Architektur und Städtebau in Berlin Wohnregale statt neue Einfamilienhausstraßen

Bild von Jean-Philippe Vassal
Architekt

Expertise:

Jean-Philippe Vassal, 62, Pariser Architekt, ist bekannt dafür, gemeinsam mit seiner Partnerin Anne Lacaton Gebäude, die als Abrisskandidaten gelten, mit Hilfe von günstigen Baumaterialien zu spektakulären Gebäuden zu veredeln. Für den Umbau des Tour Bois le Pretre in der Banlieue von Paris erhielten die beiden Architekten den wichtigsten Architekturpreis Frankreichs "Equerre d'argent".

Mir schwebt eine Kombination aus dem Berliner Block mit Hochhäusern wie in Buenos Aires vor  - und dem partizipatorischen Prinzip, das Frei Otto bei seinen Öko-Häusern im Tiergarten schon einmal durchspielte.

In Berlin ist die beste städtebauliche Referenz für einen zeitgenössischen Wohnungsbau meiner Meinung nach die Blockrandbebauung der Gründerzeit. Wenn man sich zum Beispiel den Block zwischen Prenzlauer Allee, Immanuelkirchstraße und Marienburger Straße ansieht, erkennt man, dass er mit 200 bis 250 Meter Seitenlänge und circa vier Hektar Grundfläche sehr interessante Qualitäten in Bezug auf Dichte und Nähe zwischen den Gebäuden bietet. Der Block beinhaltet mehr als tausend Wohnungen in Kombination mit zahlreichen Dienstleistungen, Geschäften, sozialen Einrichtungen, Werkstätten und Büros zur Versorgung der Bewohner. Im Inneren befinden sich viele Höfe, die teilweise miteinander verbunden sind.

Die Berliner Blockrandbebauung sollte weiterentwickelt werden - mit viel Glas und doppelt so hoch.

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Eine zeitgenössische Adaption des Berliner Blocks sollte seine Qualitäten weiterentwickeln und seine Mängel beheben. Statt massiver Mauern sollten sich verglaste Fassaden zu Balkonen oder Wintergärten hin öffnen. Durch Reflektion in den Hoffassaden würde das natürliche Licht tiefer in die Höfe geleitet. So könnten in den Höfen üppige Gärten zu einladenden Aufenthaltsorten werden. Das Erdgeschoss wäre viel offener, Fußgängerpassagen würden das Durchqueren der Blöcke und das Nutzen der Angebote im Inneren ermöglichen. Tiefgaragen könnten die Anzahl der Stellplätze im Straßenraum reduzieren. Die bindende Vorgabe der Traufhöhe von 22 Meter sollte weniger streng ausgelegt und die Möglichkeit, zwei bis drei zusätzliche Geschosse auf dem Dach anzuordnen, gefördert werden. In zentralen oder verkehrsgünstig gelegenen Bereichen der Stadt könnten wie bei der modernen Stadtplanung von Mario Roberto Alvarez in Buenos Aires aus dieser Typologie Blöcke mit 50 bis 60 Meter Höhe entwickelt werden.

Mehr Dichte zu schaffen, indem man sich vom Berliner Block inspirieren lässt, heißt mehr Wohnungen zu bauen, mehr Dienstleistungen, Geschäfte, Werkstätten und Büros. Mehr Dichte zu schaffen, muss aber auch heißen, jedem Bewohner mehr Raum und Komfort zur Verfügung zu stellen, indem man kostensparend und qualitativ hochwertig baut und dabei weniger Fläche zu verbrauchen, um Parks, Gärten, Wälder, Lücken, Freiräume und den Charakter der Stadt erhalten zu können.

Anstatt neue Wohnstraßen anzulegen, sollten Wohnregale aus Beton gebaut werden, worauf sich kleine Häuser stapeln.

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Die interessanteste Referenz für den zeitgenössischen Wohnungsbau ist und bleibt jedoch für mich das System, das Frei Otto während der IBA 1987 für die Ökohäuser im Tiergarten vorgeschlagen hat. Es zeigt, dass man mehrere große Wohngebäude auf einer schwierigen Parzelle errichten und die vorhandenen Bäume erhalten kann, indem man ein Minimum der Grundfläche nutzt. Eine Rohbaustruktur aus Beton mit zwei Ebenen auf sechs und 12 Meter Höhe ermöglicht es, dass zweigeschossige Häusern mit Gärten – Maisonettes – darauf gebaut und dazwischen gebaut werden können. Die Ebenen sind die durch Treppen verbunden. In einem partizipativen Prozess kann jeder der Bewohner sein eigenes Haus entwerfen. Die Gebäude sind ökologisch und funktionieren auf Grundlage bioklimatischer Prinzipien mit Wintergärten, Photovoltaik, Vorhängen und sind je nach Jahreszeit durch den Baumbestand vor der Sonneneinstrahlung geschützt. 26 Häuser mit Gärten pro Etage, auf drei Gebäude verteilt, von der Straße fast nicht sichtbar und mit einem sehr schönen, gemeinsamen Garten – ein wunderbarer Ort, um ökologisch zu wohnen.

Ich frage mich warum solche Projekte Experimente geblieben sind und nicht reproduziert wurden? Meines Erachtens müsste man in einem größeren Maßstab denken und Berlin neu erfinden: Stellen Sie sich eine Kombination aus der Berliner Blockrandbebauung mit der Architektur der Wohnhäuser in Buenos Aires vor, umgesetzt in einem Prozess wie dem der Ökohäuser von Frei Otto!

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Wohnungsbau zwischen Ästhetik und Profit: Wie soll Berlin wohnen?

Dieser Text ist Teil der Debatte zu Berlins Wohnungsbauarchitektur auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Weitere Debattenbeiträge international bekannter Architekten finden Sie hier.

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Wer hat Vorfahrt in Berlin - Radfahrer oder Autos? Verkehrsexperten und Politiker diskutieren.

 

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