Wieso der Fußball Kapital benötigt  Die Kommerzialisierung ist notwendig für den Wettbewerb

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Geschäftsführer, VDV - Die Spielergewerkschaft

Expertise:

Ulf Baranowsky ist Geschäftsführer der VDV und Ansprechpartner für die Medien. Der ehemalige Bürgermeisterreferent ist Magister der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Sportwissenschaft sowie vom DFB lizenzierter Trainer und Vereinsmanager.

Sogenannte „Retortenklubs“ wie der RB Leipzig werden zu Unrecht verteufelt. Anstatt über den Verlust von imaginären Werten zu debattieren, sollten die Fans das Augenmerk auf den internationalen Wettbewerb richten. 

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles …!“, sinnierte schon Gretchen in Goethes Tragödie Faust. Und auch heute noch stellt sich die Frage, inwieweit pekuniärer Materialismus Fluch oder Segen für die Menschen bringt. Dies gilt auch für den deutschen Profifußball. 

Rund 2,6 Milliarden Euro haben die 18 Klubs der Bundesliga laut des „Bundesliga-Reports 2016“ in der Spielzeit 2014/2015 umgesetzt und damit den elften Umsatzrekord in Folge erzielt. Die größten Einnahmepositionen waren dabei die mediale Verwertung (28 Prozent), Werbung (26 Prozent) und der Spielertrag (20 Prozent). Der Gewinn nach Steuern betrug rund 50 Millionen Euro.

Es ist unklar, was die klassischen Werte des Fußballs eigentlich sind

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Viel Geld – von dem aber nicht nur Spieler und Manager als Gehaltempfänger profitieren, sondern mittlerweile auch tausende weitere Klubangestellte und natürlich zahlreiche Firmen, die vom Investitionskuchen der Klubs – beispielsweise für Stadion- und Trainingsinfrastruktur – große Stücke abbekommen. Last but not least darf sich in besonderem Maße auch „Vater Staat“ über das florierende Fußballgeschäft freuen, kassierte er doch allein aus besagter Saison 817 Millionen Euro an Steuern und Abgaben von den Bundesligaklubs. Soweit zunächst einige Fakten!

Doch trotz voller Stadien, überragender TV-Quoten und Millionen von aktiven Fußballerinnen und Fußballern in den Vereinen vor Ort findet die anhaltende Kommerzialisierung in der veröffentlichten Meinung eine nicht zu unterschätzende Zahl von Kritikern. In besonders heftiger Form wird dieser ökonomische Diskurs in manchen Fanblocks und Fanforen geführt. Dabei richtet sich die Kritik schwerpunktmäßig gegen sogenannte „Retortenklubs“, die von Mäzenen und Wirtschaftsunternehmen monetär derartig ausgestattet werden, dass deren sportlicher Erfolg quasi unvermeidbar ist. Die so von der Sonnenseite der Tabelle verdrängten Anhänger der Traditionsvereine verurteilen diese Entwicklung als Wettbewerbsverzerrung und eine Art der Entfremdung von klassischen Werten des Sports; wobei diskussionswürdig ist, welche Werte dies genau sein sollen, in welchem Maß sie tatsächlich beeinträchtigt werden und inwieweit sie schützenswert sind.

Es gibt kein Recht, Klubs mit viel Kapital zu verteufeln

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Wenn es beispielsweise um die Mitbestimmung der Fans geht, so verfolgt der deutsche Profifußball nach wie vor den Grundsatz, dass die Mehrheitsanteile der operativen Kapitalgesellschaften der Klubs weiterhin in den Händen der Muttervereine liegen müssen. Somit kann – zumindest in der Theorie – jedes stimmberechtigte Vereinsmitglied Einfluss auf Personal- und Strukturentscheidungen ausüben. In der Praxis ist diese sogenannte „50 plus 1-Regel“ aber schon an zahlreichen Stellen aufgeweicht worden. Zudem wird die kartellrechtliche Zulässigkeit dieser besonderen Regelung bereits seit Jahren diskutiert, beschränkt sie doch auf der anderen Seite die Freiheit von Vereinen und potentiellen Investoren. Nur zum Vergleich: In der nordamerikanischen Major League Soccer bestimmen Franchise-Nehmer über ihre Klubs. 

In diesem Zusammenhang stellt sich nun eine entscheidende Frage: Inwieweit nämlich nehmen Stadionbesucher und Fußball-TV-Rezipienten die Angebote der „Retortenklubs“ – diese Bezeichnung ist nicht despektierlich gemeint – an? Hier zeigt sich beispielsweise in Leipzig ein klares Bild. Während es in dieser sportbegeisterten Stadt die Traditionsvereine über viele Jahre nicht geschafft haben, den Durst nach Spitzenfußball zu stillen, pilgerten in der letzten Saison weitaus mehr Zuschauer zu RB Leipzig als zu den meisten anderen Traditionsklubs in derselben Liga.

Mit welchem Recht also sollten „Retortenklubs“ und deren Fans diskriminiert werden. Kritiker der Kommerzialisierung sollten sich zudem selbstkritisch die Frage stellen, ob sie selbst Investoren, die ihrem eigenen Klub Ruhm und Reichtum garantieren, die Tür vor der Nase zuschlagen würden.

Der deutsche Fußball braucht die Kommerzialisierung, um wettbewerbsfähig zu bleiben 

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Zu bedenken ist ebenfalls, dass einer Kommerzialisierung in der Regel auch eine Professionalisierung folgt. Diese ist notwendig für die erfolgreiche und nachhaltige Weiterentwicklung des deutschen Profifußballs auf dem umkämpften internationalen Fußballmarkt. Investoren können somit helfen, die eigene Marktposition auszubauen, um damit auch Jobs und Steuereinnahmen zu sichern.

Damit soll aber keineswegs eine einseitige Lobeshymne auf den Fußball-Kapitalismus angestimmt werden. Denn alle materiellen Bestrebungen sind stets auch dahingehend zu prüfen, inwieweit sie einzelnen Menschen nutzen und schaden. So können beispielsweise zu hohe Preise für Eintrittskarten oder Markentrikots für bestimmte Personengruppen eher ausgrenzend als integrativ wirken. Zudem dürfen Fußballspieler nicht zu reinen Wirtschaftsgütern verkommen, die eingekauft, verbraucht und am Ende abgeschrieben werden. Dies gilt vor allem für die zahlreichen Kinder- und Jugendliche in den Nachwuchsleistungszentren, die nicht den Sprung in den Fußballprofis schaffen, aber durch hohe Belastungen und Enttäuschungen schon in jungen Jahren nicht selten schwere körperliche und seelische Wunden davontragen. Dieser Verantwortung gilt es, gerecht zu werden.    

Zurückkommend auf die Faust-Tragödie blieb am Ende offen, inwieweit Gretchen nun gerichtet oder gerettet wurde. Bezogen auf den Fußball ist also ein genaues Augenmaß bei der Güterabwägung gefordert. Investoren bieten an vielen Stellen große Chancen. Ihr Wirken muss aber in klare Regeln eingebettet werden, die am Ende den Spielern und den Fans nutzen und nicht schaden.  

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