Ideen für das Kulturforum Das Kulturforum braucht ein Verkehrskonzept!

Bild von Friedemann Kunst
Städtebau- und Verkehrsexperte

Expertise:

Dr. Friedemann Kunst ist Stadt- und Verkehrsplaner. Bis 2013 war er Leiter der Verkehrsabteilung in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.

Bei den Plänen für das Kulturforum müssen vor allem die Verkehrsanlagen neu gedacht werden, damit der Ort attraktiver sowie sichtbarer und für Fußgänger besser erreichbar wird: Der Kfz-Verkehr auf der Potsdamer Straße sollte vermindert, Parkplätze an den Potsdamer Platz verbannt werden. Ein Blick auf den Verkehr rund um das Kulturforum in seinem städtebaulichen Kontext

„Unwirtlich“ ist ein eher zurückhaltender Begriff, der sich dem Besucher des Kulturforums nicht nur in der kalten Jahreszeit aufdrängt. Weltbekannte Einrichtungen der Hochkultur verlieren sich als Solitäre in einem „öffentlichen“ Raum, der durch Parkplätze, ungepflegte Freiflächen und die breite, viel befahrene Potsdamer Straße als Hauptverkehrsstraße geprägt ist. Wenn nun mit dem Projekt eines Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts auch städtebauliche Überlegungen zur besseren Ordnung des Ganzen und notwendigerweise auch zur Neugestaltung der öffentlichen Räume angestoßen werden, ist dies ausdrücklich zu begrüßen.

Bei den Plänen fürs Kulturforum muss auch eine Neugestaltung der Verkehrsanlagen mitgedacht werden

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Die Aktion darf aber nicht auf die Fläche des Wettbewerbsareals beschränkt bleiben. Zwingend dabei ist, dass auch eine sukzessive Neugestaltung der Verkehrsanlagen mitgedacht und in Angriff genommen wird. Im Vorfeld der Auslobung des Ideenwettbewerbs für das Museum war gar der heimliche Wunsch so manchen Kulturforum-Freundes zu vernehmen, das Ärgernis Potsdamer Straße doch am besten durch eine Schließung zu beseitigen.

Nun kann freilich die Aufgabe einer Hauptverkehrsstraße nicht ohne gründliches Bedenken der Voraussetzungen und Folgen in Angriff genommen werden. Die Potsdamer Straße erschließt nicht nur das Kulturforum, sondern spielt auch eine tragende Rolle als Teil des innerstädtischen Hauptstraßennetzes.

Noch viel mehr gilt das Gebot sorgfältiger Prüfung für die städtebauliche Weiterentwicklung des Kulturforums. In dem Gebiet zwischen Potsdamer Platz, Stauffenbergstraße, Tiergartenstraße und Landwehrkanal überlagern sich die Stadtgeschichte und eine komplexe Planungsgeschichte geradezu exemplarisch. Es ist spannend und hilfreich, diese verschiedenen historischen Schichten auch hinsichtlich der verkehrlichen Aussagen und Nachwirkungen zu betrachten.

Städtebauliche Spuren des 19. Jahrhunderts, des Nationalsozialismus und der Moderne

Im Areal des Kulturforums zeigen sich dem kundigen Betrachter auch heute noch etliche Spuren von Entwicklungen im Guten und im Schlechten. Wir befinden uns in einem Stadtraum, dem sich nacheinander die städtebaulichen Konzepte des 19. Jahrhunderts, des Nationalsozialismus und schließlich der Moderne nach den Kriegszerstörungen eingeprägt haben. Die Realisierung des die bestehende Stadt verachtenden Speer‘schen Planes einer monumentalen Nord-Süd-Achse wurde durch den Krieg gestoppt und die daran erinnernden Ruinen wurden nach dem Kriege gesprengt; auch die Umsetzung der Nachkriegsplanung der 60er Jahre ist bekanntlich unvollendet geblieben. Der fast vollständige Abriss der vom Krieg verschonten Reste des großbürgerlichen Stadtquartiers und der Neuaufbau nach einem radikal anderen Konzept entsprang der Ablehnung und der bewussten Konfrontation mit dem Städtebau (und den gesellschaftlichen Verhältnissen) des 19. Jahrhunderts. Die Konzeption einer durchgrünten „Stadtlandschaft“ im Übergang zum Tiergarten mit der Philharmonie und anderen solitären Kulturbauten, durchzogen von in die Freiräume eingebetteten großzügigen neuen Straßen atmet noch den Geist des „Kollektivplanes“. Dieser Plan eines radikalen Bruchs mit der Berliner Stadtstruktur auf der Suche nach einer „menschenwürdigen Lösung für das Großstadtproblem“ wurde in der Verantwortung von Hans Scharoun als Stadtbaurat unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt.

Nachkriegskonzept einer „autogerechten Stadt“

Neben sozialpolitischen und stadthygienischen Gesichtspunkten (Licht, Luft, Grün) spielte der Verkehr in dieser Vision von einer anderen Stadt eine sehr große Rolle. Das damals technologisch fortschrittlichste Verkehrsmittel Automobil beflügelte die Fantasien der Planer. Doch das Nachkriegskonzept einer „autogerechten Stadt“ war durch die stadtplanerischen und städtebaulichen Konzepte der Weimarer Zeit mit ihrer Erwartung massenhaften Individualverkehrs bereits vorbereitet worden.

So sahen die Nachkriegsplanungen vom Anfang der 1960er Jahre für das Areal des Kulturforums auch hinsichtlich des Verkehrs eine weitgehende Neuordnung vor: Das orthogonale Straßengerüst zur Erschließung kleinteiliger Parzellen wurde für den Autoverkehr verbreitert und für einen besseren Verkehrsfluss vorbereitet. Es wurde ergänzt um eine vielspurige (anbaufreie) Potsdamer Straße in neuer Lage. Der Plan einer Tangente in Schnellstraßenqualität, die das Kulturforum östlich (die Stadtmitte westlich) begrenzt, war Teil eines bereits in der Nachkriegszeit entwickelten Konzeptes für ein Tangentenviereck um die Berliner Mitte. In dieses Gerüst wurden auf großen neuen Parzellen die Bauwerke so eingefügt, dass sie ihre Rückseiten der Stadtautobahn zuwenden.

Eine Verbindung zwischen Marlene-Dietrich-Platz und Kulturforum hätte zur besseren Erreich- und Sichtbarkeit beigetragen

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Besonders deutlich ist das an der Staatsbibliothek, die einen langen Baukörper gegen die vorgesehene Stadtautobahn ausbildet und im Übrigen die Trasse der (alten) Potsdamer Straße bebaut und damit diesen historischen Weg abschneidet. Nach Westen ist das Gebäude zum „Tal“ der Potsdamer Straße hin abgetreppt. Auch den östlichen Anbauten an die Philharmonie, der Lage von Parkplätzen an ihrer Süd-Ost-Seite und der Orientierung ihrer Haupteingänge nach Westen liegt der Gedanke zugrunde, die Bauten von der geplanten Westtangente abzuwenden. Die Realisierung dieses Stadtautobahn-Projektes wurde erst 1981 nach den Abgeordnetenhaus-Wahlen vom neuen Regierenden Bürgermeister Hans Jochen Vogel aufgegeben, die Pläne wurden zu den Akten gelegt. Bei der Neubebauung des Potsdamer Platzes nach der Wiedervereinigung wurde die karge Rückseite der Staatsbibliothek durch den vergleichbar länglichen Baukörper des Musical-Theaters und der Spielbank kaschiert. Bedauerlicherweise konnte der Verlust einer wichtigen direkten Verbindung zwischen dem Marlene-Dietrich Platz und dem Kulturforum im Verlauf der Trasse der alten Potsdamer Straße nicht mehr behoben werden. Eine solche zusätzliche Verbindung hätte die Erreichbarkeit und Sichtbarkeit des Kulturforums von den neu gesetzten städtebaulichen Schwerpunkten Potsdamer- und Leipziger Platz wesentlich verbessert.

Diese Hypothek aus der Nachkriegszeit konnte nicht mehr aufgelöst werden, obwohl sich nach der Wende die Randbedingungen für die Weiterplanung am Kulturforum vollständig geändert hatten. Der Fall bietet jedoch Anlass für eine kurze grundsätzliche Reflexion über unseren Umgang mit den Spuren der älteren städtebaulichen Schichten und den unvollendeten Planungen, in denen sich die früheren Leitbilder und andere politische und planerische Randbedingungen spiegeln. Neue städtebauliche Leitbilder wurden und werden aus der Kritik am Vorgefundenen entwickelt. Erfahrungen aus den letzten 50 Jahre haben gewiss zu einer kritischen Beurteilung der im Kern stadtfeindlichen Leitbilder der Moderne geführt, und vor allem die Vision einer „autogerechten Stadt“ ist heute als Sackgasse erkannt. Und doch ist das gegenwärtige Kulturforum Dokument einer historischen Epoche und einer städtebaulichen Vorstellung von Stadt, die in der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und ihren städtebaulichen Ausprägungen wurzelt und unter dem Eindruck der massiven Kriegszerstörungen und neuer Hoffnungen auf individuelle Mobilität entwickelt wurde.

Die aktuelle sehr unbefriedigende Situation gebietet eine Weiterentwicklung des Kulturforums. Dies schon um der Ziele eines besseren Erscheinungsbildes und einer klareren Orientierung der Nutzer willen. Eine grundsätzliche Frage ist aber, welche Bedeutung den unterschiedlichen historischen Schichten zugestanden wird. Ist es gerechtfertigt oder gar geboten, noch rekonstruierbare frühere Spuren von Erschließung und Bebauung des 19. Jahrhunderts beispielsweise durch eine ergänzende Bebauung wieder aufzunehmen, um die Erinnerungen zu stärken? Wie weit kann, darf dies gehen, ohne die jüngste realisierte Schicht zu beschädigen oder gar zu beseitigen? Welche Elemente sind für die heutige vorgefundene Situation unbedingt zu erhalten, weil sie für die Konzeption und ihr Verständnis konstitutiv sind? Und hier gleich noch eine unbequeme Frage: Wie weit ist sogar auch die vorgefundene Straßenkonzeption wichtiges Element des Gesamtkonzeptes der Neugestaltung aus den 1960er Jahren? Wie selektiv kann der Gedanke des „Denkmalschutzes“ ausgelegt werden? Ohne Zweifel erfüllt das Areal die Kriterien eines städtebaulichen Denkmals, auch wenn dieser Gedanke bei den bisherigen Planungen keine große Rolle gespielt hat.

Bei der Weiterentwicklung des Kulturforums müssen historische Spuren berücksichtigt werden

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Der Neubau des Museums des 20. Jahrhunderts ermöglicht, nein erzwingt geradezu, über diese Fragen nicht nur (erneut) nachzudenken, sondern auch überzeugende Lösungen zu entwickeln, die es erlauben, den Ort mit dem Element des ergänzenden Museums in seiner Gesamtheit neu wahrzunehmen. Dazu gehört eine kluge Berücksichtigung historischer Spuren bei der Gestaltung und Weiterentwicklung des gesamten städtebaulichen Umfeldes und des neuen Gebäudes. Ich meine aber, dass die Grundkonzeption der „Stadtlandschaft“ nicht beschädigt werden sollte. Unter einer solchen Prämisse kommt der Kultivierung der Außenräume als landschaftlich geprägte öffentliche Räume eine besonders hohe Bedeutung zu. Dabei muss es gelingen, sowohl die inneren Bezüge zwischen den Kultureinrichtungen zu verbessern, als auch die angrenzenden Quartiere besser anzubinden und mit dem Kulturforum zu verflechten.

Innere Bezüge zwischen den Kultureinrichtungen müssen verbessert und angrenzende Quartiere besser angebunden werden

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Eine diese Ziele unterstützende verkehrliche Gestaltung im Kulturforum sollte zunächst am Parkraum ansetzen und das Parken mit Ausnahme von Stellplätzen für behinderte Nutzer und Besucher aus dem Areal des Kulturforums verbannen. Die Tiefgaragen am Potsdamer Platz bieten ausreichende Reserven für Besucher, die auf ihr Kfz nicht verzichten wollen oder können.

Besucher sollten in den Tiefgaragen am Potsdamer Platz parken, um den Fußgängern den öffentlichen Raum zurückzugeben

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Die Rückgewinnung, das Sichtbar-Machen und die bessere Gestaltung des öffentlichen Raumes sind Voraussetzungen dafür, den Fußgängern im Kulturforum ihre Rolle als dort wichtigste Verkehrsteilnehmer zurückzugeben. Dabei geht es um eine sorgfältige Planung der Fußwegebeziehungen zwischen allen Einrichtungen des Kulturforums und mit den angrenzenden Quartieren sowie um verbesserte Möglichkeiten der Querung angrenzender Straßen. Die Behebung des Missstandes der für Fußgänger nicht nur im Winter unakzeptablen schiefen Ebene vor der Gemäldegalerie muss als Aufgabe wohl leider späteren Schritten der Fertigstellung des Kulturforums vorbehalten bleiben.

Bleibt das Thema Potsdamer Straße in ihrem aktuellen Verlauf: Sie wirkt heute als Barriere innerhalb des Kulturforums. Sie ist allerdings in ihrer heutigen Trassierung Bestandteil und Resultat der Nachkriegs-Neuordnung des Kulturforum-Quartiers. Im Netz der Hauptverkehrsstraßen übernimmt sie eine zentrale Funktion, sowohl für den Pkw- und Bus-Verkehr mit Ziel oder Quelle im Kulturforum und dessen Umfeld als auch für den großräumigeren Verkehr in der inneren Stadt. Im Bereich des Kulturforums überlagern sich Verkehrsströme des Ost-West-Verkehrs mit solchen des Nord-Süd-Verkehrs aus dem Tiergartentunnel. Auf diese Weise kommt die hohe Belastung zustande. Für einen Ersatz oder eine starke Kapazitätseinschränkung der Straße mittels einer veränderten Netzorganisation fehlen die Alternativen. Aus diesen Gründen wird der Wunsch nach einem Verzicht oder einer wesentlichen Funktionsänderung der Straße bei den Senatsplanern sehr wahrscheinlich unerhört bleiben müssen. Was aber erreichbar scheint, ist eine deutliche Minderung der Kfz-Verkehrsbelastung und eine Stärkung des öffentlichen Verkehrs im Laufe der kommenden Jahre.

Für die Attraktivität des Kulturforums muss der Kfz-Verkehr auf der Potsdamer Straße reduziert, der ÖPNV gestärkt werden

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Diese Ziele der Senats-Verkehrspolitik sind bereits in den vergangenen Jahren mit Erfolg umgesetzt worden. Das Wachstum der Stadt konnte von der Entwicklung des Kfz-Verkehrs entkoppelt werden: Der Kfz-Verkehr in der inneren Stadt nimmt seit geraumer Zeit zwar leicht, aber kontinuierlich ab. Es ist anzunehmen, dass dies auch für die kommenden Jahre erwartet werden kann. Das Projekt einer Straßenbahnverlängerung vom Alexanderplatz in der Leipziger Straße bis zum Potsdamer Platz oder dem Kulturforum (und langfristig vielleicht noch darüber hinaus) ist schließlich seit vielen Jahren Bestandteil der verkehrspolitischen Strategie des Senates. Eine Straßenbahn verstärkt das städtische Gepräge einer Straße. Technisch ist ein Verzicht auf Oberleitungen im Bereich des Kulturforums möglich. Ob die (ggf. vorläufige) Endhaltestelle im Kulturforum oder im Potsdamer Platz eingeordnet wird, sollte sorgfältig abgewogen werden. Für den Potsdamer Platz spricht der noch bessere unmittelbare Anschluss an den öffentlichen Verkehr.

Mit der erwarteten mittelfristigen Abnahme des Kfz-Verkehrs muss eine Überprüfung des „Querschnittes“, d.h. der Zahl der erforderlichen Fahrspuren einhergehen. Im Übrigen bestehen noch weitere Möglichkeiten, die Straße für eine bessere Verträglichkeit im Kulturforum zu „zivilisieren“: durch Erweiterung der Querungs-Möglichkeiten, einer veränderten Gestaltung des Straßenraumes, eventuell auch durch eine Reduzierung des Tempos zur Verbesserung der Verkehrssicherheit.

--- Wie wird das Kulturforum zum Forum? Lesen Sie hier alle Debattenbeiträge, u.a. von Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und dem Architekten Bernhard Schneider von der Stiftung Zukunft Berlin.

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