Wie wird das Kulturforum zum Forum? Das neue Museum muss ein Magnet werden

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Senatsbaudirektorin

Expertise:

Regula Lüscher, 54, ist Architektin und Stadtplanerin. Seit 2007 ist sie Senatsbaudirektorin von Berlin.

Ziel jeder Weiterentwicklung des Kulturforums ist es, die öffentlichen Räume nicht als Anhängsel, sondern als Anziehungspunkt zu begreifen. Das muss der Museumsneubau an dieser schwierigen, verkehrsumtosten Adresse leisten. Darum geht es in erster Linie. Nicht um Cafés.

Wir tun uns noch immer schwer mit der Nachkriegsmoderne. Mit ihrem kompromisslosen Hang, geschichtliche Brücken abzubrechen und das "jetzt" als einzigen Maßstab durchzusetzen.

Dieses ist ein Plädoyer dafür, nicht mehr den Versuch zu machen, die Widersprüchlichkeit und die historischen Festlegungen, die das Kulturforum prägen, zu negieren, sondern in einem Prozess die Qualität der öffentlichen Räume und der Beziehungen zwischen den einzelnen Gebäuden des Kulturforums zu qualifizieren. Langweilig? Langweilig! Aber am Ende: lohnend.

Warum hilft dem Kulturforum kein Masterplan?

Erstens: Der Anspruch die Gesamtkonzeption zu vollenden, die - auf welche Weise auch immer - erreicht werden soll, wird durch die heterogene Architektur von teilweise hoher Qualität mit ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen konterkariert. Einer solchen Heterogenität ex post eine ganzheitliche Struktur überzustülpen, ist ein Widerspruch in sich.

Zweitens: Die jüngeren Entwicklungen haben das Problem dieses Ortes eher verschärft als gemildert: Die Neubauten am Potsdamer Platz, die dem Kulturforum großzügig ihren Rücken zukehren, der Bau des Tiergartentunnels, dessen Mündung eine weitere Straßenbarriere darstellt und nicht zuletzt die Verriegelung im Bereich der Staatsbibliothek - sie haben alle dazu beigetragen, dass es keine einfache Lösung gibt, die Abschottung und Insellage des Kulturforums zu durchbrechen.

Urbanität heißt offenbar, dass es Cafés gibt und "etwas los ist". Eine seltsame Definition!

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Urbanität scheint nur dann zu entstehen - folgt man der langjährigen Debatte - wenn es Geschäfte, Restaurants und Cafés gibt, kurz, wenn dort etwas "los ist". In Museen, Bibliotheken, Ausstellungshallen und Konzertsälen scheint "nichts los" zu sein. Sie werden als steril, als antiurbanes Stadtmobiliar betrachtet. Das verblüfft dann doch. Ist Urbanität immer nur als Event- Shopping- und Genussorganisation zu begreifen? Wohl kaum.

Es hat sich gelohnt, auf die Museumserweiterung zu warten.

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Das Museum des 20. Jahrhunderts und die Vision der Museumsleitung für dieses neue Haus ist sehr wohl geeignet, diesem Ort noch mehr Öffentlichkeit zu verleihen. In diesem Sinn hat es sich aus meiner Sicht gelohnt, geduldig zu sein, eine vorübergehende Aufwertung mit einer Grünplanung vorwärts zu bringen und auf die richtige Nutzung zu warten. Es hat sich ausgezahlt auf die Museumserweiterung zu warten, indem eine zeitgenössischen Auffassung von einem Museumsbau dort formuliert werden kann. Ein Museumsbau als Ort der Begegnung, als Ort der Performance, als Ort des Lernens, als Ort der Interaktion zwischen den verschiedensten Kunst- und Kulturformen. Wenn das Museum genau dies wird, wird es ein offenes Haus sein, ein einladendes Haus und ein Haus, das ganz stark in den öffentlichen Raum strahlt.

Es wird nicht schaden, wenn das Kulturforum gastronomische Angebote erhält.

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Die Urbanität gerade zentraler städtischer Räume entscheidet sich zuerst an ihrer Aufenthaltsqualität. Vor allem geht es um die Begegnung, den Ort in der Stadt, wo man sich trifft. Ist dies gegeben, muss man sich um die Benutzung und Bespielung nicht wirklich Sorgen machen. Daher gilt eine der Hauptfragen zukünftiger Entwicklung des Kulturforums dem öffentlichen Raum.

In diesem Sinne kann der Bau eines Gebäudes - d. h. des Museums der Moderne - entscheidend dazu beitragen, den öffentlichen Raum im Sinne des Ortes zu qualifizieren. Es ist ja gerade ein Mangel, dass trotz des unglaublichen kulturellen Angebotes das Kulturforum nicht als "Treffpunkt" der Kultur angenommen wird. Dazu muss es aber kommen und natürlich kann es nicht schaden, wenn es hier auch gastronomische Angebote geben wird.

Der Ideenwettbewerb hat Ansätze gezeigt, den Ort als öffentlichen Raum zu stärken.

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In der Runde des Ideenwettbewerbes haben wir schon einige Ansätze gesehen, den Ort auch gerade in seinem öffentlichen Raum zu stärken. Die Vorschläge reichen von einem gefassten „Hortus conclusus“ über die Stärkung der Achse zwischen Piazetta und Staatsbibliothek bis hin zu einer künstlichen kleinteiligen Topographie und Dachlandschaft, welche Aufenthalts- und Begegnungsorte schafft zum Verweilen, und sich treffen. Ähnliche Ansätze, die das Zusammenspiel von innen und außen stärken sind gefragt.

Schwieriger ist der Umgang mit der Verkehrssituation. War es geradezu eine Grundidee der 1960er Jahre, Kultur und den "modernen" Verkehr in einer "Parklandschaft" zu einer städtischen Ikone zu verbinden, so sind wir heute verpflichtet, die Organisation des Verkehrs zugunsten von Fußgängern, Radfahrenden  und Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs neu zu regeln.

Der Verkehr muss neu organisiert werden - eine Mammutaufgabe.

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Daher geht hier der Anspruch weit über das Handeln an Ort und Stelle hinaus. Nördlich und südlich des Kulturforums wie auch mittendurch wird in erheblichem Maß innerstädtischer Durchgangsverkehr abgewickelt. Hier geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Neuorganisation des innerstädtischen Verkehrs bei einem Verkehrsaufkommen von 100 000 Fahrzeugen täglich. Daher müssen wir über Maßnahmen nachdenken, die eine bessere "Überwindung" der Potsdamer Straße möglich machen.

Das neue Museum muss ein Magnet werden, der alle Kulturforumsgebäude zusammenhält.

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Ziel jeder Weiterentwicklung des Kulturforums ist es, die öffentlichen Räume nicht als Anhängsel, sondern als Anziehungspunkt zu begreifen und die Nachbarschaft zum Potsdamer Platz zu gestalten. Das ist Ausgangspunkt und Anspruch an alle Entwürfe für das Museum des 20. Jahrhunderts: Die herausragenden Gebäude von der Neuen Nationalgalerie über Gemäldegalerie, Staatsbibliothek, Philharmonie und Kammermusiksaal, Kunstbibliothek und Kupferstichkabinett, Kunstgewerbemuseum und Musikinstrumentenmuseum bis zur St. Matthäus-Kirche durch einen Bau zu ergänzen, der wie ein Magnet alles zusammenhält und das Kulturforum zu einem im besten Sinne öffentlichen Ort macht.

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Wie wird das Berliner Kulturforum zum Forum?

Darüber diskutieren auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels unter anderem Wilfried Wang (Architekt), Regula Lüscher (Senatsbaudirektorin) und Friedemann Kunst (Städtebau- und Verkehrsexperte). Angestoßen hat der Tagesspiegel die Debatte gemeinsam mit der Stiftung Zukunft Berlin. Andreas Richter moderiert die Debatte für die Stiftung. Alle Beiträge hier.

Außerdem aktuell diskutiert auf Tagesspiegel Causa:

Wer hat Vorfahrt in Berlin - Radfahrer oder Autofahrer? Politiker und Verkehrsexperten debattieren.

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