Zerstört die Dominanz des Fußballs den Sport? Eine Fußball-Monokultur darf es nicht geben

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MdB, SPD

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Dagmar Freitag ist seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestags. Einer ihrer Themenschwerpunkte ist Sport. Sie ist seit 2009 Vorsitzende des Sportausschusses.

Der Fußball dominiert den Sport, aber hat sich nur wenig modernisiert. Wenn andere Sportarten neben ihm bestehen wollen, müssen sie an ihrer Inszenierung arbeiten. Die Medien spielen hierbei eine Schlüsselrolle. 

Daran, dass der Fußball Deutschlands Sportart Nummer 1 ist, gibt es keinen Zweifel. Knapp 7 Mio. Mitglieder im Deutschen Fußball-Bund – der Deutsche Turner-Bund kratzt als an Mitgliedern zweitstärkster Verband an der 5-Mio.-Marke, und nur drei weitere Verbände (Deutscher Tennis Bund, Deutscher Schützenbund, Deutscher Alpenverein) haben mehr als 1 Mio. Mitglieder.

Der Fußball hat sich nur wenig modernisiert

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Diese Dominanz des Fußballs ist über Jahrzehnte gewachsen. Und das Selbstverständnis der Sportart wird nachdrücklich vom Team-Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, formuliert, wenn er mit den Worten „Die Nationalmannschaft ist quasi die vierte Macht im Staat“ zitiert wird. Man muss sich diese Sichtweise nun wirklich nicht zu Eigen machen, aber ich gehe davon aus, dass er in den Reihen des Fußballs nur wenig Widerspruch ernten wird. Dabei hat sich der Fußball in den vergangenen Jahrzehnten nur bedingt modernisiert. Sicher, der Fußball ist athletischer und schneller geworden, hat sich auch taktisch weiterentwickelt. Er hat ein paar kleinere Regeländerungen vorgenommen, ein wenig mehr technische Unterstützung zugelassen und natürlich von technischen Entwicklungen in den Medien profitiert. Ein funktionierendes aber dennoch hochtraditionelles Fußballsystem.

Keine andere Sportart kann mit dem Fußball mithalten

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National und international sind neue Wettbewerbsformate kreiert worden, die Anzahl der Teilnehmer bei Europa- und Weltmeisterschaften wurde erhöht, die Reichweite der Turniere und damit auch die Vermarktungschancen wurden erweitert. Ob diese Ausweitung auch im Sinne des Sports, der Spieler und der Fans sind, lasse ich mal dahingestellt. Aber: TV-Gelder sprudeln, die Lizensierung der nationalen Medienrechte für die Bundesliga spült ab der Saison 2017/18 durchschnittlich 1,16 Milliarden Euro jährlich in die Kassen der Vereine. Die Spitzenvereine der Bundesliga treiben ihre Internationalisierung voran und erschließen sich neue Vermarktungswege. Keine andere Sportart in Deutschland kann mithalten.

Erdrückt der Fußball mit seiner Präsenz und Dominanz andere Sportarten? Zieht er alles Geld und Interesse auf sich? Ist er eine Gefahr für die anderen Sportarten oder kann er Zugpferd sein, von dem andere Sportarten profitieren können?

Die anderen Sportarten sollten versuchen, ein Gesamtwachstum des Sports mitzugestalten

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Der Fußball ist in den vergangenen Jahrzehnten vor allem eines geworden: professioneller. Aber das sind andere Sportarten auch. Auch andere Verbände, beispielsweise Handball, Basketball oder Eishockey, lagerten die professionellen Wettkämpfe in Unternehmen aus, so wie es der Profifußball mit der Deutschen Fußball-Liga macht. Auch andere Sportarten schufen neue, unternehmensähnliche Strukturen in den Vereinen, bauten Nachwuchsleistungszentren, modernisierten Infrastrukturen, professionalisierten und optimierten die Athletenbetreuung. Sie haben die Professionalisierung vorangetrieben, eigene Ressourcen erweitert. An den Grad der Professionalität, die sich der Fußball leisten kann, kommen sie dennoch nicht heran. Die Dominanz des Fußballs ist geblieben, sie scheint unveränderbar. Andere Sportarten wetteifern um den Rest des Kuchens – und sollten versuchen, ein Gesamtwachstum mitzugestalten.

Die Sportverbände müssen über medienkompatiblere Sportformate nachdenken. 

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Die Medien spielen für die Vermarktung in allen Spitzenverbänden – und damit für den wirtschaftlichen Erfolg und damit wiederum für die Professionalisierung – eine entscheidende Rolle. Die Sportverbände müssen über medienkompatiblere Sportformate nachdenken und moderne, attraktive Wettkämpfe kreieren. Das Internationale Olympische Komitee hat beispielsweise Snowboarden in das Programm der Olympischen Winterspiele und BMX-Events in jenes der Sommerspiele aufgenommen. Die medialen Darstellungsmöglichkeiten sind attraktiv: die Athletinnen und Athleten treten in direkten Duellen gegeneinander an und garantieren spektakuläre Bilder. Abseits der traditionellen olympischen Sportarten wächst hier gewissermaßen eine neue, junge, hippe olympische Sportlerszene heran, die Olympischen Spiele öffnen sich damit auch jener Community, die ihren Sport bisher außerhalb der traditionellen Strukturen betrieben haben.

Kreative Ansätze hat es auch in Deutschland gegeben, und es hat sich gezeigt, dass sie auch durchaus funktionieren können. Die medial zweifellos hervorragend aufbereiteten Wintersportwochenenden ziehen nach wie vor viele TV-Zuschauer in ihren Bann. Allerdings war Grundvoraussetzung für diese Form der medialen Präsentation, dass sich die Wintersportverbände zusammengetan und gemeinsam agiert haben. Es wurde versucht, Wettkampfzeitpläne aufeinander abzustimmen, um den Programmplanern der Fernsehsender überhaupt erst die Möglichkeit zu geben, Wintersport in seiner vollen Breite zu präsentieren.

Eine Fußball-Monokultur darf es nicht geben

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„Die Medien“ sind ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Partner. Wenn über Sportarten abseits des Fußballs nur am Rande oder gar nicht berichtet wird, sind deren Bemühungen im Prinzip, so bitter es klingt, zum Scheitern verurteilt. Hier kommt den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern eine Schlüsselrolle zu: Ihr Auftrag ist es, die gesamte Breite des Sports darzustellen, eine Fußball-Monokultur darf es nicht geben. Auch den Print-Medien sollten andere Sportarten häufiger mehr als eine einspaltige Randnotiz wert sein.

Andere Sportarten müssen sich anders inszenieren, um dem Fußball die Stirn bieten zu können. 

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Eine nicht unbedeutende Chance bieten die neuen Medien. Sie können insbesondere im Hinblick auf die immer häufiger den Verbänden auferlegte Übernahme der Produktionskosten eine niedrigschwellige Möglichkeit sein, Sportarten medial zu verbreiten. Das Nutzerverhalten der Sportzuschauer hat sich dank der sich rasant weiterentwickelnden technischen Möglichkeiten verändert, die Bandbreite zukünftiger Innovationen ist noch gar nicht absehbar. Damit einhergehen werden auch völlig neue mediale Kanäle, Inhalte und Techniken, die jede Sportart für sich zu nutzen bereit sein muss.

Sportarten werden also auch in Zukunft zunächst jeweils einen ureigenen Weg finden, aus dem Schatten des Fußballs herauszutreten. Sie müssen eigene Ideen entwickeln, Konzepte erarbeiten, Kooperationen eingehen und Partner finden. Dann können sie ihren Platz neben dem Fußball finden. 

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Zerstört der Fußball den Sport? Lesen Sie hier die gesamte Debatte. 

Außerdem auf Causa: Warum die Reform des Sexualstrafrechts auch ein anderes Frauenbild stärkt.

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