Mehr als Rückgabe Das koloniale Erbe sichtbar machen

Bild von Kirsten Kappert-Gonther und  Robert Hodonyi
Grünen-Politiker

Expertise:

Kirsten Kappert-Gonther ist Grünen-Politikerin aus Bremen und seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags. Robert Hodonyi leitet das Wahlkreisbüro von Kirsten Kappert-Gonther und ist Mitglied der Kulturdeputation der Bremischen Bürgerschaft.

Die Debatte um Restitutionen hat an Fahrt aufgenommen, sie findet bisher vor allem in Feuilletons statt. Aber sie muss raus auf die Straße, rein in die Gesellschaft, die Museen, die Unis, die Schulen.

Die Bundesrepublik leidet an kolonialer Amnesie. Die koloniale Fremdherrschaft über Teile Afrikas, Ozeaniens und Chinas ist noch immer ein verdrängtes Kapitel unserer Geschichte. In der offiziellen Erinnerungskultur der Bundesrepublik wurden die deutsche Kolonialherrschaft, die damit verbundenen Verbrechen und der antikoloniale Widerstand bisher kaum berücksichtigt.

Doch mittlerweile kommt Bewegung in die Sache. Entscheidenden Anteil daran haben die vielen lokalen und überregionalen migrantisch-diasporischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, wie zum Beispiel vom bundesweiten Bündnis Decolonize, die den Kolonialismus und dessen Kontinuitäten seit vielen Jahren zum Thema machen. Ausschlaggebend war die Ankündigung des französischen Staatspräsidenten Macron Ende 2017, innerhalb von fünf Jahren die Voraussetzungen für die Rückgabe afrikanischen Kulturguts zu schaffen.

Demut und die Abgabe von Deutungshoheit sind die entscheidenden Imperative.

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Nach fast 100 Jahren politischen Dornröschenschlafs hat die Debatte zum kulturpolitischen Umgang mit dem kolonialen Erbe an Fahrt aufgenommen und ist auf Grünen-Initiative hin endlich auch im Plenum des Bundestages angekommen. In unserem Antrag zeichnen wir konkrete Schritte auf, wie eine kulturpolitische Aufarbeitung des Kolonialismus ausgestaltet werden kann. Demut und die Abgabe von Deutungshoheit zugunsten der Nachfahren der Kolonialisierten sind für uns Grüne die entscheidenden Imperative.

Zuletzt haben sich die 16 Bundesländer und der Bund im Rahmen der Kulturministerkonferenz auf „Erste Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ verständigt. Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände wollen künftig bei Restitution, Provenienzforschung und Digitalisierung stärker an einem Strang ziehen, eine gemeinsame Anlaufstelle schaffen und eine Priorisierung von Rückgaben treffen. Diese Schritte sind richtig.

Ein Gesamtkonzept zur Aufarbeitung des Kolonialismus wäre notwendig.

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Es wird entscheidend sein, die Debatte nicht zu verengen und keine Angst vor der eigenen Courage zu haben. Ein Gesamtkonzept zur Aufarbeitung des Kolonialismus fehlt in dem Papier. Dabei haben Länder wie Berlin, Hamburg und Bremen doch erste Blaupausen geschaffen, die als Orientierungspunkt dienen können. Ein solches Gesamtkonzept wäre notwendig, denn die Restitutionsdebatte greift tiefer als Fragen um materielle oder rechtliche Rückgaben von „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“. Es geht darum, den fundamentalen Unrechtscharakter des Kolonialismus anzuerkennen und mit tradierten Behauptungen von Ungleichwertigkeit aufzuräumen.

Kolonialismus beruht auf der Idee von Ungleichwertigkeit - und gehört überwunden.

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Es ist deswegen begrüßenswert, dass die fünf Länder Bremen, Hamburg, Berlin, Thüringen und Brandenburg eine Protokollerklärung abgegeben und klarer Position bezogen haben. Die Protokollerklärung benennt, was der Kolonialismus war und in vielen Köpfen noch ist, nämlich „ein auf Vorstellungen kultureller und biologischer Ungleichwertigkeit basierendes System von Herrschafts-, Gewalt- und Ausbeutungsverhältnissen, das in den Gesellschaften der Kolonisierten wie der Kolonisierende nachhaltige Spuren hinterließ, die bis heute wirken.“

Wie kann nun eine breite gesellschaftliche Debatte über einen verantwortlichen Umgang mit unserem (post-)kolonialen Erbe geführt werden? Die Debatte um Restitutionen hat zwar unzweifelhaft an Fahrt aufgenommen, findet jedoch vor allem in Feuilletons statt. Das Wissen um die deutsche Kolonialherrschaft einerseits, den kulturellen, ökonomischen und intellektuellen Reichtum des präkolonialen Afrikas andererseits ist jedoch bisher gesamtgesellschaftlich nur unzureichend verankert.

Deutschland war keine unbedeutende Kolonialmacht.

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Hartnäckig hält sich die Meinung, Deutschland sei eine unbedeutende und harmlose oder sogar positiv wirkende Kolonialmacht gewesen. So behauptete jüngst der Gründungsintendant des Humboldt Forums, Horst Bredekamp, Deutschland sei – trotz letztlich erfolgloser Bestrebungen – keine Kolonialmacht gewesen. Und der Afrika-Beauftragte der Bundeskanzlerin, Günter Nooke, argumentierte gar, der Kolonialismus habe dazu beigetragen, Afrika „aus archaischen Strukturen zu lösen“. Anlässlich der Restitution der Bibel und Peitsche von Hendrik Witbooi an Namibia durch das Linden-Museum in Baden-Württemberg, twitterte Cem Özdemir: "Deutschland war eine Kolonialmacht. Wir müssen uns endlich diesem furchtbaren Erbe stellen, es in die Schulen tragen, politisch aufarbeiten & dabei alle Betroffenen einbeziehen. Die Rückgabe von Kulturgütern ist wichtiger erster Schritt." Die unzähligen ablehnenden und hasserfüllten Kommentare unter seinem Tweet offenbaren:  Es gibt noch viel zu tun!

Die Aufarbeitung des Kolonialismus braucht eine institutionell und rechtlich abgesicherte Infrastruktur.

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Wir brauchen nicht nur eine Überprüfung der bisherigen Restitutionspraxis und Ausstattung der Provenienzforschung in Bund und Ländern sowie mehr europäische Kooperation. Dringend notwendig sind vielmehr eine grundlegende Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur und ihrer Narrative sowie die Einbettung in den europäischen Kontext der Kolonialisierung. Die Aufarbeitung des Kolonialismus braucht deswegen selbstverständlich eine institutionell und rechtlich abgesicherte Infrastruktur, wie wir Grüne sie in unserem Antrag fordern. Damit wird die Notwendigkeit der Restitution von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut und die Singularität der Menschheitsverbrechen der Shoa selbstverständlich in keiner Weise relativiert oder reduziert.

Das koloniale Erbe muss aufgearbeitet werden: in der Zivilgesellschaft, in den Schulen, Universitäten und Museen.

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Wir Grüne wollen eine systematische und breite Aufarbeitung des kolonialen Erbes: in der Zivilgesellschaft, in den Schulen, Universitäten und Museen - und eben auch im Zentrum der Republik. Exemplarisch ist der offizielle Umgang mit dem (post-)kolonialen Erbe in Berlin, dem politischen Zentrum des deutschen Kolonialismus. Hier fand 1884/85 die Afrika-Konferenz statt, in deren Rahmen der afrikanische Kontinent willkürlich zwischen den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt wurde – mit verheerenden Folgen bis heute.

Eine Gedenktafel auf dem Garnisonsfriedhof ist zu wenig. 

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Bis auf eine Gedenktafel auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin-Neukölln vor einem Findling, der die deutschen Kolonialverbrechen beschönigen und heroisieren soll, finden sich jedoch keine Gedenkorte in der Bundeshauptstadt. Zivilgesellschaftliche Initiativen, die für ein öffentliches Denkmal für die Opfer von Kolonialismus und Versklavung eintreten, finden politisch bisher zu wenig  Gehör.

Wir brauchen eine sichtbare Erinnerungsstätte - unabhängig vom Humboldt Forum.

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Zum Zwecke der Aufarbeitung unseres kolonialen Erbes braucht es aber eine zentrale und sichtbare Stätte des Erinnerns und Lernens in Berlin – und zwar unabhängig vom Humboldt Forum. Die Erinnerungs- und Lernstätte soll zur Erinnerung an die deutsche und europäische Kolonialherrschaft speziell in Afrika und der damit verbundenen Verbrechen dienen, die Thematik des kolonialen Erbes und des antikolonialen Widerstandes in ihren unterschiedlichen Facetten angemessen aufarbeiten und diese Epoche multiperspektivisch beleuchten.

Eine offene Erinnerung kann die Formel vom "transkulturellen Dialog" mit Leben füllen.

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Nicht zuletzt kann die Entwicklung eines solchen Orts des Erinnerns und Lernens dazu beitragen, die Debatte um die Aufarbeitung der Kolonialherrschaft in der Gesellschaft sowie in der kulturellen und politischen Bildung zu verankern. In einer offenen Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus kann die oft formelhafte Rede vom transkulturellen Dialog endlich mit Leben gefüllt werden. Dadurch sollen  Veränderungsimpulse für Gegenwart und Zukunft gewonnen werden. Verdrängung und Leugnung sind keine Lösung, denn wer die Vergangenheit verdrängt trifft falsche Entscheidungen für Gegenwart und Zukunft.

 

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