Wie wird das Kulturforum zu einem Forum? Das Kulturforum braucht keine vemeintlich mutige Geste

Bild von Hermann Parzinger
Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Expertise:

Prof. Dr. Hermann Parzinger ist seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der Archäologe ist unter anderem Träger des Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Mitglied des Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste, der British Academy, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und in der American Philosophical Society.

Das Kulturforum braucht eine Architektur, die Selbstbewusstsein mit Respekt vor dem Bestehenden verbindet, sagt Hermann Parzinger. Und sie muss den Anforderungen moderner Museen genügen.

Wer sich vorgenommen hat, dem Kulturforum endlich eine städtebauliche Dramaturgie zu geben, wird unwillkürlich in die jahrzehntelange Debatte über diese berühmtesten struppigen Quadratmeter der Hauptstadt gezogen. Das Kulturforum ist das letzte begehbare Architekturmodell, ein Sehnsuchtsort für die Urbanisten der Moderne, und doch unfertig: Über nur wenige Brachen der Republik kann man sich so wunderbar zerstreiten. Die Diskussionen der Vergangenheit schlugen immer wieder Funken, doch ein Feuer der Entschiedenheit wollte sich nicht entzünden, eine ebenso greifbare wie überzeugende Lösung blieb Wunschtraum.

Dies änderte sich im letzten Jahr. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz konnte endlich für das sehnlichst von ihr erhoffte und so dringend benötigte Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts einen Ideenwettbewerb ausloben, der sich dieser Fläche widmete. Immer wieder hört man, es handele sich um die schönste Wettbewerbsaufgabe für Baumeister, die derzeit zu vergeben ist, und die 460 Wettbewerbsteilnehmer aus aller Welt unterstreichen dies eindrucksvoll. Dieser Bauplatz gehört nicht nur Berlin, sondern auf ihn blickt die ganze Welt.

Ein Neubau muss die Bauten des Kulturforums in eine sinnvolle räumliche Beziehung bringen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Und trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit: Es ist auch der mit Abstand herausforderndste Bauplatz. Die Jury, der ich als Sachpreisrichter angehöre, war sich dessen völlig bewusst. Sie spricht sogar von einer „Jahrhundertaufgabe“, sie verströmt aber auch Optimismus. Im jetzt veröffentlichten Protokoll heißt es: „Ein Neubau an dieser Stelle ist der Schlüssel, um die Gesamtsituation am Kulturforum zu ordnen und zu klären. Ein Gebäude an der Potsdamer Straße kann, das hat der Ideenwettbewerb gezeigt, nicht nur die Nationalgalerie, die Philharmonie sowie die St.-Matthäus-Kirche, sondern auch die Staatsbibliothek, die Gemäldegalerie, das Kupferstichkabinett und die Piazzetta - also sämtliche Bauten des Kulturforums - in eine neue und schlüssige Beziehung setzen. Jeder städtebauliche, architektonische und landschaftsplanerische Eingriff an dieser Stelle muss also daran gemessen werden, wie gut es ihm gelingt, dem Kulturforum eine klare städtebauliche Prägung und Ordnung zu geben und die Bauten in eine sinnvolle räumliche Beziehung zu bringen.“ Besser kann man es nicht sagen.

Der Wettbewerb hat eines sehr klar gezeigt: Das Grundstück an der Potsdamer Straße ist sehr wohl als Standort für das neue Museum geeignet, weil das neue Gebäude dort auch zu einem entscheidenden architektonischen Bindeglied werden kann, um das Zusammenspiel von Mies, Scharoun, Stülers St.-Matthäus-Kirche und den anderen Bauten voranzutreiben und diese Architekturen aufeinander zu beziehen; das ist die entscheidende Aufgabe.

Im Dialog mit den vorhandenen Architekturen könnten Anpassung und Denkmalverträglichkeit wichtiger sein als große Gesten

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Abgesehen davon, dass an der Sigismundstraße hinter der Neuen Nationalgalerie die dringend benötigten 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche nicht wirklich sinnvoll unterzubringen wären, stellt sich die Frage, wer die unerträgliche Brache an der Potsdamer Straße wirklich auf ewig wollen kann. Man darf Kulturstaatsministerin Monika Grütters, dem Haushaltsausschuss des Bundestages mit Rüdiger Kruse und Johannes Kahrs sowie vielen anderen dankbar sein, dass der Bund der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 200 Millionen Euro bereitgestellt hat, um genau das zu ändern. Und schon ein Jahr später können wir die Ergebnisse des Ideenwettbewerbs vorstellen: ein wahrlich rekordverdächtiger Zeitplan. Die engagierte Mitwirkung des Landes Berlin und des Bezirks half dabei entscheidend. Allen war klar: Gemeinsam können wir es schaffen. Dabei geht es eben nicht nur um ein neues Haus, sondern auch um die Gestaltung des öffentlichen Raums, um die Gewinnung eines neuen pulsierenden Zentrums, das den Dialog mit den vorhandenen Architekturen sucht, um den Ort zu ordnen. In diesem Dialog sind Faktoren wie Anpassung und Denkmalverträglichkeit vielleicht wichtiger als vermeintlich mutige Gesten, zumal, wenn sie von Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Umfeld geprägt sind. Eine wirklich große Architektur muss an diesem Ort in der Lage sein, Selbstbewusstsein mit dem Respekt vor dem Bestehenden zu verbinden.

Die Staatlichen Museen brauchen ein Gebäude, das für ein zeitgemäßes Museumsverständnis steht.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wenn nun alle Wettbewerbsergebnisse am Kulturforum zu sehen sind, so wird deutlich, woran im anschließenden Realisierungswettbewerb noch hart gearbeitet werden muss. Für die Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist es wichtig, ein Gebäude zu bekommen, das neue Möglichkeiten eröffnet, das für ein zeitgemäßes Museumsverständnis steht und auf den heutigen Ausstellungsbetrieb mit variabler Bespielbarkeit reagiert. Wir wissen längst, dass Museen nicht mehr nur weite Hallen des kulturellen Gedächtnisses sind, sondern Orte, an denen man sich gern aufhält und sich mit anderen austauscht. Das neue Museum sollte eine ganz besondere Aufenthaltsqualität auch jenseits des obligatorischen Cafés und Restaurants aufweisen. Das Kulturforum benötigt Ausstrahlung und Anziehungskraft. Insofern ist der Ideenwettbewerb auch kein Versuch, eine von jahrelangen Debatten erschöpfte Öffentlichkeit mit neuen Riegeln, Quadern und Türmen zu verwirren, sondern ein geglückter Schritt, unsere Vorstellungskraft zu erweitern und ein fruchtbares Diskussionsfeld zum Umgang mit Volumina, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entstehen zu lassen; nicht mehr und nicht weniger.

Mag sein, dass nicht alle Entwürfe überzeugen. Wenn sie scheitern, dann vor allem deswegen, weil sie entweder die berühmten Nachbarn nicht überzeugend einzubinden verstehen oder die Aufgabe eines Museums zu sehr hintanstellen. Doch geht es um das Verfahren an sich, es war mutig und richtig, einen solchen Ideenwettbewerb vorzuschalten.

Das haben auch die Diskussionen im Preisgericht gezeigt, die klarmachten, was im folgenden Realisierungswettbewerb erreicht werden muss: Die gewonnen Erkenntnisse werden im Ausschreibungstext ihren Niederschlag finden. Und eine wichtige Erkenntnis konnte ich mitnehmen: Der Schlüssel zum städtebaulichen Glück liegt genau an dieser Stelle. Entwürfe von Ideenwettbewerben liefern, wie wir wissen, keine Lösungen, die ganz konkret so umzusetzen sind; das haben sie so an sich. Aber eines zeigt dieser sehr deutlich: Es wird gelingen.

--- Mehr Debatte? Hier diskutieren Kulturwissenschaftler über die richtige Antwort auf den Rechtspopulismus. Mit Beiträgen von Ute Frevert und Wolfgang Benz.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.