allem, wenn Olympia erfolgreich war. Man denke nur an das erfolgreiche Beachvolleyball-Duo Julius Brink und Jonas Reckermann, das seine Bekanntheit durch den Olympiasieg in London um ein Vielfaches steigerte, an die Fünfkämpferin Lena Schöneborn, die vor allem durch ihren Olympiasieg 2008 öffentliche Wahrnehmung erlangte oder an einen wie den Rodler Georg Hackl, der durch seine Olympiasiege zu einer Marke geworden ist. Es hat ja schließlich einen guten Grund, warum etwa Ringen so verzweifelt darum kämpfte, olympisch zu bleiben. Und dabei erfolgreich war – im anderen Fall wäre die Sportart wohl im wahrsten Sinne des Wortes von der Bildfläche verschwunden.  

In den Medien bleibt neben dem Fußball wenig Platz für andere Sportarten

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Denn viel Platz bleibt hierzulande neben dem Fußball tatsächlich nicht. Der Fußball hat in Deutschland schon immer dominiert, doch in den vergangenen Jahren ist es extrem geworden. Das hat viele Gründe. Fußball ist hierzulande eben ohnehin äußerst beliebt und hat den mit Abstand größten Zuschauerzulauf, seit dem WM-Titelgewinn von 2014 noch stärker als je zuvor. Und es ist ja klar: Je populärer eine Sportart ist, desto stärker wächst das Medieninteresse. 2015 nahm zum Beispiel der Fußball die ersten 17 Plätze im Ranking der meistgesehenen Sportsendungen ein, dann kam ein Klitschko-Kampf.

Das ist angesichts der breiten Fernsehberichterstattung aber auch wenig verwunderlich. Die ARD-Sportschau zeigt Drittligafußball, bevor sie Bundesligaspiele senden darf. Das Aktuelle ZDF-Sportstudio verwendet ebenfalls die meiste Zeit auf die Fußball-Bundesliga. Kaum ein Abend, an dem man – und nicht nur während der EM – irgendwo ein Livespiel sehen kann. Das lockt natürlich auch Sponsoren an. Andere Sportarten hingegen treten medial höchstens sporadisch aus dem Schatten des Fußballs heraus: zum Beispiel Tennis in seiner großen Zeit in Deutschland Ende der 80er Jahre, zeitweise Boxen, Radsport oder die Formel 1, oder auch die von Massen bejubelten Skispringer um die Jahrtausendwende und – jetzt schon seit einigen Jahren - eines der Deutschen Winter-Lieblingskinder Biathlon.  

Der Wintersport schafft es dabei recht gut, geschickt die Nischen der fußballfreien Zeit zu belegen. Er nutzt den Vorteil, dass seine Saison zu großen Teilen in der Fußball-Pause liegt.  Die Vierschanzentournee profitiert zum Beispiel stark davon, dass in der Zeit um die Jahreswende überhaupt kein Profifußball läuft, und die Hallenturniere reichen bei weitem nicht an den „richtigen“ Fußball heran. Die Wintersportwochenenden in den öffentlich-rechtlichen Sendern generieren generell gute Einschaltquoten, sonst würden sie längst der Vergangenheit angehören. Und Fernsehpräsenz zählt eben nach wie vor, nicht nur bei der Sponsorengewinnung. Das Nutzen solcher Nischen ist sicher eine Möglichkeit, die aber eben nicht allen Sportarten möglich ist.

Man kann dem Fußball seine Dominanz nicht zum Vorwurf machen

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Dass der Fußball dominiert, ist also keine Frage. Und dass das anderen Sportarten, etwa in der Nachwuchs- oder der Sponsorengewinnung zu schaffen macht, auch nicht. Aber das ist ihm nicht vorzuwerfen. Es ist nicht seine Absicht, andere ins Abseits laufen zu lassen. Der Fußball nutzt einfach seine Chancen, die sich ihm bieten – und ihm bieten sich nun einmal  deutlich bessere als anderen Sportarten. Aber der Fußball ist und versteht sich als Teil der Sportfamilie, und er blickt auch nach rechts oder links. Es gibt zum Beispiel immer wieder gemeinsame Projekte mit uns und/oder anderen Sportverbänden, in denen der Fußball sich auch für andere engagiert. Ich denke da zum Beispiel an das Projekt „Entdecke deine Stärken“, mit dem er sich gemeinsam mit uns und dem Deutschen Turnerbund mit anderen für mehr Bewegung für Kinder eingesetzt hat, oder auch an das Aktionsbündnis „Alkoholfrei Sport genießen“, mit dem der Fußball aktuell gemeinsam mit vielen anderen gesellschaftspolitische Arbeit unterstützt.   

Auch in Rio de Janeiro sind die beiden deutschen  Fußballmannschaften Teil der Olympiamannschaft. Aber eben genauso wie viele andere, wie die Profigolfer, wie die Rhythmischen Sportgymnastinnen. Ich bin davon überzeugt, dass auch in und nach Rio wieder viele Sportlerinnen und Sportler verschiedenster Disziplinen die Bühne Olympia hervorragend nutzen können, um sich und ihre Sportarten in den Mittelpunkt zu rücken.  

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Außerdem auf Causa: Wieso Europa den Briten eine flexible Mitgliedschaft anbieten sollte. 

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