Architektur und Wohnungsbau in Berlin Nüchternheit ist ein Merkmal von Berlins Kultur

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Senatsbaudirektorin

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Regula Lüscher, 54, ist Architektin und Stadtplanerin. Seit 2007 ist sie Senatsbaudirektorin von Berlin.

Wir brauchen schnell viele Wohnungen. Dabei kann es nötig sein, auch über Standards zu sprechen, sagt die Senatsbaudirektorin von Berlin, Regula Lüscher.

Berlin braucht zehntausende neuer Wohnungen, wir brauchen sie schnell - und schön sollen sie auch noch sein. Der Tagesspiegel nennt in der Überschrift dieser Debatte „Ästhetik und Profit“ als zwei Pole. Geht es darum?

Wenn gegenwärtig und in den kommenden Jahren viel gebaut wird – von dem Lückenschluss bis zum neuen Wohnquartier und vom Mehrfamilienhaus bis zum Wohnhochhaus, dann geht es um die Frage: Wie wollen wir in Zukunft wohnen – in welchen Quartieren, in welchen Gebäuden und zu welchem Preis? Dabei geht es um architektonische Qualität – aber nicht abstrakt um Ästhetik. Architektur hat die Aufgabe, die Bedürfnisse nach gutem und bezahlbarem Wohnen zu realisieren und dies in einem städtebaulichen Umfeld, in dem die Menschen sich gerne aufhalten.

Dabei geht es um bezahlbares Wohnen für viele Menschen. Das muss bauliche Qualität nicht ausschließen. Es ist vielleicht ein besonderes Kennzeichen Berlins, dass sich die Gestaltung unseres Wohnungsbestandes seit jeher eher durch eine gewisse Nüchternheit und Zurückhaltung auszeichnet. Das ist kein Mangel, sondern ein Merkmal städtischer Kultur.

Architektur sollte sich nicht im Sinne der Vermarktung durch historisierende Gestaltungselemente hervortun wollen.

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Eher entsteht dort ein fragwürdiges Bild, wo sich Architektur im Sinne der Vermarktung „hervortuen“ will. Kritik wird in diesen Zeiten immer wieder daran geübt, wie Investoren durch verkaufsorientierte Ästhetik mit ihren Bauten das Stadtbild einseitig beeinflussen. Da wird nicht selten versucht, zum Beispiel mit historisierenden Gestaltungselementen auf- oder aus dem Rahmen zu fallen. Eine solche Architektur wird nicht immer zu verhindern sein.  Im Rahmen des Baurechts gibt es nur in bestimmten Fällen Korrekturmöglichkeiten, wenn es um die Gestaltung eines Gebäudes geht. Bei Ästhetikfragen stehen auch die Bauherren in der Pflicht, denn sie sind diejenigen, die Architekten beauftragen und bezahlen.

Ein Mittel, die Qualität des Bauens entscheidend zu steigern, besteht zu allererst darin, dass Bauherren Wettbewerbe für qualitativ gute Entwürfe durchführen. Einen zusätzlichen Beitrag für eine qualitätvolle Gestaltung versucht der von mir vor vielen Jahren ins Leben gerufene Gestaltungsbeirat, das „Berliner Baukollegium“, zu erreichen. Hier werden Bauprojekte im Dialog vor allem auf ihre Qualität im Stadtraum, ihre gestalterische Qualität aber auch ihre angemessene Nutzungskonzeption, hin untersucht. Die Erfahrung zeigt, dass Bauherren, die sich diesem Verfahren (freiwillig) unterziehen, für ihr Projekt in aller Regel etwas Positives tun. Das heißt: Wer will, kann etwas für die Baukultur tun.

Jenseits dieser generellen Überlegung für Qualität im städtischen Bauen gilt: Die herausragende neue Anforderung an das Wohnen ist, sehr unterschiedliche und sich schnell wandelnde Bedürfnisse zu berücksichtigen und architektonisch umzusetzen. Da ist zum einen die durch die steigende Zahl von Single-Haushalten verstärkte Nachfrage nach kleinen Wohnungen. Gleichzeitig nehmen allerdings auch wieder der Wunsch nach familiengerechten, größeren Wohnungen und das Bedürfnis nach gemeinschaftlichen Wohnformen zu. Individualisiertes und gemeinschaftliches Wohnen sind gewissermaßen gegensätzliche Ausdrücke der gleichen Entwicklung. Hinzu kommen die Bedürfnisse von immer mehr Menschen, die Wohnen und Arbeiten miteinander verbinden wollen (oder sogar müssen). Schließlich suchen mehr Menschen gerade in Berlin temporäre Wohngelegenheiten – seien es Studenten oder Menschen, die nur zeitweise an einem Ort leben.

Architektur ist also gefordert, neue Lösungen für neue Wohnbedürfnisse zu finden. Hinzu kommt die Forderung nach rationellerem und damit preisgünstigem Bauen. Hier wird gerne die Bedrohung durch eine „Einheitsbauweise“ bemüht. Mir scheint weniger die Angst vor der „Fabrikation“ als die Angst vor schlechter Architektur berechtigt. Gute Entwürfe setzen Maßstäbe und formen das Stadtbild

Neue Wohnungen sollten innerhalb der städtischen Bebauung entstehen und nicht an den Rändern.

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Jenseits der Wohnungsorganisation treibt die Menschen um, wie der Ort beschaffen sein soll, wo jeder wohnen will. Die Stadt übt eine große Anziehungskraft auf die Menschen aus, und daher wollen die meisten auch in das Innere der Stadt, ohne aber auf Grün und Freiräume verzichten zu müssen. Genau diese Bedürfnisse nach dem urbanen Wohnen hat der Senat im Blick, wenn er den Wohnungsneubau vorrangig innerhalb der städtischen Bebauung realisieren will und erst in zweiter Linie durch den Bau völlig neuer, zusätzlicher Quartiere. Dabei gilt: Wer Freiraum erhalten will, muss dichter bauen. Daher geht es heute ganz besonders darum, das gute Wohnen auf begrenztem Raum weiter zu entwickeln, Privatheit und Gemeinschaft, Leben und Arbeit zu verbinden, kurz: Entwurf für Entwurf neue Maßstäbe für den Wohnungsbau zu setzen.

Mit dem Ideenwettbewerb „Urban Living“ und dem anschließenden Verfahren für einen experimentellen Wohnungsbau hat der Berliner Senat wichtige Vorarbeiten geleistet, wie ein Wohnungsbau für die Zukunft aussehen kann. Die ersten praktischen Ergebnisse werden jetzt an unterschiedlichen Stellen wie in der Köpenicker Straße und auf der Fischerinsel in Mitte, oder an der Briesestraße in Neukölln realisiert.

Wir müssen schnell viele und gute Wohnungen bauen. Dabei kann es notwendig werden, über Größe und Standards zu sprechen. Aber auch dies ist klar: ein nachhaltiges Stadtmanagement braucht Mindeststandards im Wohnungsbau zum  Beispiel in klimatischer Hinsicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob Wohnungen für Berlinerinnen und Berliner, für Zugezogene, für gut verdienende oder für Geflüchtete gebaut werden.

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Wohnungsbau zwischen Ästhetik und Profit: Wie soll Berlin wohnen?

Dieser Text ist Teil der Debatte zu Berlins Wohnungsbauarchitektur auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Weitere Debattenbeiträge international bekannter Architekten finden Sie hier.

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