Handyverbot auf Konzerten: Realistisch?  Die Sucht nach Bestätigung und Anerkennung

Bild von Ulrike Stöckle
Betriebswirtin und Journalistin, Digital Detox

Expertise:

Die Diplom-Betriebswirtschafterin Ulrike Stöckle gründete 2009 die Agentur für nachhaltige Kommunikation, die Unternehmens- und Strategieberatung für die Bereiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation, Social Media und Events anbietet. THE DIGITAL DETOX® ist ein Tochterunternehmen der Agentur für nachhaltige Kommunikation.

Die zahlreichen Handys bei Konzerten nerven! Die Menschen suchen jedoch nach Likes und Anerkennung in Sozialen Netzwerken, vielmehr als dass sie Mitschnitte als Erinnerung aufbewahren wollen. Trotzdem ist ein Verbot unrealistisch. 

Beruflich beschäftige ich mich schon lange mit den Themen Handykonsum, Internetsucht und digitale Entgiftung. Deshalb sehe ich dieses Phänomen bei Konzerten ohnehin mit anderen Augen. Zunächst ist da das persönliche Empfinden, denn ich bin regelrecht genervt von Konzertbesuchern, die mir ständig mit ihrem Smartphone vor der Nase herumfuchteln. Doch das ist wie gesagt eine persönliche Sache. Es gibt noch  mehr Aspekte, die bei dieser Debatte berücksichtigt werden müssen.

Respekt dem Künstler und den anderen Konzertbesuchern gegenüber.

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Da steht zum einen der Faktor Respekt. Ein Künstler steht auf der Bühne, ist seit Wochen unterwegs auf Tour, natürlich um Geld zu verdienen. Aber wir wollen mal den meisten unterstellen, dass sie es auch gerne tun, ihre Fans zu begeistern. Jetzt steht da dieser Künstler auf der Bühne und spielt etwa zwei Stunden. Sollten wir als Konzertbesucher ihm nicht auch den nötigen Respekt entgegenbringen, indem wir ihm zuhören und ihm unsere volle Aufmerksamkeit schenken? Klingt fair, oder? Wie fühlt sich ein Musiker, wenn er statt in die Gesichter begeisterter Menschen, nur auf die Rücken von Handys guckt? Wenn wir aber schon beim Respekt sind, muss ich mir auch überlegen, ob ich den anderen Konzertbesuchern diesen nicht auch entgegenbringen sollte. Schließlich hat jeder für die Karten unter Umständen viel Geld bezahlt und möchte das Konzert live sehen und nicht durch das Display meines Handys, das ich dauernd in die Luft halte. Der Besucher, der alles filmen möchte, fragt sich an der Stelle natürlich, warum man seinen Wunsch, das Erlebnis festzuhalten, nicht ebenfalls respektieren kann. Da treffen also viele Wünsche und Erwartungen aufeinander.

Eigentlich ist das Veröffentlichen von Mitschnitten verboten. 

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Doch die Debatte hat auch eine rechtliche Komponente. Es ist mir als Konzertbesucher eigentlich ohne Wenn und Aber verboten Mitschnitte anzufertigen, egal mit welchem Gerät. Bereits seit Jahren läuft im Kino vor dem Film der Hinweis, dass das Aufzeichnen des gezeigten Films strafbar ist. Warum gilt es also jetzt im Kino und nicht auf einem Konzert? Damit ließe sich diese Debatte eigentlich schnell und unkompliziert beenden, aber ganz so einfach ist es nun mal nicht. Manche Künstler finden es toll, wenn ihre Fans unbezahlt Werbung für sie machen und sich Konzertmitschnitte ganz ohne Aufwand von alleine im Netz verbreiten. In einem solchen Fall, gibt es ja eigentlich gar kein Problem.

Es stellt sich auch die Frage, was das Ganze eigentlich soll. Was hat man denn wirklich von einem solchen Mitschnitt? Sind wir doch mal ehrlich: Ja, die Bild- und Tonqualität der Smartphones ist mittlerweile wirklich gut geworden, aber dennoch besteht kein Vergleich zu einer Live-Darbietung. Außerdem sind die Bilder meistens ziemlich verwackelt, weil sich die anderen Besucher auch noch erdreisten zur Musik zu tanzen und mich dabei anzurempeln. Was habe ich also am Ende von dieser verwackelten Aufnahme, deren Ton kratzt und wo doch ständig die Köpfe anderer im Bild sind?                                                                        

Die Bestätigung in Sozialen Netzwerken gleicht einer Sucht und ist Grund für das Handy beim Konzert. 

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Für viele geht es in erster Linie gar nicht darum das Video als Erinnerung an das tolle Konzert zu bewahren. Es geht darum, der Welt zeigen zu können: „Schaut wo ich war! Ist das nicht cool?“. Es geht um Bestätigung und Anerkennung gerade in den Sozialen Netzwerken. Denn bei jedem Like und jedem positiven Kommentar auf meiner Facebook-Pinnwand werden Glückshormone freigesetzt. Das ähnelt dem Zustand eines Spielsüchtigen, denn es laufen die gleichen chemischen Vorgänge im Körper ab, wie bei einem Spieler, der zockt. Es handelt sich also um eine Form der Sucht. Sucht nach Likes, nach dem Zuspruch und der Bewunderung anderer, „virtueller“ Menschen im Netz. Für die meisten „Konzertfilmer“ geht es demnach nicht in erster Linie darum sich in zehn Jahren an das tolle Konzert der Stones zu erinnern, wenn man das Video anschaut. Das Video verschwindet ohnehin zusammen mit den tausenden anderer Videos und Fotos, die unser Handy aufnimmt, auf dem Rechner, einer Festplatte oder wird gelöscht, wenn der Speicher voll ist. Nein, es geht vorrangig darum zu zeigen, dass ich eine der wenigen Personen bin, die diese heiß begehrten Tickets bekommen hat, die schon nach wenigen Stunden ausverkauft waren. Sieht man das Problem von dieser Warte, hat es also nichts mit Erinnerung und kostenloser Werbung für den Künstler zu tun. Es geht um eine ganz menschliche Neigung.

Das sind natürlich alles Argumente, die jeder, der sich gegen ein Handyverbot auf Konzerten ausspricht, mit anderen Argumenten widerlegen kann. Welche jetzt die stärkeren sind, kann ich selbst nicht sagen.

Trotzdem ist ein Verbot aus organisatorischen Gründen unrealistisch. 

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Klar ist, dass ein Verbot von Handys gerade bei großen Konzerten oder Festivals organisatorisch kaum möglich ist, oder wenn doch, den Preis für Tickets eventuell erhöhen würde, weil zusätzliches Personal für die Abwicklung der Handyeinsammlung eingestellt werden müsste. Dennoch sollte man den Künstler und sein geistiges Eigentum, seine Musik, schützen. Seinetwegen bin ich ja schließlich hier. Daher sollte jeder Künstler für sich selbst entscheiden können, ob er möchte, dass sein Konzert von Hunderten oder Tausenden gefilmt und im Netz illegal verbreitet wird. Wer es für sich als Werbung und auch als Kompliment sieht, den sollte man dieser Möglichkeit auch nicht berauben. Wer aber möchte, dass sein Konzert ein handyfreier Raum bleibt, in dem Musik erlebt, gefühlt und genossen werden kann, ohne Ablenkung durch das Handy, dem sollte dieser Wunsch ebenfalls gestattet sein.

Der Künstler sollte selbst entscheiden, ob er die Handy-Präsenz auf seinem Konzert eindämmen möchte. 

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