Wie wird das Kulturforum zu einem Forum? Nutzen wir die Baustelle!

Bild von Bernhard Schneider
Architekt, Stiftung Zukunft Berlin

Expertise:

Bernhard Schneider ist Architekt. In der Stiftung Zukunft Berlin verantwortet er die Initiative Kulturforum.

Die Baustellenphase des Kulturforums sollte kreativ genutzt werden, um für den neuen Umgang mit diesem öffentlichen Raum zu proben, sagt der Architekt Bernhard Schneider.

Auf einem  Forum, das diesen Namen verdient, tritt als oberste kulturelle Errungenschaft der öffentliche Raum selbst in Aktion, die ursprünglichste und dauerhafteste  Kultureinrichtung, die europäische Städte entwickelt haben – lange, bevor sie Museen, Konzertsäle und Bibliotheken bauten. Doch der öffentliche Raum des Kulturforums in seiner gegenwärtigen Form  hält seine noblen Anlieger, darunter zwei Leitbauten der Moderne, Scharouns Philharmonie und Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie, auf Distanz, anstatt sie zu versammeln und miteinander zu verbinden, wie es sich für ein Forum gehörte. Mit Kultur bekommen es Besucher erst zu tun, wenn sie den als Brache verschrienen und entsprechend lange vernachlässigten leeren Raum überwunden und eine der Kultureinrichtungen betreten haben.

Wie es auch anders geht, hat die Nationalgalerie mit einigen zündenden Projekten vorgeführt. Auch das von der Philharmonie initiierte Open-Air-Fest an einem Sommerwochenende 2014 hat versucht, eine Art Forumssituation zu schaffen. Aber warum die Anlieger? Die Stadt und ihre Bürger brauchen dieses Forum so dringend, wie die um ein weiteres großes Museum vermehrten Anliegerinstitutionen und ihre Besucher es künftig brauchen werden.

Das Dilemma des neuen Museums: Es muss Mies und Scharoun respektieren, aber größer sein als der Gropius-Bau.

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Normalerweise war in Europa der öffentliche Raum viel mehr als der Rest zwischen Gebäuden. Das Layout und das Konzept des öffentlichen Raums wiesen den Gebäuden ihre Standorte und nicht selten ihre Gestalt zu. Für das neue Museum dagegen wurde vorab ein Standort festgelegt, und erst nach dem Bau steht der öffentliche Raum auf der Agenda. Wird das Museum einem Forum des 21. Jahrhunderts den Boden bereiten helfen, oder wird es nur das Dilemma dokumentieren, einerseits Mies und Scharoun respektieren zu wollen, aber andererseits eine Baumasse unterbringen zu müssen, die die des Martin-Gropius-Baus übertrifft?

Die gemeinsame Initiative Kulturforum der Stiftung Zukunft Berlin und der Sektion Baukunst der Akademie der Künste setzt sich jedoch dafür ein, dass es mit dem Kulturforum nicht erst besser werden soll, wenn das neue Museum in Betrieb geht, die Nationalgalerie sich wieder regen kann oder die Staatsbibliothek saniert sein wird. Gerade das Handicap der Baustellenzeit soll für den Aufbruch zu neuen Ufern genutzt werden mit einer Kulturbaustelle, die neue Umgangsformen mit dem Kulturforum entwickeln und einüben hilft, solange die Anrainer und ihr Publikum es schwer haben. Alle Anrainer und auch die Senatsverwaltung finden diese Idee gut und begrüßen die Initiative aus der Zivilgesellschaft.

Für die Baustellenzeit sollte ein mit professionellen Kuratoren besetztes Forums-Management eingerichtet werden.

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Als Motor für die Kulturbaustelle schlägt die Initiative vor, was schon Bestandteil der Planung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist, nämlich ein mit professionellen Kuratoren besetztes Forums-Management  einzurichten. Diese Einrichtung soll mit einer zentralen Besucherinformation verbunden sein, die dem Publikum alles erschließt, was es über die Angebote, die Vergangenheit und die Zukunft des Kulturforums mitzuteilen gibt. Bisher muss man sich das von Einrichtung zu Einrichtung und über das Internet zusammensuchen, und vor Ort ist dazu außerhalb der Öffnungszeiten nichts zu erfahren.

Nicht nur die Anliegerinstitutionen, auch andere profilierte Kulturakteure Berlins sollten die Baustelle bespielen.

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Die Akteure, die zur Aktivierung  des Kulturforums beitragen sollen, müssen nicht an erster Stelle Anliegerinstitutionen sein. Viele der zahllosen profilierten Kulturakteure Berlins und darüber hinaus kommen für Auftritte in Betracht, die entsprechend dem Fortschritt der Baustellen sich auch wechselnde Standorte suchen können. Dazu gehören auch Kulturinstitute benachbarter Botschaften, Vertretungen der Bundesländer, das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung und die historischen Gedenkstätten im näheren Umfeld, die Filmstandorte am Potsdamer Platz, die überregional vernetzte Freie Szene Berlins und andere. Das Spektrum der zu beteiligenden Kultursparten soll nicht das der vorhandenen Institutionen verdoppeln, sondern es kontrastierend ergänzen, vom Tanz über Film und Theater bis Design und Architektur. Dafür braucht es auf Dauer eine leistungsfähige Infrastruktur, von Veranstaltungstechnik über sanitäre Anlagen bis zu vielfältiger Gastronomie für jeden Geschmack und jede Tageszeit. 

Von der Gründung an war Berlin eine west-östliche Doppelstadt. In seinen Anfängen wurde auch das damals West-Berliner Kulturforum „den Mitbürgern im anderen Teil entgegengebaut“ (Willy Brandt zur Eröffnung der Philharmonie 1963). Diese Manifestation politischen Selbstbehauptungswillens mit Mitteln der Kultur und der Idee eines ungeteilten Berlin ist auch jenseits des Kalten Krieges ein bleibendes Gegenstück zum Gründungsmythos der Museumsinsel des 19. Jahrhunderts als einer „Freistatt der Künste und Wissenschaften“. 

Die Initiative Kulturforum der Stiftung Zukunft Berlin und der Akademie der Künste ist davon überzeugt, die Stadtraumkonzepte, die die Architekturen von Hans Scharoun und Ludwig Mies verkörpern, sollten als großes, uneingelöstes Versprechen an die Stadt verstanden werden. Das Forum kann in seinen Aktivitäten dieses Versprechen einlösen helfen, indem es die immanenten  Raumkonzepte der beiden noblen Architekturen mit Leben erfüllt. Angesichts ihrer äußerlichen Unterschiedlichkeit sind sie einander scheinbar ganz fremd. Unterschwellig teilen sie jedoch grundlegende Raum- und Stadtideen der Moderne.

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