Hassbotschaften: Wie repariert man die Debatte im Netz? Die Distanz im Netz kann ein Vorteil sein - wenn wir lernen, sie zu nutzen

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Redakteurin beim Netzwerk Plag

Expertise:

Elisabeth Dietz ist Redakteurin beim Netzwerk "Plag". Plag ist eine Plattform zur Verbreitung von Informationen. Anders als bei Facebook oder Twitter gibt es bei "Plag" aber keine Freunde oder Follower. Nachrichten werden an einen Kreis von Nutzern verteilt, die sich in geografischer Nähe des Autors befinden. Jeder Empfänger kann entscheiden, ob er die Nachricht weiter verbreitet oder stoppt.

Distanz und Schriftlichkeit in Internetdebatten werden gemeinhin als Nachteile gesehen - eigentlich sind sie Vorteile, sagt Elisabeth Dietz - wenn Nutzer, Medien und Plattformbetreiber lernen, damit sinnvoll umzugehen.

1. Warum eskaliert an manchen Orten im Netz die Debatte?

Die Debatte eskaliert, wenn der Plattformbetreiber und die Community destruktives Verhalten tolerieren oder fördern.

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Zu Konflikten kommt es, wenn User mit sehr unterschiedlichen Perspektiven oder Kommunikationsstilen aufeinander treffen. Und das ist gut. Konflikt ist nicht nur unterhaltsam, sondern führt im besten Fall dazu, dass Leute einander besser verstehen. Die Debatte eskaliert, wenn der Plattformbetreiber und die Community destruktives Verhalten tolerieren oder fördern.

2. Was kann man tun, um Debatten im Netz zu kultivieren?

Die Distanz im Netz ist ein Vorteil. Schriftliche Gedanken sind klarer, Alters- oder Genderbarrieren werden überwunden.

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Die Distanz, die das Medium Internet schafft, ist eigentlich ein großer Vorteil. In einer Online-Debatte kann man zeitverzögert reagieren, ohne das Gesicht zu verlieren. Die eigenen Gedanken werden oft klarer, wenn man sie aufschreibt, schriftlich dargelegte Argumente anderer lassen sich bequem systematisch auseinander nehmen. Der relativ anonyme User kann frei sprechen und Barrieren, die seine Identität setzt (Alter, Aussehen, Gender), überwinden.

Der Einzelne ist in der Verantwortung, nicht dem ersten Impuls nachzugeben.

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Der Einzelne ist in der Verantwortung, nicht seinem ersten Impuls nachzugeben, der eigenen Langeweile konstruktiv zu begegnen, eigene Schlussfolgerungen von den Aussagen anderer zu unterscheiden, eine Zigarette zu rauchen, statt auszurasten,  Provokationen mit Sachlichkeit zu beantworten. (Leise Ironie kann auch sehr befriedigend sein und Humor deeskaliert.) Schließlich: seinen Kommentar noch einmal durchzulesen, bevor er auf “Senden” klickt. 

Die Community trägt die Verantwortung, angegriffene Nutzer nicht allein zu lassen.

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Die Community ist in der Verantwortung, jemanden, der zu Unrecht oder mit übertriebener Schärfe angegriffen wird, nicht allein zu lassen. Neue User freundlich aufzunehmen. Und den Plattformbetreiber auf Gefahren (Doxxing, Mobbing) aufmerksam zu machen.

Der Plattformen sollten präsent sein und Instrumente zur Verfügung stellen, damit die Community sich selbst moderiert.

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Der Plattformbetreiber ist in der Verantwortung, brauchbare Regeln aufzustellen und durchzusetzen. Den Usern Instrumente zur Verfügung zu stellen, mit denen sie selbst moderieren können. Und präsent zu sein, Beschwerden anzuhören und zuzulassen, dass die User die Plattform mit gestalten.

Die Medienverantwortlichen sind in der Verantwortung, “Online” ernst zu nehmen.

 

3. Welche Art der Moderation trägt zur gepflegten Debatte bei (vorher, nachher)?

Was gut funktioniert: Sorgfältig sprechen. Mehr Fragen stellen als Statements abgeben. Gemeinsamkeiten finden und sichtbar machen. Allen Usern (auch denen, die sich jetzt gerade daneben benehmen) das Gefühl geben, dass sie gut aufgehoben sind, gehört und fair behandelt werden. Klar Position beziehen. Äußerungen, die die Regeln verletzen (hate speech, Aufforderungen zu Mord und Selbstmord) schnell löschen, damit nicht der Eindruck entsteht, dergleichen sei auf dieser Plattform akzeptiert. User, die immer wieder die Regeln verletzen, konsequent ausschließen.

4. Würde eine Klarnamenpflicht helfen?

Eine Klarnamenpflicht würde nicht helfen, das zeigt etwa Facebook, hätte aber viele Nachteile.

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Facebook zeigt, dass viele Menschen keinerlei Scheu davor haben, menschenverachtende Aussagen unter ihrem eigenen Namen direkt neben ihren Urlaubsfotos zu veröffentlichen. Für politische Aktivisten, Whistleblower und Menschen, die von Erfahrungen berichten, die sie angreifbar machen, bedeutet Pseudonymität Sicherheit. Menschen, denen man sonst aufgrund ihres Alters, ihrer sozialen Klasse, ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts keine Stimme zugestehen würde, können diese Barriere unter einem Pseudonym überwinden.

 

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Hass im Netz: Wie sich die Debattenkultur verbessern lässt.

Dieser Text ist Teil der Dokumentation eines Redaktionsworkshops, zu dem Tagesspiegel Causa, das Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels, im Mai 2015 eingeladen hat. Alle Beiträge unter anderem von Ingrid Brodnig (Autorin von "Hass im Netz"), Gerd Billen (Bundesjustizministerium) und Winfried Wenzel (Polizei Berlin) sowie eine grafische Übersicht über die wichtigsten Argumente finden Sie hier.

Außerdem aktuell debattiert auf Tagesspiegel Causa: Referenden in der EU: Machen die Bürger Europa kaputt?

 

 

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