Wie wird das Berliner Kulturforum zu Forum? Wenn man schon stört, dann richtig. Warum das Kulturforum einen mutigen Museumsbau braucht

Bild von Rüdiger Kruse
Bundestagsabgeordneter CDU

Expertise:

Rüdiger Kruse ist Abgeordneter des Deutschen Bundestages (CDU). Gemeinsam mit Johannes Kahrs (SPD) setzte er sich 2014 im Haushaltsausschuss des Bundestages maßgeblich dafür ein, dass der Bund 200 Milliionen Euro für ein Museum der Moderne auf dem Kulturforum bereitstellt. Das Geld wurde bewilligt.

Die beste Lösung wäre es, die Potsdamer Straße unter die Erde zu bringen, sagt der Rüdger Kruse. Doch es gibt auch viel, was sich jetzt sofort oder in naher Zukunft tun ließe, um den Ort zu beleben. Hier erklärt Kruse, was das ist - und warum Kamele nicht für das Kulturforum geeignet sind.

Das Kulturforum, ist das nicht der Ort, der einen sofort an die Geisterstädte im Wilden Westen erinnert, auch wenn die vom Wind durch die Straßen gewehten vertrockneten Büsche fehlen? Das Gegenteil eines Sehnsuchtsortes, ein Platz, an dem man fürchtet, sich bestenfalls zu erkälten oder aber eine gepflegte Depression zu entwickeln. Eine ideale Außenstelle für Babelsberg zur Produktion dystopischer Filme. Nun, Filmkulisse ist wohl nicht die Zukunft des Kulturforums.

Die stadtentwicklungspolitische Haltung des Berliner Senats ist mit Blick auf das Kulturforum zu zurückhalten.

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Wo heute das Kulturform ist, wollten Hitler und sein Architekt Speer die Hauptstadt Germania entstehen lassen. Sie zerstörten Stadtsubstanz und griffen so den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges vor. Nach dem Krieg wurde mit dem Mies van der Rohe-Bau der Neuen Nationalgalerie als Ort für die von den Nazis verfemte Moderne ein sehr kluges Gegensymbol auf eben diese Fläche gesetzt. 1963-1964 entwarf Hans Scharoun seine Stadtlandschaft  für das Kulturforum, die nie vollendet wurde. Nach seinem Tod wurde  die Potsdamer Straße ausgebaut, ein einschneidender Fehler. Völlig unverständlich ist die schon nicht mehr als zurückhaltend zu charakterisierende stadtentwicklungspolitische Haltung des Berliner Senats (hier geht es zum Debattenbeitrag von Stadtbaudirektorin Regula Lüscher: Warum ein Masterplan nicht helfen würde). Ist es der Stadt egal, hat der Senat keinen Plan, äußert man sich nicht, weil der Bauherr der Bund ist? Wenn letzteres der Fall ist, kann Bürgermeister Müller ja gleich Berlin als Hauptstadt abgeben, analog zu Washington D.C., also Triple B, Berlin, Bezirk von Brandenburg.

Der große Wurf wäre es, die Potsdamer Straße unter die Erde zu verlegen.

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Der große Wurf wäre immer noch, die Potsdamer Straße in die Erde zu verlegen. Dann könnten räumliche Bezüge zum Potsdamer Platz und zur Bibliothek geschaffen werden. Die, durch die vergangene Vision der autogerechten Stadt verursachten schweren Misshandlungen an dieser Stelle, wären geheilt, urbaner Raum zurück gewonnen. Hier treffen wir doch auf ein deutsches Problem: überall wird in den Städten gebaut, aber nur wenig gestaltet. Gebäude sind nicht für sich allein, mit Straßen und Plätzen ergeben sie ein Ganzes. Ist das nicht wohl durchdacht und geplant, wachsen die Städte natürlich auch, aber eben so wie Krebs wächst. Hier ein Gebäude, da noch drei, ein freier Platz weniger, und unwirtliche Straßen als logistische Notwendigkeit und nicht als verbindendes Element. Und als Camouflage der Visionslosigkeit gibt es eine nette Rekonstruktion von Fassaden.

Das Kulturforum hat noch nie richtig gelebt. 

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Die erste Gelegenheit das Kulturforum zu beleben, wird die Ausstellung aus der Sammlung des Schahs in der Gemäldegalerie bieten. Es ist Professor Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gelungen, den Iran zu überzeugen, Bilder aus der größten Sammlung moderner Kunst außerhalb von Europa und den USA, nach Berlin zu geben (hier geht es zum Debattenbeitrag zum Kulturforum von Hermann Parzinger). Zusammengetragen wurden diese Kunstwerke von der Ehefrau des Schahs von Persien, Farah Diba-Pahlavi. Über Jahrzehnte waren diese Meisterwerke nirgends zu sehen. Nun werden sie in der Gemäldegalerie ab Dezember zum ersten Mal in Deutschland gezeigt, bevor sie dann in andere Länder reisen. Den deutsch-iranischen Beziehungen wird diese Ausstellung gut tun. Dreißig ausgesuchte Werke aus der Sammlung und dazu dreißig zeitgenössische Werke iranischer Künstler werden in der Ausstellung zu sehen sein. Ein umfangreiches Begleitprogramm soll den passenden Rahmen geben. Die Bilder werden in der Gemäldegalerie ausgestellt. Aber was passiert mit dem Platz davor? Einfach nur eine zu überwindende Distanz? Ein unwirtliches Übel?

Natürlich könnte man mit den Klischees spielen und Wüstensand auf den Platz kippen und Kamele an Palmen binden. Da aber die Ausstellung im Winter stattfindet, mache ich mir schon Sorgen um die Kamele. Der Iran ist auch mehr als eine Wüste mit Kamelen. Deshalb wünsche ich mir, dass wir die Lebendigkeit der iranischen Kultur auf das Kulturforum transportieren. Der Iran ist eine große Kulturnation mit einem faszinierenden Fundus an alter und neuer Kunst. Nicht zuletzt ist der Iran ein Land des zeitgenössischen Films. Aufführungen von iranischen Filmen, Erstellung eines persischen Kaffeehauses, das wären Beispiele für einen passenden Rahmen für diese außergewöhnliche Ausstellung. Es braucht dazu nur eine Vision für Neues.

Wenn man schon stört, dann richtig: Zwischen Nationalgalerie und Philharmonie muss ein mutiger Neubau gesetzt werden.

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Der Neubau ist noch nicht entschieden. Zum Glück muss es nicht einer der ausgewählten Entwürfe aus dem ersten Wettbewerb sein. Wenn man zwischen neuer Nationalgalerie und Philharmonie bauen will, dann muss man auch den Mut dazu haben. Alle mutigen Entwürfe auszusortieren und sich dann am liebsten vor Ehrfurcht vor den großen Ikonen in der Nachbarschaft im Erdboden zu versenken, wäre peinlich, ist aber leider nicht unwahrscheinlich. Natürlich "stört" ein Neubau an dieser Stelle die prominente Nachbarschaft. Wenn man schon stört, dann richtig. Dann muss zwischen zwei exzeptionelle Bauten ein dritter gesetzt werden, der sich selbstbewusst behauptet.

Klug gestaltete Plätze haben eine so immense Kraft. Von ihnen leben die Städte, die wir als schön empfinden. Der Platz zwischen den Kulturmonolithen muss anziehend sein. Aufenthaltsqualität. Öffentlicher Erlebnisraum. Wo Freizeit nichts kostet. Wo ich in einem Cafe’ oder Restaurant etwas essen und trinken kann, aber auch ohne das eine schöne Zeit habe. Ich kann ins Museum gehen, ich kann aber auch draußen eine attraktive Umsonstkultur erleben. Oder ich sitze einfach nur in der Sonne und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Urbane Lebensqualität eben.

Kultur wird heutzutage mehr und mehr als Instrument der Stadtentwicklung benutzt. Das Guggenheim in Bilbao, der Louvre in Lens zielen darauf, benachteiligte Regionen wiederzubeleben. Bei uns ist es umgekehrt. 

Vielleicht brauchen wir die Probleme der benachteiligten Peripherien, um ein kulturelles Zentrum dynamischer zu machen?

Sozialwohnung auf das Kulturforum? Nein.

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Das, was ich möchte, ist, dass die künstlerischen Formen, die sich in der Peripherie entwickeln und nicht über die Anerkennung der Hochkultur verfügen, auf dem Kulturforum einen neuen Ort finden.

Was in den Gebäuden am Kulturforum stattfindet, muss nach draußen getragen werden.

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Das Vakuum, das diese Gestaltungsverweigerung erzeugt, muss gefüllt werden. Das Kulturforum muss intensivst bespielt werden. So ließe sich, wenn kein Verantwortlicher den Platz gestalten will, das Kulturforum aus sich heraus entwickeln. Alle müssen alles ausprobieren. Was immer in den Gebäuden stattfindet, muss nach draußen getragen werden. Und darüber hinaus müssen ganz viele neue Projekte her, um die Möglichkeiten zu testen. Das könnte klappen, da Kultur in Deutschland und auch in der Hauptstadt nicht das Problem hat, schon zu viele Mittel und zu viel Raum zu haben, als dass man hier keine Akteure finden könnte. Da der Etat für den Neubau des Museums der Moderne vom Parlament großzügig bemessen wurde, kann mit einer erweiterten Voreröffnung begonnen werden.

Fordern wir die Kreativen auf, das Kulturforum endlich zu verwirklichen. Wer nicht den Willen hat, selbst zu planen, sollte den Mut haben, anderen diese Chance zu geben. Am Ende steht er dann gar als wirklich großer Stadtplaner da, der die Weitsicht hatte, auf zukunftsfähige Beteiligungsformen zu setzen.

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Wie wird das Berliner Kulturforum zum Forum?

Darüber diskutieren auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels unter anderem Wilfried Wang (Architekt), Regula Lüscher (Senatsbaudirektorin) und Friedemann Kunst (Städtebau- und Verkehrsexperte). Angestoßen hat der Tagesspiegel die Debatte gemeinsam mit der Stiftung Zukunft Berlin. Andreas Richter moderiert die Debatte für die Stiftung. Alle Beiträge hier.

Außerdem aktuell diskutiert auf Tagesspiegel Causa:

Wer hat Vorfahrt in Berlin - Radfahrer oder Autofahrer? Politiker und Verkehrsexperten debattieren.

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