Architektur und Wohnungsbau in Berlin Wir brauchen wieder Typenhäuser - wie in der guten alten DDR

Bild von Arno Brandlhuber
Architekt

Expertise:

Arno Brandlhuber, 52, ist Architekt und Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Zu Beginn seiner Karriere baute er unter anderem das Neanderthaler-Museum in Mettmann. Bekannt wurde er durch sein Atelierhaus in der Brunnenstraße in Mitte, das er selbst entwarf und für das er viele Preise bekam. Er kuratiert auch Ausstellungen wie „Dialogic City“ 2015 in der Berlinischen Galerie.

Die Frage, die mich umtreibt, lautet nicht: Wie soll Berlin aussehen? Sondern: Für wen soll die Stadt zugänglich sein? Es handelt sich nicht um ein ästhetisches Thema, sondern um ein politisches: Lassen wir Vielfalt zu, oder igeln wir uns ein?

Eines möchte ich kurz vorausschicken: Es handelt sich um keine Berliner Unsitte, dass zurzeit so viele Eigentumswohnungskomplexe in historisierendem Stil gebaut werden. Ich war kürzlich in Teheran. Dort sehen die neuen Apartmenthäuser ganz genauso aus: die selbe Loggienarchitektur, die häufig mit Zierrat wie Gesimsen und Rundbögen versehen ist. Im Iran nennt man das „Roman Style“.

Geschmacklich sind wir uns ja ziemlich einig, es bedenklich zu finden, wenn neue Häuser so tun, als wären sie alt. Ironischerweise bewohnen aber diejenigen, die nostalgische Neubauten besonders vehement ablehnen, oft Häuser, die nach einem ähnlichen Prinzip gestaltet sind – nur hundert Jahre zuvor. In der Gründerzeit gab es Kataloge mit Gipsdekoren, die damals bereits historisierend waren. Je nachdem, wie opulent diese Dekore an einer Fassade angebracht wurden, sollte das signalisieren, ob ein Haus mehr oder weniger hochwertig war. Diese Art von Bildregie ist in Berlin also bereits eine geübte Praxis, eine aktive Vorstellungsorientierung.

Mir geht es in meiner Kritik nicht um das Stadtbild. Die Frage, die mich umtreibt, lautet nicht: Wie soll Berlin aussehen? Sondern: Für wen soll die Stadt zugänglich sein? Es handelt sich nicht um ein ästhetisches Thema, sondern um ein politisches: Lassen wir Vielfalt zu, oder igeln wir uns ein? Diese Frage wird auch in Gebäuden verhandelt. Am plakativsten wird das bei den Gated Communities wie zum Beispiel den Prenzlauer Gärten am Friedrichshain sichtbar. Vorne gibt es eine Art Tor: in dem Fall mit Pförtnerhäuschen, aber ohne Schranke. Der Raum dahinter ist jedenfalls zu bestimmten Zeiten nicht mehr öffentlich, sondern rein privat.

Wer günstige Mieten will, muss billiger bauen

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Weniger offensichtlich, aber viel weitreichender hängt die Zugänglichkeit einer Stadt von den Mietpreisen ab. Das heißt: Wollen wir die städtische Mischung erhalten, brauchen wir viel mehr günstige Wohnungen. Da sich die Mieten direkt proportional zu den Baukosten verhalten könnten, müsste billiger gebaut werden. Wenn man Haus an Haus setzt, jeweils 15 Meter breit, jedes nach einem eigenen Entwurf, wie es in der Gründerzeit üblich war, wird das nicht möglich sein. Man sollte Typenhäuser entwerfen mit vorgefertigten Teilen, wie in der guten alten DDR, die aber so nicht mehr aussehen müssen. In der seriellen Produktion liegt eine Ersparnis von 20 Prozent. Auf die Miete umgelegt, würde eine Wohnung dann anstatt zehn Euro nur noch acht Euro pro Quadratmeter kosten müssen. Ich denke an Gebäude von sieben bis acht Geschossen. Wenn ein Haus höher wird, steigen die Baupreise sprunghaft an. Zum Beispiel, weil dann mehrere Aufzüge und Fluchtwege verlangt werden.

Die Wohnungsbaugesellschaften planen nur für Familien, dabei wohnen viele in anderen Konstellationen zusammen.

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Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind ausdrücklich von der Politik damit beauftragt worden, die Wohnungsnot im mittleren und unteren Preissegment zu lindern. Doch in den Quartieren, die sie bauen, reproduzieren sie Wohnvorstellungen der Nachkriegszeit, nur mit höheren Standards: wärmegedämmt, schallgeschützt. Die Wohnungen sind auf Kernfamilien zugeschnitten – Wohnzimmer, Küche, verschiedenen Schlafzimmer –, obwohl immer weniger Menschen in dieser Konstellation leben. In Berlin sind es gerade noch 25 Prozent. Weil zurzeit der Zuzug nach Berlin so groß ist, werden die Wohnungen den Wohnungsbaugesellschaften abgenommen. So fällt nicht auf, dass ihr Produkt aus der Zeit gefallen ist.

Aber auch die Politik selbst ist am Zug, indem sie zum Beispiel in Gewerbegebieten Nutzungsmischungen zulässt, diese also fürs Wohnen öffnet. Die Bundesbauministerkonferenz diskutiert das bereits unter dem Begriff „Urbane Gebiete“.

Doch in Lichtenberg passiert gerade das Gegenteil. In der Herzbergstraße vor dem Dong Xuan Center, der großen vietnamesischen Markthalle, steht ein Straßenzug mit Gründerzeit-Wohnhäusern leer. Die Straße gehört zu einem Gewerbegebiet. Normalerweise gibt es für Wohngebäude, die auf solchen Flächen liegen, Bestandsschutz. Doch weil die Häuser in der Herzbergstraße mehr als zehn Jahre leer stehen, ist der Schutz erloschen.Ich bin gerade auf der Architekturbiennale in Venedig. Dort wird das Dong Xuan Center im deutschen Pavillon als vorbildliche „Arrival City“ abgefeiert – als ein Ankunftsort für Migranten, an dem sich die Gesellschaft neu mischt, ohne dass dafür staatliche Integrationsprogramme nötig sind. Menschen aus der vietnamesischen Community würden in den Häusern der Herzbergstraße sicher gerne leben. Doch die Stadtplanung von Lichtenberg unterbindet die Selbstorganisationskompetenz dieser Migranten, in dem sie die Ansiedlung emissionsstarker Gewerbe privilegiert. Sie schließt komplexere Nutzungsszenarien aus, selbst in den Gebäuden, die seit hundert Jahren stehen. Das kann nicht sein: Wohnraumvernichtung als Kollateralschaden für falsch verstandene Wirtschaftsförderung! Grenzen werden eben nicht nur durch Zäune und Mietpreise gezogen, sondern auch durch die Verhinderung von Nutzungen.

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Wohnungsbau zwischen Ästhetik und Profit: Wie soll Berlin wohnen?

Dieser Text ist Teil der Debatte zu Berlins Wohnungsbauarchitektur auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Weitere Debattenbeiträge international bekannter Architekten finden Sie hier.

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