Die Ignoranz des Senats ist kaum zu überbieten Das Kulturforum ist ein Jahrhundertprojekt - so sollte es auch behandelt werden

Bild von Hans Stimmann
ehemals Senatsbaudirektor von Berlin

Expertise:

Hans Stimmann ist Architekt und Stadtplaner. Zwischen 1996 und 1999 war er Staatssekretär für Planung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und zwischen 1999 und 2006 Senatsbaudirektor in Berlin.

Die Entscheidung, am Kulturforum ein "Museum des 20. Jahrhunderts" zu bauen, steht im Widerspruch zur letzten Planung des Berliner Senats von 2011 und beinhaltet zudem den endgültigen Abschied von der Idee Scharouns, der am Forum mit dem Senatsgästehaus ausdrücklich keine museale Nutzung vorsah. Das jetzt ausgewählte Grundstück ist aber keine ordinäre Baulücke im Scharoun-Plan, in die man nach Paragraph 34 ein weiteres Museum einfügen kann. Was die Politik sich für das Leben in den öffentlichen Räumen des Kulturforums vorstellt, ist weiterhin völlig offen.

Der Ideenwettbewerb für das “Museum des 20. Jahrhunderts“ am Standort zwischen Potsdamer Straße und Matthäikirchplatz habe, wie der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz feststellte, gezeigt, dass das „Grundstück für das neue Museum geeignet (ist), weil das neue Gebäude dort auch zu einem entscheidenden architektonischen Bindeglied werden kann um das Zusammenspiel von Mies, Scharoun, Stülers St. Matthäus-Kirche (...) aufeinander zu beziehen“. Diese Einschätzung ist nicht neu und war u. a. schon im Mai 2013 in der Standortvariantenuntersuchung des BBR nachzulesen. Die Untersuchung kam aber auch zu dem Ergebnis, dass für diesen Standort eine völlige Neukonzeption für das gesamte Kulturforum notwendig sei. Diese Einschätzung teilte u. a. auch der Generaldirektor der Staatlichen Museen Michael Eissenhauer, der darauf verwies, dass ein einzelner Museumsbau  das Problem des Kulturforums nicht lösen könne sondern nur eine umfassende Stadtplanung.

Noch ein Museum bauen, löst das Problem des Kulturforums nicht.

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Der Wettbewerb hat trotz der architektonischen Vielfalt diese Position bestätigt. An diesem Standort beseitigt ein weiteres Museum nicht die Abwesenheit öffentlicher Räume, die etwas von der Idee eines Forums  der freien Kultur erlebbar machen. Das Kulturforum war die Reaktion des Senats auf die politische Gängelung der Kultur in der DDR. Hier sollte rund um die St. Matthäus-Kirche mit der Philharmonie, mit dem Kammermusiksaal, mit der Neuen Nationalgalerie, der Staatsbibliothek und weiteren Museen die Konzentration der vorhandenen Kultureinrichtungen in der Stadtmitte übertroffen werden. Dazu passte der avantgardistische Anspruch, dieses Zentrum als offene autogerechte Stadtlandschaft zu inszenieren.

Zu dem 1964 von Scharoun entworfenen Konzept gehörten nicht nur die Stadtautobahn Westtangente und die Neue Potsdamer Straße als ihr Zubringer sondern auch ein riesiger Parkplatz hinter der Philharmonie und die verlängerte ebenfalls vierspurige Sigismundstraße. In dieser Form trennte sie die Neue Nationalgalerie vom umgestalteten St. Matthäikirchplatz als Forum mit dem Gästehaus (eine Art Hotel) des Senats als östliche Begrenzung. Die Potsdamer Straße war nicht etwa als Kulturboulevard sondern als sechsspurige Autostraße geplant, auf der die Autofahrer die Kulturbauten wie durch ein Tal fahrend erleben sollten. Die Fußgänger sollten die Straße an zwei Stellen unterqueren. Dieses Konzept einer heiteren Stadtlandschaft blieb eine Utopie. Gebaut wurde statt dessen ein viel zu großer Kammermusiksaal, das wuchtige Kunstgewerbemuseum und ein durch eine Eingangsverhinderungsrampe verdecktes Parkhaus nach einem unvollendet gebliebenen Entwurf des Architekten Gutbrod.

Der Mauerfall veränderte alles - nur die Pläne fürs Kulturforum nicht.

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Erst kurz vor der Wende erfolgte der Verzicht auf die Stadtautobahn und noch 1987 begann der Bau der Gemäldegalerie. Der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung der Museen und die Bauten am Potsdamer Platz haben die Situation des Kulturforums  grundsätzlich verändert. Das aus dem Konflikt mit der DDR geborene Konzept blieb davon jedoch bis heute inhaltlich und städtebaulich unberührt. Ein im April 2005 vom Senat beschlossener Plan zur Weiterentwicklung des Kulturforums, der u. a. den Abriss der Rampe für einen Museumsplatz und den Rückbau der Sigismundstraße und eine Wiederherstellung  des Matthäikirchplatzes vorsah, wurde vom Senat nach sechsjähriger Untätigkeit im März 2011 aufgehoben.

Ein Imbiss ist bis heute im ganzen Areal das gastronomische Highlight!

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Die Ruinen einer Utopie wurden zum Plan: Die Rampe, die Sigismundstraße  und die Potsdamer Straße bleiben, auf eine Bebauung der Brache soll ganz verzichtet und der Matthäikirchplatz Teil einer Grünanlage werden. Diese politische Weichenstellung erfolgte unter der Verantwortung des damaligen Stadtentwicklungssenators Michael Müller. Realisiert wurde von diesem “Konzept“ nichts. Nach wie vor ist der Imbiss Alibar das gastronomische Highlight in diesem Areal.

Bewegung kam in die verschlafene politische Stadtlandschaft durch die Entscheidung der Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Bau des “Museum des 20. Jahrhunderts“ am Standort zwischen Matthäikirchplatz und Potsdamer Straße. Diese Entscheidung steht nicht nur im Widerspruch zur letzten Senatsplanung von 2011, sondern beinhaltet auch den endgültigen Abschied von der Idee Scharouns, der hier am Forum mit dem Senatsgästehaus  ausdrücklich keine museale Nutzung vorsah. Das jetzt ausgewählte Grundstück ist aber keine Baulücke im Scharoun-Plan, in die man nach Paragraph 34 ein weiteres Museum einfügen kann.

Für den Bau eines weiteren Museums im Zentrum des Kulturforums ist die Klärung  der städtebaulichen Rahmenbedingungen eine Voraussetzung. Dazu gehören politische Festlegungen wie

- die Erhaltung des 1840 angelegten Matthäikirchplatzes auch aus Respekt gegenüber der Kirche als dem historischen Mittelpunkt des Quartiers;

- der Abriss der Rampe über dem Parkhaus und die Anlage eines Platzes;

- der Bau von Wohnungen auf den nun frei werdenden Grundstücken westlich der Nationalgalerie;

- die Aufhebung der Sigismundstraße, damit ein stadträumlicher Zusammenhang zwischen der Neuen Nationalgalerie und der Museumserweiterung oberirdisch möglich wird;

- der Rückbau des Autobahnzubringers Potsdamer Straße.

Der Stadtentwicklungssenator müsste gestalten wollen, stattdessen schaut er nur zu.

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Solche Ziele zu definieren ist die Aufgabe des Senators für Stadtentwicklung. Seine bisherige Rolle eines bloßen Zuschauers ist angesichts der nationalen Bedeutung der in der Zeit des Mauerbaus geborenen Idee des Kulturforums von nicht mehr zu verstehender Ignoranz. Dieser Vorwurf gilt auch für die Oppositionsparteien.

Der Bau der Philharmonie und der Galerie des 20. Jahrhunderts war die Reaktion der Politik auf die gewaltsame Trennung der Berliner Kultureinrichtungen. Die Entscheidungen waren gleichzeitig Teil einer politischen Utopie eines Lebens in dem von der Speerachse vergewaltigten Tiergartenviertel. Offen bleiben die Vorstellungen der Politik vom Leben in den öffentlichen Räumen des Kulturforums im Zeitalter der Digitalmoderne.

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Nutzt die Baustelle! Lesen Sie hier die Debatte zur Zukunft des Kulturforums.

Brauchen wir "Bundesunis"? Politiker und Universitätsangehörige streiten.

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