Wieso der Fußball die Sportwelt dominiert "Man darf Fußball nicht mit anderen Sportarten vergleichen"

Bild von Ute  Wieland
Regisseurin und Autorin

Expertise:

Ute Wieland, Autorin und Regisseurin von Filmen wie "FC VENUS", "Besser als nix", dreht ihren nächsten Kinofilm "Tigermilch" kurz nach der EM 2016. Lebt und guckt Fußball in Berlin.

Fußball ist der Blockbuster des Sports und stielt den anderen Sportarten die Show. Kein anderer Sport hat es geschafft, Menschen aller gesellschaftlichen Schichten derart zu verbinden. 

Fußball ist dominant. Fußball ist kommerziell. Noch nie wurden im Deutschen Fußball solche Milliardensummen bewegt wie für 2016/2017. Allein bei den nationalen TV-Übertragunsrechten gibt es Zuwächse von 85%. Auf immer mehr Sendern an immer mehr Tagen, füllt Fußball das Programm und den Tagesablauf der Deutschen. ARD, ZDF, Sport1, Eurosport, Sky, Freitagsspiele, Montagsspiele, Relegation und englische Wochen, Bundesliga, 2.Bundesliga, Pokal, Europapokal, Supercup, Nachverwertung am Samstag, Nachverwertung am Sonntag, Audio-Berichterstattung auf amazon. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, immer neue Einzelscheibchen zu finden, in die man den Fußball noch schneiden kann. Scheibchenweise wird Fußball verkauft, dem hechelnden Fußballfan vor die Nase gehalten wie eine Scheibe seiner Lieblingswurst. Der Fußballfan springt hoch und höher. Holt sich seine Wurst. Die Blase Fußball wächst und wächst. Es ist kein Ende in Sicht.

Medienpräsenz allein reicht nicht, um die Massen zu begeistern.

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Mit den Erfolgen der Deutschen Mannschaft der letzten 10 Jahre wurde der Hype überhaupt erst möglich. 2006 Weltmeister der Herzen. Ein ganzes Land schämt sich plötzlich nicht mehr - die deutsche - Flagge zu zeigen. 2010 im „kleinen Finale“ um Platz drei die Herzen gewonnen. In einer Online-Abstimmung der FIFA zur unterhaltsamsten Mannschaft des Turniers gewählt. 2014 – endlich – Weltmeister. Und wir alle mit. Ermöglicht durch die Omnipräsenz des Fußballs in den Medien. Aber wie es so ist, mit erfolgreichen Filmen und mit erfolgreichen Sportarten: Medienpräsenz gehört dazu. Je mehr desto besser. Aber: Medienpräsenz allein reicht nicht, um die Massen zu begeistern.

Das Gemeinschaftserlebnis eines Spiels mit einfachen Regeln, macht den Fußball einzigartig

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Das Archaische – der Ball als Gewehrkugel, die Jagd, sublimierte Kämpfe und Kriege auf dem Schlachtfeld Fußballplatz – steckt in uns allen. In meinem Film „FC VENUS“ sagt eine Fußballfrau zu der anderen: „Du kannst einen Mann aus dem Verein nehmen, aber niemals den Verein aus einem Mann.“ Gruppenzugehörigkeit und Identität, das Gemeinschaftserlebnis eines Spiels mit einfachen Regeln, macht Fußball einzigartig unter den Sportarten.

Der Arthouse-Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ der in 64 Kinos sehr beachtliche 100.000 Zuschauer erreichte, war ein Erfolg. Es ist ein guter Film. Nicht zu vergleichen mit der Mainstream-Komödie „Fuck Ju Göhte 2“, der in 830 Kinos von sensationellen 7,6 Millionen Zuschauern gesehen wurde. Ein Phänomen.

Fußball überwindet kulturelle und gesellschaftliche Schranken

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Wie Fußball scheint dieser deutsche Blockbuster etwas Universelles zu erzählen. Scheint kulturelle, intellektuelle und gesellschaftliche Schranken zu überwinden. Auch Fußball ist spätestens mit der WM 2006 in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Männer, Frauen, Intellektuelle, Ungebildete, Gebildete, Reiche, Arme, Hooligans, Linke, Rechte, Ökos, Ausländer:  Alle verbindet die Begeisterung für den Fußball.

Fußball ist eine shakespearsche Theaterinszenierung, mit Helden und Wendungen, großen Dramen und Leidenschaften. Zeitlos wie die  griechischen Tragödien. Es ist schlicht „das Theater der Welt.“ Und zudem - unberechenbar. Fußball ist der große Blockbuster unter den Sportarten. Trotzdem hat der Arthouse-Film genau wie die weniger medienpräsente Sportart eine kulturelle Bedeutung.

Man kann Fußball nicht mit anderen Sportarten vergleichen. 

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Drama ist nicht vergleichbar mit Komödie. Äpfel vergleicht man nicht mit Birnen. Fußball ist nicht Fechten, Radfahren, Schwimmen oder Diskuswerfen. So wie Blockbuster nicht den Arthouse-Film verdrängen dürfen, muss es neben Fußball andere Sportarten geben. So wie der Arthouse-Film als Kulturgut unterstützt wird durch eine Abgabe von jeder eingenommenen Kinokarte, müssen die Big Player im Sport die weniger zuschauerstarken Sportarten unterstützen. Sie gehören zu unserer Kultur. Vor allem muss es genug Jugendförderung geben.

Die Herzen der Fans fliegen den Erfolgreichen zu. Everybody loves a winner. Wenn deutsche Sportler-Persönlichkeiten durch besondere Erfolge ihre Sportart geprägt haben, waren die Zuschauer immer bei ihnen. Rekordtitelträger Michael Schumacher mit sieben Weltmeister-Gesamtsiegen bescherte den Fernsehsendern Rekord-Einschaltquoten. Steffi Graf und Boris Becker machten Tennis zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Das ganze Land guckte zu, wie Boris Becker 1985 als jüngster Spieler Wimbledon gewann.

Und dann – spielen wir wieder Fußball. Gegen Brasilien. Und ganz Deutschland guckt. 34,65 Millionen.Ich beobachte den ganzen Wahnsinn. Gucke, um dabei zu sein. Gucke nicht, um zu boykottieren. Gucke, werde Weltmeister. Gucke nicht, weil die so schlecht spielen. Aber egal. Hauptsache, ich kann in die Alte Försterei gehen. Und dort, im Stadion weitab von Eurosport, Sky, Zweit- und Drittverwertung, meine Mannschaft Fußball spielen sehen, den 1. FC Union Berlin. Eisern Union!

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Lesen Sie hier die gesamte Debatte

Außerdem auf Causa: Warum der Fußball-Patriotismus nicht harmlos ist

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