Braucht es ein Smartphone-Verbot bei Konzerten? Musiker sollten die ausgestreckten Smartphones begrüßen

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Dozent für Digital Business

Expertise:

Sven Ruoss ist Studienleiter CAS Social Media Management und Dozent für Digital Business an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich.

Ein Smartphone-Verbot bei Konzerten ist der verzweifelte Versuch ein bestehendes Geschäftsmodell zu retten. Dabei können Musiker nur von Live-Mitschnitten profitieren. 

«Schauen Sie dieses Konzert bitte nicht auf dem Bildschirm Ihres Smartphone.»  Immer mehr Künstler verbieten Mobiltelefone bei ihren Konzerten. Für ein radikales Smartphone-Verbot gibt es bereits eine Lösung: Yondr. Dabei handelt es sich um eine Smartphone-Hülle mit Schloss. Darin müssen die Smartphones bei der Eingangskontrolle verschwinden und bleiben so während des Konzertes unbenutzt. Wer trotzdem telefonieren möchte, muss das Schloss vom Sicherheitspersonal öffnen lassen und nach draußen gehen. Alicia Keys hat diese Erfindung bereits getestet. Andere Künstler wie Nena gehen einen gemäßigteren Weg und appellieren ans Publikum, das Smartphone in der Tasche oder Hose zu lassen und das Live-Erlebnis zu genießen.

Der Mensch hat ein Grundbedürfnis, vergängliche Momente festzuhalten 

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Doch weshalb reizt es uns, während eines Konzertes mit unserem Smartphone Bilder zu schießen oder Videosequenzen aufzunehmen? Der Mensch hat ein Grundbedürfnis, wichtige vergängliche Momente für die Ewigkeit festzuhalten. Das war früher so und ist nicht anders. Vor zehn Jahren auf Hochzeitsreise war man mit zwei 36-Bilder-Filmen ausgestattet. Jeder Schuss musste sitzen. Unserer Sammelwut waren Grenzen gesetzt. Die heutige Technologie grenzt uns nicht mehr ein. Mehr ist besser. Wir schießen etliche Bilder – verschwommen, gezoomt, verwackelt und solche mit einem Finger vor der Linse. Die Auswahl der Bilder geschieht später. Wenn überhaupt.

Das Smartphone ermöglicht eine bequeme Selbstdarstellung 

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Dank den heutigen Social-Media-Plattformen kann jeder der ganzen Welt bzw. seiner Community mit einem Klick mitteilen, dass er gerade am besten Konzert des Abends ist. Das Smartphone ermöglicht eine bequeme Selbstdarstellung. Jeder Augenblick wird mit der Aussenwelt geteilt. Die soziale Anerkennung kommt in Sekundenschnelle in Form von Likes, Emojis und dergleichen.

Diese gesellschaftliche Entwicklung mithilfe der neuen technologischen Möglichkeiten darf und soll kritisch hinterfragt werden. Vielleicht hätten wir viel mehr vom Konzerterlebnis, wenn wir statt zu filmen, tanzen und mitsingen würden. Der bewusste Verzicht auf digitale Geräte wie Smartphones hat bereits einen Namen: Digital Detox. Auch im deutschsprachigem Raum gibt es bereits Digital-Detox-Feriencamps. Zu jedem Trend entsteht ein Gegentrend.

Über Verbote ein bestehendes Geschäftsmodell zu bewahren ist keine Lösung.

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Bei den Künstlern scheint es, dass diese sich prioritär aus kommerzieller und nicht aus gesellschaftlicher Sicht für ein Smartphone-Verbot bei Konzerten einsetzen. Sie versuchen zu verhindern, dass Videomitschnitte ohne ihre Kontrolle auf den sozialen Kanälen verbreitet werden. Doch gerade die Musikindustrie sollte aus den vergangenen Jahren gelernt haben. Ihr Geschäftsmodell wurde komplett auf den Kopf gestellt. Früher wurde mit dem CD-Verkauf viel Umsatz erzielt. Durch die beiden Wellen der disruptiven Innovationen mit der Erfindung von iTunes und später mit Spotify musste sich die Musikindustrie neu erfinden und ein neues Ertragsmodell konzipieren. Und das ist ihr auch gelungen. Heute erzielen viele Künstler einen Großteil ihres Verdienstes über Konzerte. Mit Verboten ein bestehendes Geschäftsmodell zu bewahren bzw. zu schützen, kann keine nachhaltige Lösung sein. Über ein Verbot die Gesellschaft zu erziehen, ist ein schwieriges Unterfangen.

Live-Videos sind kostenlose und glaubwürdige Mund-zu-Mund Werbung für den Künstler

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Künstler müssen mit den neuen technologischen Möglichkeiten leben bzw. diese möglichst für ihre Zwecke einsetzen. Wenn tausende von Fans ihre positiven Live-Erlebnisse mit ihrem Netzwerk teilen, ist das kostenlose und sehr glaubwürdige Mund-zu-Mund-Werbung für den Künstler. Dieser Werbeeffekt über «earned media» ist teilweise sehr groß, so dass dadurch weitere Konzertsäle gefüllt werden. Denn eines ist klar: Das Streaming von ganzen Konzerten und die Fülle von Audio- und Videomitschnitten im Netz wird nie ein ebenbürtiger Ersatz für ein Live-Konzert vor Ort sein. Digital kann vieles, aber digital kann nicht analog sein. Und deshalb werden die Konzertsäle weiterhin voll mit Menschen – mit oder ohne Smartphone – sein. Die Gesellschaft muss sich selber erziehen - sofern sie das denn will.

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