Architektur und Wohnungsbau in Berlin Moralische Appelle für preiswerten Wohnungsbau sind ein Fehler

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Architekt

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Benedict Tonon ist Architekt und emeritierter UdK-Professor. Gerade entsteht in Weimar das neue Bauhaus-Museum, das er gemeinsam mit Heike Hanada entworfen hat.

Die Appelle an das preiswerte Wohnen sind falsch. Ästhetik ist mehr als eine Profitstrategie. Wir Architekten müssen durch unsere Gestaltung dafür sorgen, dass sich die Menschen in ihren Wohnhäusern auch beheimatet fühlen, sagt Benedict Tonon.

Ich halte es für einen Fehler, wenn Architekten mit ihren moralischen Appellen für preiswerten Wohnungsbau das Ästhetische als eine Funktion des Profits abtun. Als sei es nur dazu da, damit sich die Wohnungen teurer verkaufen lassen. Meiner Meinung nach wird der leiblichen, emotionalen Seite von Architektur zu wenig Beachtung geschenkt.

Der Architekt Álvaro Siza erzählte mir einmal, wie er zunächst geschockt davon war, dass die Stadt Berlin gänzlich rationalen Prinzipien zu folgen schien: ein Häusermeer, das in Blocks und Stadtteile gerastert war. Diese formale Strenge löst sich in eine unendliche Repetition von Fenstern auf, die im Historismus plastisch aus den Fassaden herausgearbeitet wurden. Nur an den Blockecken kommt das expressive Begehren der Erbauer zum Ausdruck, die sich sonst ins Einerlei fügen mussten.

Die Funktion von Architektur ist es, durch ihre Gestaltung Geborgenheit und Beheimatung zu schaffen.

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Das menschliche Wesen wird in das Einerlei der Gesellschaft hineingeboren oder später hineingenötigt. Doch es gibt eine emotionale Kraft, mit der der Mensch nach einem Ausdruck für seine Individualität sucht - auch in Gegenständlichem: Er identifiziert sich - mit dem und in dem er lebt. Hier kommt die Architektur ins Spiel, deren Funktion es ist, durch ihre Gestaltung Geborgenheit und Beheimatung zu schaffen.

Die Identifikation beginnt mit den Dingen, mit denen ich mich in meinem Zimmer umgebe. Sie setzt sich fort im Haus, in dem in der Großstadt auch andere wohnen und das so etwas wie ein Ankerplatz der Selbstbegegnung ist. Ich finde mein Haus wieder, wenn ich irgendwo anders herkomme.

Der kreative Spielraum von uns Architekten besteht darin, das Einzelne mit dem Ganzen in Beziehung zu setzen, das Besondere mit dem Allgemeinen, und das auf verschiedenen Ebenen. Wie verhält sich ein Haus zur Häuserzeile, in der es steht? Wie verhält sich das Ensemble von Häusern zum umgebenden Kiez, wie der Kiez zum Stadtteil? Wir Architekten gestalten Stadtraum, indem wir das Verhältnis vom Singulären zum Allgemeinen, vom Individuellen zum Gemeinschaftlichen für jede Situation neu denken. Streben Architekten auf allen Ebenen nach dem Besonderen, löst sich die Textur von Stadt auf.

Jedes Haus sollte eine Identifikation des Einzelnen mit seinem Wohnort stiften.

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Als Álvaro Siza zur IBA ein im Krieg zerstörtes Eckhaus neu aufbaute, hat er nicht gegen Kreuzberg anentworfen, im Gegenteil nach einem Ausdruck für das Kreuzbergische gesucht. Dennoch ist das Haus mit seiner schwungvollen Fassade bezogen auf seine Umgebung einmalig, ein singuläres Wahrnehmungsphänomen und damit ein Moment der Identifikation des Einzelnen mit seinem Wohnort.

Als die Gerüste noch standen, war eines Morgens eine Aufschrift „Bonjour Tristesse“ an den Giebel geschrieben. Der Titel eines Romans Francoise Sagan, durch den sich Trostlosigkeit zieht als etwas, dem nicht zu entrinnen ist. Die Unentrinnbarkeit des Verdrängten führt zu dem expressiven Begehren nach dem Anderen. Derjenige, der die Inschrift  geschrieben hat, könnte in dem Haus etwas Poetisches gesehen haben: eine Befreiung von der trostlosen Umgebung. Oder er hielt die glatte, um die Block schwingende Fassade selbst für trostlos.

Siza hat es geschafft, dass der Spruch 30 Jahre so dort stehen blieb. Er unterstreicht, was Siza mit seinem Haus wollte: die Pole von Rationalität und Expressivität als architektonische Idee neu zu formen.

Zum Schluss möchte ich noch zur Durchbildung von Häusern selbst kommen. Selbst wenn man ökonomisch baut, sollte man über das Verhältnis von Haus und Stadt nachdenken. Die Hausgemeinschaft ist die erste Ebene der städtischen Sozietät. Man sollte beispielsweise überlegen, wie man aus der Stadt in das Haus herein kommt. Man spricht von einem Schwellenraum, der am besten nicht nur ein Flur, sondern ein Raum mit einer Sitzbank ist – also mit einer Möglichkeit, sich zu begegnen. Schließlich kommt die Wohnung, die man auch, wie ich es selbst in einem Entwurf für die Bebauung hinter dem Holocaust-Mahnmal einmal versucht haben, um einen Lichthof herum gruppieren könnte. Der Architekt Albert Gessner hat Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schillerstraße wunderbare Wohnungen so gestaltet, dass sie einen Rundgang um einen Lichthof anbieten. Das Geborgenheitsgefühl zentriert sich gewissermaßen in der Mitte der Wohnung und wird als Raum um das Licht erfahrbar. Das hat eine große singuläre Erlebnisqualität.

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Wohnungsbau zwischen Ästhetik und Profit: Wie soll Berlin wohnen?

Dieser Text ist Teil der Debatte zu Berlins Wohnungsbauarchitektur auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Weitere Debattenbeiträge international bekannter Architekten finden Sie hier.

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Wer hat Vorfahrt in Berlin - Radfahrer oder Autos? Verkehrsexperten und Politiker diskutieren.

 

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