Sport außerhalb der Medien Die Welt des Profifußballs hat wenig mit der Welt des Sports zu tun

Bild von Sebastian Braun Stefan Hansen
Humboldt-Universität zu Berlin

Expertise:

Dr. Stefan Hansen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Sportsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Prof. Dr. Sebastian Braun ist Universitätsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er leitet dort die Abteilung Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft und zudem die Abteilung Integration, Sport und Fußball am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Der Fußball dominiert die Medien, doch der meiste Sport findet außerhalb dieser statt und vervielfältigt sich laufend. 

Zerstört die Dominanz des Fußball den Sport oder ist der Fußball das Zugpferd, von dem andere Sportarten profitieren können? Diese Frage lässt sich nicht so einfach mit Ja oder Nein beantworten. 

Zweifellos ist aber nicht nur während der laufenden EM der Spitzenfußball der Nationalmannschaft allgegenwärtig. Professionell organisierte Inszenierungen von fürstlich vergüteten Topathleten laden die alltagsenthobene Welt der Stars und Sternchen mit einfühlsamen Phantasien zu einer der scheinbar „schönsten Hauptsachen der Welt“ auf. Diese separierte Welt des professionell betriebenen Spitzenfußballs dominiert den sportbezogenen Fernsehmarkt immer weitreichender. Auf der Rangliste der Top-Einschaltquoten in der deutschen Fernsehgeschichte dominieren Fußballspiele der Nationalmannschaft, die zu Gladiatorenkämpfen hochstilisiert werden im Glauben daran, dass die Authentizität der Live-Übertragung und deren umfängliche Einordnungsversuche durch einen immer größer werdenden Expertenmarkt die Einschaltquoten hochtreiben würden.

Der Spitzenfußball ist eine Welt für sich, die mit der restlichen Welt des Sports wenig zu tun hat

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In diesem Sinne tragen alle beteiligten Akteure – die Medien ebenso wie Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft – dazu bei, dass der medial inszenierte Spitzensport in Deutschland wie ein riesiges Fußballevent erscheint – ein Event, das von wenigen Sportarten wie Formel 1 oder Skisport flankiert und während der Olympischen Spiele turnusmäßig durch ein Pool weniger medienpräsenter und telegener Sportarten ergänzt zu werden scheint. Dabei ähneln die Medienstars, die der Spitzensport produziert, den Stars aus Musik und Reality-TV; sie werden mit den Formatkriterien von Prominenz insbesondere für das Fernsehen passförmig gemacht. Insofern sind Spitzenfußballer immer auch Kunstprodukte, von deren Leben man träumen mag, das aber nur wenig mit dem alltäglichen Tun der meisten Menschen in der Realität gemein hat.

In dieser Argumentationsrichtung handelt es sich beim medial inszenierten Spitzenfußball um eine eigene Welt, die mit dem Sportverständnis der stetig steigenden Zahl von Sportaktiven in der Bevölkerung bestenfalls noch locker und partiell verkoppelt ist. Differenzierungstheoretisch gesprochen bildet der medial inszenierte Spitzenfußball ein funktional ausdifferenziertes, autonomes und vor allem auch selbstreferentielles gesellschaftliches Teilsystem. Mit anderen Sportmodellen des sich ständig weiter expandierenden Breiten- und Freizeitsports, bei denen Aspekte wie z.B. Gesundheitsprävention, Körperstilisierung, gesellschaftliche Lebensstilpolitiken, soziale Zugehörigkeits- und Abgrenzungspraktiken bedeutsam sind, hat der medial inszenierte Showsport primär den Rekurs auf den Terminus „Sport“ gemein.

Der Sport pluralisiert sich und findet in jeder Gesellschaftsschicht statt

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Anders als im medial inszenierten Showsport, der zunehmend sportartenspezifisch fokussierter erscheint, pluralisiert sich die Sport- und Bewegungskultur in unserer Gesellschaft ausgesprochen dynamisch – und dies in mehrfacher Hinsicht: War sportliche Betätigung bis vor einigen Jahrzehnten noch eine Angelegenheit junger Männer der Mittel- und Oberschichten, so sind heute fast alle Bevölkerungsgruppen vom Kleinkind bis zum Senior, die verschiedenen Geschlechter und auch Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft sportlich aktiv. Damit einher geht eine enorme Pluralisierung dessen, was unter Sport verstanden und wie er ausgelegt wird. Sei es das Zurücklegen alltäglicher Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad, die Mitgliedschaft in Fitnessstudios zur Körperformung, die Teilnahme an Rückenkursen als gesundheitspräventive oder -rehabilitative Maßnahme, das Absolvieren eines Marathons oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein, um Wettkampfsport nach einem verbandlich organisierten Regelwerk zu betreiben: Sport ist – das soll die Aufzählung zeigen – in beinahe allen Gesellschaftsgruppen angekommen und scheint beinahe zu einer gesellschaftlichen Norm geworden zu sein, die weitgehend positiv bewertet wird.  „Sportlich zu sein“ oder zumindest einen „sportiven Lebensstil“ zu haben, den man am körperlichen Erscheinungsbild dokumentieren kann, ist gerade für die aufstiegsorientierten und bildungsnahen Milieus zu einer Selbstverständlichkeit in der Lebensführung geworden.

Der Fußball steht zunehmend unter Konkurrenzdruck

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In diesem Pluralisierungsprozess der Sport- und Bewegungskultur bildet der wettkampforientierte (Vereins‑)Fußball eine Möglichkeit unter einer Vielzahl von sportlichen Optionen, die de facto auch ergriffen werden. Zumindest sind es vor allem die männlichen Jugendlichen und jungen Männer, die organisierten Wettkampffußball spielen, während Mädchen und Frauen oder ältere Bevölkerungsgruppen offenkundig andere Sportformate bevorzugen. Angesichts der Pluralisierung der Sport- und Bewegungskultur kann man durchaus sagen, dass unten an der Basis sportiver Praxen König Fußball eher mit multiplen Konkurrenzsituationen zurechtkommen muss, als dass er die Szenerie in steigendem Maße dominieren würde. Walking, CrossFit, Beachvolleyball, Zumba, Yoga, Moutainbiking, Bouldern – in der Lebenswelt der Menschen ist die sportive Praxis bunt und vielfältig.

Dies ist eine durchaus relevante Nachricht für die Sportvereine und andere gemeinnützig oder privatwirtschaftlich organisierten Sportanbieter, die jenseits des Spitzensports ihre Tätigkeitsfelder haben: Fußball ist allgegenwärtig und ein sehr attraktives Medium, das viele Menschen zum Mitmachen im öffentlichen Raum anregt; die Rezipienten des fußballerischen Mediensports scheinen aber sehr wohl einordnen zu können, dass es sich im Profisport um Ausnahmeathleten handelt, denen nachzueifern wirklichkeitsfremd wäre.

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Außerdem auf Causa: Je mehr Fahnen, desto nationalistischer? Darf man zur EM Schwarz-Rot-Gold tragen?

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