Handys bei Konzerten  Wer das Handy zückt, suggeriert Zustimmung und Wohlgefallen

Bild von Hendrik  Otremba
Künstler

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Hendrik Otremba wurde 1984 im Ruhrgebiet geboren und lebt heute in Berlin. Er ist Dozent, arbeitet als freier Autor, Journalist und Lektor, ist bildender Künstler und Sänger der Gruppe Messer.

Hendrik Otremba steht als Musiker oft vor einem Meer aus Handykameras. Das schmeichelt und besorgt ihn zugleich. Ein Smartphone-Verbot hält er aber für Schwachsinn. 

Ich werde dieses Jahr 32, was bedeutet dass ich aus einer Generation von Konzertgängern stamme, die noch erlebt hat, wie die einzigen Lichtquellen vor der Bühne Feuerzeuge sind, in den Händen der Ergriffenen, die in kultischer Vereinigung stimmlos schwingend suggerieren wollen: Liebe Musikerin, lieber Musiker, das, was da gerade geschieht, ist ein wirklich tolles Gefühl hier vor der Bühne, ich bin total dabei und beleuchte meine Begeisterung. Auch, wenn ich nicht all zu oft auf Feuerzeug-tauglichen Konzerten war und die kleinen Handschmeichler eher dafür benutzt wurden, Zigaretten anzuzünden. Das Smartphone als Ersatz des Feuerzeuges – markiert es also vielleicht lediglich Zustimmung und Begeisterung? Warum nervt es dann so? Und überhaupt: sollte es nerven? Es ist dann wohl doch etwas komplizierter ...

Das Zücken eines smartphones suggeriert meistens Zustimmung 

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Bei genauerem Hinsehen sind diese zwei historisch unendlich weit voneinander entfernten Erfindungen (das Feuer der Höhlenmenschen und der permanent vernetzte Telefonkamerakleincomputer des Hausmenschen) nicht die einzigen Partizipationsmöglichkeiten auf Konzerten, die über Applaus, Geschrei, Buhrufe, Mitsingen, Pfiffe und Flaschenwerfen hinausgehen. Versuche, das Stattfindende festzuhalten, ließen sich schon lange vor der Smartphone-Zeit beobachten: Menschen mit Aufnahmegeräten, die mit einem distinguierten Spezialinteresse das Konzert ihrer liebsten Künstler aufnehmen, schüchtern eingesetzte, batteriebetriebene Analogkameras von schwelgenden Fans – bis hin zu Freizeitdress-uniformierten Hardcorekonzerten, auf denen gefühlt jeder zweite Besucher auf der Bühne steht und seine Canon Eos-Irgendwas hochreißt, sobald es etwas Bewegung in der Menge gibt. Was sie eint: Wenn jemand auf einem Konzert ein technisches Gerät zückt, um eine Aufnahme zu machen, verlautet das zunächst Zustimmung (oder: Schlägerei, Kotzerei, Katze – eben etwas heutzutage als sehenswert empfundenes). Warum ist das kleine Rechteck dann mittlerweile häufig so verpönt?

Alles zu fotografieren ist Teil der digitalen Evolution

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Vielleicht ist es ein argwöhnisches Infragestellen, ob denn die Menschen hinter den Apparaten überhaupt noch genießen können, was vor den Linsen geschieht. Das aber ist keine exklusive Frage der Konzertkultur. Ich war gerade für einige Wochen in Kalifornien, besuchte sogar Sehenswürdigkeiten im weitesten Sinne. Sie waren sehenswert, auch die Luft und die Geräusche waren besonders. Es war sehr schön, sich dort aufzuhalten. Manchmal hätte ich die anderen Touristen fast mit ihren Selfiesticks geschlagen, nicht um sie zu verletzen, sondern um sie aufzuwecken, hätte sie am liebsten angebrüllt (Hinweis: ich spitze zu): Wenn ihr aus euren SUVs aussteigt, ein Foto macht und direkt weiterfahrt, habt ihr dann überhaupt erlebt, was ihr später auf der Toilette sitzend an euch vorbeiwischt? Geht es euch um das Erleben, oder darum, das  Verpasste festzuhalten? Sieht es in echt nicht besser aus, als auf so einem kleinen Bildschirm? Natürlich bin ich still geblieben, habe meinen Kopf – Kunststück – nur in mich hineingeschüttelt. Ehrlich gesagt habe ich sogar auch ein paar Fotos gemacht, nur eben nicht mit so einem Stock und auch nicht ständig. Alles zu fotografieren ist Teil der digitalen Evolution, die Gründe sind divers: Es besteht die technische Möglichkeit, man gibt im Internet preis, wo man tolles war, es wird festgehalten, erinnert, archiviert und der neuen Kommunikationskultur entsprechend verschickt und geteilt. Wir lernen den Paradigmenwechsel aktiv kennen: das Medium ist mal wieder die Botschaft, das Smartphone Werkzeug einer neuen Kommunikation.

Nun verhält es sich auf Konzerten aber ja seit einiger Zeit etwas anders, quasi dieser Entwicklung entgegengewandt: über Software wird gesprochen, die das Fotografieren und Filmen auf Konzerten unterbindet, im Berghain gibt es Aufkleber auf die Linse (gut, das hat andere Gründe), Alicia Keys ließ jüngst im Lido verfügen, dass jeder Besucher sein Telefon in eine Schatulle packen musste, auch, um einem Leak unveröffentlichter Songs vorwegzugreifen – die Menschen waren sich jedoch danach einig: so intensiv hatten sie ewig kein Konzert mehr erlebt. Ist Alica Keys wirklich so gut? Ganz bestimmt. Doch ist das eine Lösung? Und gibt es überhaupt wirklich ein Problem?

In einer digitalisierten Welt lechzt es den Einzelnen nach Echtheitserlebnissen

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Vor ein paar Jahren sah ich auch bei einem unserer Konzerte die ersten vereinzelten Smartphones, die mir entgegengestreckt wurden. Ich fragte mich: Ist da jemand dran, der mich sprechen möchte? Jetzt? Sind das etwa Gastgeschenke? Dann stellte ich fest: ICH WERDE FOTOGRAFIERT! Mir hat das in diesen ersten Momenten suggeriert: hier gefällt es jemandem, hier möchte jemand auch später noch auf das Erlebte zugreifen können, sich erinnern, anderen Menschen zeigen, was für einem Erlebnis beigewohnt wurde. Das schmeichelt, klar. Es ist auch nachvollziehbar: In einer digitalisierten Welt lechzt es den Einzelnen nach Echtheitserlebnissen, diese dann digital zu erfassen holt ihn aber im selben Moment wieder ein. Gleichzeitig fragte ich mich: Wäre der Genuss der Menschen nicht größer, wenn sie sich voll und ganz auf das Konzert einließen? Nervt es nicht, die Gäste in den jeweiligen Reihen dahinter, mich gleichzeitig in klein und groß sehen zu müssen? Sind wir heute etwa nicht gut genug, unsere Gäste ihre Handys vergessen zu lassen (eine Frage, die man sich eigentlich nur stellen sollte, wenn das Telefon vielmehr das Gesicht des Besitzers erleuchtet: „Bin auf Messer-Konzert, langweilig, aber der Bassist ist krass“)? Geschieht hinter mir ein Verbrechen, machen die Schlagzeuger gerade etwas Unanständiges? Alles Quatsch. Und vielleicht Zeit für eine abschließende These dieser kleinen Reflexion: Eine neue Technologie bedeutet eine Veränderung, da sie das Verhalten der Menschen beeinflusst, die sie benutzen. Diesen Wandel sollte man mit Geduld beobachten, bevor man ihn ablehnt. Wir sollten nur darauf achten, dass die Technologie nicht irgendwann uns benutzt. 

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