Die Kommerz-Liga Der Profifußball befindet sich in einer Scheinwelt

Bild von Dirk Rasch
Ehrenpräsident des VfL Osnabrück

Expertise:

Dirk Rasch ist heute Ehrenpräsident des VfL Osnabrück. Mehr als 15 Jahre leitete er aktiv den Fußballklub. Er ist Autor des Buches "Rettet den Fußball!: Zwischen Tradition, Kommerz und Randale".

Ein fairer Wettbewerb ist unter den derzeitigen Umständen nicht mehr möglich. Doch angesichts immer größer werdender Gewinnmargen, wird die Problematik gerne totgeschwiegen. 

Fehlender Wettbewerb, Monopolisierungstrends, Geldgier, Globalisierungswahn, Korruption, Manipulation, aber auch Rassismus und Gewalt beherrschen europaweit den Profifußball. Doch nirgendwo werden Probleme so hartnäckig verdrängt und/oder totgeschwiegen wie dort. Die einen wollen ihre persönlichen Interessen gewahrt wissen, andere möchten sich ihre illusionären Sichtweisen erhalten.

Auch wenn die Transferausgaben der Bundesligaklubs mit erstmals über 500 Millionen Euro  noch weit von der Dekadenz der Transferpolitik arabischer Scheichs, russischer Oligarchen und asiatischer Milliardäre entfernt ist, haben nicht zufällig die etwas nachdenklicheren Trainer wie Thomas Tuchel  erkannt:  "Die Summen stehen in keinem Verhältnis mehr zu den Leuten, die ins Stadion kommen, um sich ein Spiel anzusehen. Wenn es nur noch um Geld und Transaktion geht, verlieren wir die Beziehung zu den Menschen."

Weder den „Marktradikalen“ noch den „Hardcore-Traditionalisten“ darf es allein überlassen bleiben, wie der Profifußball in Zukunft zu organisieren ist. Denn weder die Auffassung „Marktradikaler“, lebenslange Bindungen an einen Verein durch Eventkonsum zu ersetzen, noch die Ansicht der „Hardcore-Traditionalisten“ „Der Fußball gehört uns“ ist akzeptabel. Profifußball gehört all denen, die ihn mit Leidenschaft, Herzblut, Verstand, aber auch mit Geld begleiten.

Das sportliche Ereignis Bundesliga ist zu einem langweiligen Heroenkult verkommen. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der Wettbewerb (die Grundidee des Fußballspiels) um die nationalen Meisterschaften in den europäischen Ligen zwischen mindestens vier gleich starken Mannschaften findet – bis auf die englische Premier League – nicht mehr statt. Wer will bestreiten, dass Bayern München in den nächsten 20 Jahren mit einem Vorsprung von 15 Punkten auf den Zweitplatzierten Meister wird? Langeweile statt Spannung. Eine verhängnisvolle Entwicklung. Vielleicht ist ja daher die Idee, solange die Bayern noch nicht mit den anderen Granden des europäischen Fußballs in einer eigens geschaffenen  „Sterne-Liga“  spielen,  bis dahin dem  jeweils Tabellenzweiten die Meisterschale zu übergeben, eine gar nicht so schlechte. Franz Beckenbauer sprich Klartext: „Wenn der FC Bayern sich jeden Spieler holen kann, den er haben möchte, wird er auf Jahre hin Meister sein.“  Zur Langeweile-Diskussion fügt er lapidar hinzu: „ Es gibt ja auch noch den Kampf um die Europa-League-Plätze und den Abstieg.“

Natürlich werden die Fans auch in Zukunft in die Stadien strömen, wenn die Bayern auflaufen. Allerdings nicht mehr, um sich ein spannendes Fußballspiel anzusehen, sondern weil man die Fußballprofis, die wahren Helden der Neuzeit, live sehen möchte. So wie George Clooney bei der Berlinale auf dem roten Teppich. Die Faszination eines emotionalen Fußballspiels ist einem Heroenkult gewichen.                                                

Die wichtigsten Maßnahmen gegen die Ausuferung der Kommerzialisierung und der Wiederherstellung eines funktionsfähigen Wettbewerbs im Profifußball müssen meines Erachtens sein: Gleichmäßige mit Auflagen versehene Verteilung der TV-Gelder in den nationalen europäischen Ligen und in der Champions League.

Die ungleiche Verteilung der TV-Gelder hat die Stimmung im Profifußball vergiftet. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Vor allem die ungleiche Verteilung der Fernsehgelder hat fortschreitende Konzentrationsschübe in den nationalen Ligen Europas- so auch in der Bundesliga- nach sich gezogen. Eine gleichmäßige Verteilung der TV-Gelder wird dazu führen, dass nicht immer dieselben Klubs von den Ausschüttungen nachhaltig profitieren. Der europäische Fußballmarkt ist gefährlich überhitzt. Der heiß gelaufene Motor sind die privaten TV-Sender. Sie dominieren den europäischen Profifußball mit einem Anteil von 50 Prozent an den Gesamteinnahmen. Auch sollten die Klubs dazu verpflichtet werden, einen festzulegenden Betrag der TV-Einnahmen in die Nachwuchsförderung und die Infrastruktur zu investieren.

Woran liegt es, dass die sportlichen Erfolge Bayern Münchens von den meisten Fußballfans außerhalb Bayerns zunehmend kritisch gesehen werden?  Oder wie kommt es,  dass  in der Geschichte des  Profifußballs in Deutschland noch nie ein Klub so unbeliebt war wie Red Bull Leipzig?  Die Antworten hierfür  sind schnell gefunden.

Niemand wird die sportlichen und wirtschaftlichen Erfolge der Bayern in Frage stellen wollen.  Doch die systembedingte Eigendynamik hat dazu geführt, dass die Bayern aufgrund ihrer Finanzmacht allein aus ihren Merchandising-Erlösen (ca. 120 Mio. Euro) den Spieleretat ihres einzigen gefühlten Konkurrenten, Borussia Dortmund, finanzieren könnten.  Eine Liga, in der die Bayern aus den Erlösen ihrer Fanartikel-Verkäufe die Gesamtetats von mindestens fünf Bundesligisten finanzieren können, befindet sich in einer wettbewerblichen Schieflage. Wer zweifelt daran, dass die Bayern in einigen Jahren einen Marktanteil bezogen auf den Gesamtumsatz der Liga von über 40% haben werden?  Spätestens dann ist die marktbeherrschende Stellung eindeutig und  das Bundeskartellamt müsste einschreiten.

Doch es geht bei einer wettbewerbspolitischen Betrachtungsweise nicht nur um die Bayern.  Da sich in den nächsten Jahren  immer dieselben  Klubs für die Champions League qualifizieren und somit auch diese von den zusätzlichen Geldern aus den UEFA-Töpfen profitieren werden,  ist der Weg in eine wettbewerbswidrige Dreiklassengesellschaft (Bayern, die CL-Teilnehmer, die restlichen 13 Klubs) nicht aufzuhalten. Bereits jetzt erzielen die CL-Teilnehmer einen Umsatz von über 50% am Gesamtumsatz der Bundesliga. Tendenz: steigend. Bei Red Bull Leipzig ist es nicht nur die fehlende Tradition, die den Klub bzw. das Unternehmen in einem unsympathischen Licht erscheinen lassen. Beunruhigend ist vor allem die Finanzmacht von Global Playern wie Red Bull, die zu weiteren, inakzeptablen Wettbewerbsverzerrungen führen.

Obergrenzen für Gehälter und Ablösesummen wären eine Chance für den Sport. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Gehaltsspirale ist europaweit ein treuer Begleiter des Kommerzfußballs geworden. Jeder neue Fernsehvertrag beinhaltet den Anstieg der TV-Rechteerlöse. Wenn durch die Festlegung einer Obergrenze jeder Klub nur 50 Prozent  seiner Einnahmen für den Spieleretat und die Ablösesummen ausgeben darf, wird dies dazu führen müssen, dass nicht nur die Milliarden hohe Verschuldung der europäischen Topklubs insgesamt auf ein erträglicheres Maß zurückgeführt wird, sondern es wird auch eine erhöhte  Wettbewerbsintensität  in der Bundesliga zu beobachten sein.  

Transparenz ist die Voraussetzung für den Erhalt eines fairen Wettbewerbs. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ein jedes Jahr ein wenig stolzer verkündet Christian Seifert, der Geschäftsführer der DFL,   im Bundesligareport ein neuerliches wirtschaftliches Wachstum der Bundesligaklubs insgesamt. In der Tat sind die Zahlen beeindruckend.  Die DFL hat zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte aufzuweisen. Dennoch: Solange nicht jeder Klub durch die DFL dazu verpflichtet wird, im Sinne eines Financial-Fair-Play  seine wirtschaftlichen Daten wie Umsätze, Gewinne, Transferkosten und-erlöse sowie die Spielergehälter ab zum Beispiel  1.500 Mio. Euro  offenzulegen,  sind Eingriffe zur Wiederherstellung einer  wenn auch nur relativen Chancengleichheit und somit zu einem spannenderen Wettbewerb zwischen den Klubs nicht möglich. Ich fürchte, genau dies ist von interessierter Seite auch so gewollt. Doch es gilt: Ohne eine Verbesserung der Chancengleichheit verliert der Wettbewerb als Sozialprinzip seine Legitimation.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.