Fußball zerstört Vielfalt des Sports  "Steuern Sie der medialen Fußball-Monokultur entgegen"

Bild von  Kaweh  Niroomand
Manager BR Volleys

Expertise:

Kaweh Niroomand war erfolgreicher Unternehmer in der IT-Branche und leitet seit 1988 die Volleyballabteilung des SC Charlottenburg. Neben seiner Tätigkeit als Manager und Geschäftsführer der Berlin Recycling Volleys ist er auch Sprecher der Initiative Berliner Proficlubs sowie Präsidiumsmitglied des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller.

Der Fußball dominiert die Sportwelt seit Jahrzehnten und drängt andere Sportarten an den Rand. Das liegt aber nicht am Potential anderer Sportarten, sondern an der Fußball-Vernarrtheit der Medien. 

Am 1. Mai um 16.37 Uhr sprangen 8.125 Besucher in der Berliner Max-Schmeling-Halle jubelnd von ihren Sitzen. Sie klatschten, sangen, vergossen Freudentränen. Was war geschehen und sorgte für diesen kollektiven Ausbruch der Emotionen? Soeben hatten die BR Volleys erstmals in ihrem „Volleyballtempel“ den Meistertitel gewonnen. Doch damit nicht genug: Der verwandelte Matchball machte sogar das historische Triple aus Meisterschaft, Pokal und Europacupsieg perfekt. Schade nur, dass dieser Triumph in der breiten Öffentlichkeit kaum Resonanz fand …

Wenige Stunden später eröffnete die ARD Tagesschau ihre Sportmeldungen mit der Nachricht, dass an diesem Tag der FC Bayern München die Deutsche Meisterschaft im Fußball gewonnen hatte. So weit, so normal. Nur handelte es sich bei dem frisch gebackenen Titelträger mitnichten um das allseits beliebte Starensemble von Coach Pep Guardiola. Nein, es war die Frauen-Mannschaft des bayerischen Vorzeigeklubs, die vor 1.430 Zuschauern im Stadion an der Grünwalder Straße die Meisterschale in Empfang nehmen durfte.

Die Dominanz des Fußballs nimmt ständig zu und überstrahlt die restliche Sportlandschaft

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Schon anlässlich der Heim-WM 1974 sangen Franz Beckenbauer & Co. davon, dass König Fußball die Welt regiere … und daran hat sich bis heute nichts verändert, zumindest in der Welt des Sports. Das Gegenteil ist der Fall: Im Zuge seiner Kommerzialisierung hat der Fußball inzwischen eine Dominanz erreicht, von der die gesamte deutsche Sportlandschaft überstrahlt wird.

In diesem übermächtigen Schatten kämpfen nicht nur wir Hauptstadt-Volleyballer, sondern auch viele andere Top-Athleten in zahlreichen Sportarten um jede TV-Minute, denn ohne eine mediale Präsenz ist es trotz aller Spitzenleistungen kaum möglich, in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, Zuschauer auf sich aufmerksam zu machen und Sponsoren für sich zu gewinnen.

Die Fußballer tragen keine Schuld an der Omnipräsenz des Fußballs

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Die jüngsten Ereignisse geben den medialen Randsportarten jedoch kaum Anlass zur Hoffnung. Vor wenigen Tagen verkaufte die Deutsche Fußball Liga die Medienrechte der nächsten vier Jahre für insgesamt 4,64 Milliarden (!) Euro – eine Summe, die bei allen Nicht-Fußballern entweder einen Ohnmachtsanfall oder ein resignierendes Lächeln hervorgerufen haben dürfte. Nicht zuletzt, weil ARD und ZDF bereit waren, einen Großteil dieses astronomischen Betrags zu zahlen. Ein wenig erinnert mich dieses Szenario an die geplatzte Internetblase Ende der 1990er Jahre oder die im Jahr 2007 beginnende Finanzkrise, als enorme Investitionen getätigt wurden, ohne dass diese durch wirtschaftlich stabile Gegenwerte gedeckt waren, was letztlich zu einem Zusammenbruch des jeweiligen Marktes führte.

Den Fußballern und Fußballerinnen kann man für ihre mediale Omnipräsenz freilich keinen Vorwurf machen – weder den Damen aus München, noch den Männern im DFB-Trikot, über deren Europameisterschaft in Frankreich momentan in Fernsehen, Radio, Zeitung und Internet rund um die Uhr berichtet wird. Sie alle trainieren hart, spielen erfolgreich, vermarkten sich professionell, begeistern die Massen und sorgen für hohe Einschaltquoten.Trotzdem muss man sich aus meiner Sicht folgende Fragen stellen:

Ist es gut, dass die ARD Sportschau ihrem Namen schon seit langem nicht mehr gerecht wird? Ist es vertretbar, dass eben jene Sendung an einem Samstag acht Stunden lang Amateur-Fußballspiele – unter anderem das Spektakel 1. FC Germania Egestorf/Langreder gegen SV Drochtersen/Assel – live überträgt, während zeitgleich deutsche Sportler in olympischen Sportarten um internationale Titel und Medaillen kämpfen? Ist es richtig, dass ein Tagesschau-Moderator "die Bundesliga-Tabelle" ankündigt als gäbe es nur diese eine, statt mehr als 100? Ich sage: NEIN!

Auch andere Sportarten sind massentauglich. 

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NEIN sage ich nicht nur, weil das gebührenfinanzierte, öffentlich-rechtliche Fernsehen den Sendeauftrag besitzt, die Vielfalt unserer Gesellschaft abzubilden. NEIN sage ich vor allem deshalb, weil ich fest davon überzeugt bin, dass auch Sportarten abseits des Fußballs die Menschen anziehen, unterhalten und bewegen können. Erleben wir es nicht alle vier Jahre im Rahmen der Olympischen Spiele? Freuen wir uns nicht über die Leistungen der Leichtathleten? Fiebern wir nicht mit den Hockey-Teams? Jubeln wir nicht mit den Beachvolleyballern? Auch ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit bestärkt mich in meiner Überzeugung: Als Ende Januar unsere Handball-Nationalmannschaft das EM-Finale gegen Spanien gewann, saßen fast 13 Millionen Deutsche gebannt vor den heimischen Bildschirmen und drückten dem Team aufgeregt die Daumen.

Der Sport fasziniert die Menschen aufgrund seiner Ästhetik, seiner Spannung und seiner Emotionen. Und ich glaube fest daran, dass auch andere Sportarten als nur der Fußball diese Faszination entfalten können, wenn man diese im TV attraktiv inszeniert und regelmäßig überträgt, so dass sich das Publikum mit deren Charakter, Regelwerk und Protagonisten vertraut machen kann.

 Man soll der Natur des Sports statt der jüngsten Einschaltquoten folgen

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Die Sportlandschaft hierzulande bietet dafür beste Voraussetzungen, denn in kaum einem anderen Land finden die Ligen der olympischen Mannschaftssportarten auf einem derartig hohen Niveau statt. Die Handballer aus Kiel, die Basketballer aus Bamberg, die Eishockeyspieler aus Mannheim und auch die Volleyballer aus Berlin – sie alle zählen in ihrer Disziplin zur europäischen Spitze und präsentieren ihren Fans wöchentlich attraktive Events, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.

 

Darum lautet mein Appell an die Chefredakteure und Programmplaner: Vertrauen Sie der Natur des Sports statt der jüngsten Einschaltquoten! Steuern Sie der medialen Monokultur entgegen und zeigen Sie den Sport in all seinen Facetten! Berichten Sie über unsere vielen großartigen Teams und Athleten sowie ihre fantastischen Leistungen! Werden Sie den Millionen Fußballfans gerecht, aber wagen Sie mehr Vielfalt!

Das Leben ist bekanntlich bunt - der Sport ist es auch!

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Lesen Sie hier die gesamte Debatte zur Dominanz des Fußballs

Außerdem auf Causa: Warum der Fußball-Patriotismus nicht harmlos ist

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