Handyverbot auf Konzerten: Realistisch? Wer aufs Handy verzichtet, hat deutlich mehr vom Erlebnis

Bild von Katja  Lucker
Kulturmanagerin, Musicboard Berlin GmbH

Expertise:

Katja Lucker begann ihre Karriere 1990 in Berlin als Schauspielerin, bevor sie sich erfolgreich als Kulturmanagerin selbständig machte. Zu ihrem Portfolio gehören u.a. das Kesselhaus in der Kulturbrauerei, der Karneval der Kulturen, sowie Arbeiten am Haus der Berliner Festspiele Im Januar 2013 wurde sie zur Musikbeauftragten des Landes Berlin ernannt und leitet seit dem die Musicboard Berlin GmbH. Seit 2015 ist das Musicboard zudem für die Organisation des Pop-Kultur Festivals verantwortlich, das 2016 zum zweiten Mal vom 31. August bis 02. September in Berlin Neukölln stattfindet.

Ein Handyverbot ist unsympathisch und nur schwer durchzusetzen, aber die Dauer-Filmerei auf Konzerten nervt schon. Brauchen wir Menschen wirklich die Bestätigung von anderen, dass das Erlebte gut war?

Ich halte das Smartphone für eine der großartigsten Erfindungen unserer Zeit. Aber Musik ist ja auch sehr großartig. Welche Haltung also soll man als musikliebender, moderner Mensch einnehmen, wenn es um den inflationären Einsatz von Handykameras auf Konzerten geht? Alicia Keys kommt mir in den Sinn, die vor wenigen Wochen in Berlin ihren Unmut über Mobiltelefone äußerte: Handys wurden kurzerhand vor ihrem Konzert am Eingang eingesammelt, in Tütchen aus Neopren eingepackt, sicher verwahrt bis zum Ende des Konzerts. Keine schlechte Idee bei einem exklusiven Geheimkonzert mit ein paar hundert Gästen! Dann stelle ich mir das bei 20.000 Rammstein-Fans in der Waldbühne vor, die also nicht nur Taschenkontrollen durchlaufen müssen, sondern auch noch 20.000-fach Handykondome über ihre Smartphones gezogen bekommen. Klingt nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, entstehen würden ein paar Jobs in der Musikindustrie, vermutlich nicht sonderlich attraktive. Aber eine Lösung ist das wohl nicht.

Die Konsumenten wollen, dass das smartphone immer mehr kann

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Aber hilft vielleicht die Technik weiter? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Apple wirklich wie angekündigt eine Funktion in die Smartphones einbaut, die ein Filmen verhindern könnte. Diese kleinen Biester in unseren Taschen sollen ganz im Gegenteil immer mehr können. Die Benutzung einzuschränken wäre sicherlich das letzte, worauf sich Konsumenten freuen würden.

Und damit sind wir schon mitten in der Widersprüchlichkeit der Thematik: Es gibt die Besucher, die für ihre teuer bezahlten Karten den vollen Konzertgenuss verlangen, die keine Lust darauf haben, dass ihnen ständig Bildschirme vor die Nase gehalten werden. Und dann haben wir die anderen, die sich nicht vorstellen können, teure Tickets für ein Konzert zu kaufen, dann aber nicht der Welt stolz zeigen dürfen, wo sie gerade sind. Mit den Musikern auf der Bühne ist es  ähnlich: Die, die ihre Karriere gerade starten, freuen sich über jedes Bild, über jedes Filmchen, das geteilt wird und die Popularität steigert. Später, wenn man dann bekannt ist (so wie Alicia Keys), wird der Wunsch nach Exklusivität groß. Aber da ist die Büchse der Pandora schon geöffnet.

Die Menschen brauchen Bestätigung, dass das Erlebte gut und angesagt war. 

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Oder ist sie das vielleicht gar nicht? Nehmen wir mal unsere Opernhäuser und die anderen Tempel der Hochkultur. Warum stellt sich eigentlich da nicht die Frage nach dem Umgang mit dem Handy? Weil Social Media und Smartphones nur für die Jugend wichtig sind, die zum Beispiel in der Philharmonie eher in der Minderheit ist? Philosophisch betrachtet könnte man annehmen, dass der Mensch im 21. Jahrhundert nicht mehr gerne kontemplativ ist, sich nicht gehen lassen kann ohne Bilder, Anerkennung durch „Likes“ braucht, seinem eigenen Urteil nicht vertraut. Anscheinend braucht er die Stimme vieler, die ihm bestätigen, dass das, was er gesehen hat, gut und angesagt war. Und die Betonung liegt auf war, denn im Jetzt konnte er das Gesehene und Gehörte ja nicht so ganz genießen, er war schließlich mit seinem Telefon beschäftigt!

Wie sich wohl die Fans von Alicia Keys gefühlt haben, frage ich mich. Waren sie sehr enttäuscht, weil sie auf einer Veranstaltung waren, die nach Maßstab des 21. Jahrhunderts („Pics or it didn’t happen!“) gar nicht stattgefunden hatte? Waren sie gelangweilt („Alles ist so grau, grau, grau“), weil sie ohne ihre Smartphones gar nichts mit sich anzufangen wussten? Oder euphorisiert, weil sie endlich einmal ein Konzert komplett genießen konnten („Party like it’s 1999“)? Ich schätze, sie haben das Erlebnis des Nichtfilmendürfens  danach auf den diversen Social Media Plattformen mitgeteilt, mit Selfie neben der Tüte, in die das Telefon eingesperrt war. Auch irgendwie kreativ.

Das digitale Zweitleben ist doch trostlos

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Ein bisschen beneide ich sie um ihre Erfahrung. Mir nämlich sind die Smartphoneschwenker auf Konzerten ziemlich lästig. Aber ich möchte ja auch nicht gerne mit einer Google-Brille auf der Nase lesen, um mir parallel noch weitere Informationen über den Autor oder die Autorin auf die Netzhaut kommen zu lassen. Wenn ich lese, möchte ich eigentlich nur dass die Worte eines Autoren ungefiltert zu mir dringen, um von meinem Hirn und seinen Synapsen in Bilder verwandelt zu werden, die dann im Ganzen eine tolle Story, einen aufregenden Roman ergeben. Musikkunst auf der Bühne soll für mich genauso ungefiltert ohne einen weiteren Minibildschirm in Ohren und Augen dringen dürfen, damit ich mir ein Bild in dem Moment machen kann, eben aus Musik und Performance.

Vertrauen Menschen nicht mehr darauf, einfach nur etwas anzuschauen, zuzuhören, sich in eine fremde Welt zu begeben? Als die überaus aufregende und verunsichernde Band Ho99o9 (gesprochen Horror) aus den USA bei unserem Festival Pop-Kultur letztes Jahr im Berghain auftrat, hat man Ohren und Augen kaum getraut! Was für Beats, was für obszöne Gesten und auf einmal hängt der Sänger oben vom Geländer! Das alles ergab solch ein schönes, berührendes stimmiges Gesamtbild. Darauf gilt es sich einzulassen, darin zu versinken, nachzudenken und zu empfinden – und ein Smartphone wird das niemals einfangen können. Mir persönlich gefällt dieses Zweitleben nicht,  wenn nur zählt, was dokumentiert, gefacebookt, gesnapshattet, geiinstagramt wurde. Irgendwie ist das doch trostlos!

Ein Verbot lässt sich nicht durchsetzen

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Aber klar ist wohl auch, dass sich ein generelles Verbot auf Festivals mit 100.000 Gästen und mehr nicht durchsetzen lässt. Diesen Aufwand würde sicher niemand betreiben wollen. Als freiheitsliebender Mensch wären mir solche Verbote auch nicht gerade sympathisch. Trotzdem: manchmal habe ich das große Bedürfnis, jemanden wie Glenn Gould Bach spielen zu sehen, ganz pur, leider lebt der Mann ja nicht mehr, und ich frage mich, wie er wohl reagiert hätte angesichts von tausenden Menschen, die ihn und sein Klavier abfilmen? Wahrscheinlich aber hätte er gar nichts gemerkt, war er doch mehr als versunken während seines Spiels. Ich persönlich empfehle an dieser Stelle, das Telefon einfach mal in der Tasche zu lassen und stattdessen den Liebsten oder die Liebste in den Arm zu nehmen, davon wissen am Ende des Abends dann immerhin schon zwei Menschen.

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