Architektur und Wohnungsbau in Berlin Mehr Hochhäuser für Berlin!

Bild von Daniel Libeskind
Architekt

Expertise:

Daniel Libeskind, 70, ist ein US-amerikanischer Architekt. Er entwarf unter anderem das Jüdische Museum in Berlin und den Masterplan für die Wiederbebauung von Ground Zero in New York.

Berlin gilt zurzeit als eine der aufregendsten Städte der Welt. Warum schneidert man sich dann dieses nostalgische Kostüm? Wir leben im 21. Jahrhundert, es gibt Computer und Gentechnologie, und die Architektur hier tut so, als hätten wir noch einen Kaiser! Mein Vorschlag: Hochhäuser 

Berlin braucht kühne, hohe Häuser, die moderne Technologie repräsentieren.

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Ich finde, dass Berlin kühne, hohe Häuser gut anstehen würden, die moderne Technologie repräsentieren. Dabei sollten aber keine Höhenrekorde angestrebt werden. Berlin ist nicht Dubai. Geeignete Standorte für Hochhäuser gibt es in Berlin zuhauf. Überall im Zentrum finden sich Stellen, die nach Verdichtung regelrecht schreien. Tausende Wohnungen könnten dort entstehen. Die Stadt muss insgesamt kompakter werden, um die vielen Zuzügler zu beherbergen. Sonst ergießt sich bald ein Siedlungsbrei bis tief nach Brandenburg, und vorbei ist es mit der Seen-Idylle.

Hochhäuser an einem Ort zu konzentrieren ist falsch.

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Ich halte es für falsch, Hochhäuser an einem Ort zu konzentrieren, wie es Hans Kollhoffs Masterplan für den Alexanderplatz vorsieht. In der Pariser Satellitenstadt La Défense kann man besichtigen, was für eine Atmosphäre in solch einem Viertel herrscht. Es ist ein monotoner, unguter Ort. Nichts als Büros, niemand hält sich dort freiwillig auf. Ein teures Wolkenkratzer-Ghetto. Berlin sollte aber auch nicht London nacheifern, wo gerade über 200 Hochhäuser über die ganze Stadt verteilt entstehen. Dort gehört die Innenstadt nicht mehr den Bewohnern, sondern den Milliardären. Damit eine Stadt lebendig bleibt, ist es wichtig, dass Normalverdiener dort wohnen und arbeiten können, dass sie Unterhaltung und Kultur vorfinden. Keiner soll pendeln müssen. Hochhäuser müssen Teil einer solchen städtischen Mischnutzung sein – als soziale Gebilde, versehen beispielsweise mit Gemeinschaftsterrassen und Gastronomie im Erdgeschoss. Wenn man bloß möglichst viele Wohnungen in einen Klotz reinpackt, wird ein Hochhaus zum Gefängnis. 

Weitere Regeln, beispielsweise über die ideale Höhe von Wohnhäusern, kann ich nicht bieten. Gestaltung heißt, einen Bau für ein spezifisches Grundstück zu entwerfen. Zum Beispiel sollte ein Hochhaus einer nahe gelegenen Grünfläche nicht die Sonne nehmen, wie es die Apartmenthäuser rund um den New Yorker Central Park tun. In Warschau, wo ich das höchste Wohnhaus Europas gebaut habe, habe ich die Fassade extra so geformt, dass sie kaum Schatten auf die niedrigeren Häuser der Umgebung wirft. Meinen Warschauer Entwurf könnte ich mir vielerorts in der Stadt gut vorstellen. Zum Beispiel hinter dem Bahnhof Zoo, wo mal ein Riesenrad stehen sollte. Stattdessen wird aber in vielen Berliner Neubauten einfach der Stil der Gründerzeit imitiert. Die Bauunternehmer der Stadt sind mutlos, ihre Planer haben eine Amnesie. Wir leben im 21. Jahrhundert, es gibt Computer und Gentechnologie, und die Architektur hier tut so, als hätten wir noch einen Kaiser! Berlin gilt zurzeit als eine der aufregendsten Städte der Welt, warum schneidert man sich dieses nostalgische Kostüm? Wer nach Berlin kommt, ist von der Geschichte der Stadt fasziniert. Deshalb sollte die Architektur diese Geschichte auch aufgreifen. Aber um etwas Neues daraus zu machen. 

Ich selbst wohne in einem elfstöckigen Gebäude in Tribeca. Es stammt aus dem Jahr 1910. Für New Yorker Verhältnisse ist mein Haus niedrig. Das heißt aber nicht, dass ich flache Gebäude letztlich doch für wohnlicher halte. Ich kann mir die horrenden Quadratmeterpreise in den modernen Apartmenttürmen Manhattans nur nicht leisten.

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Wohnungsbau zwischen Ästhetik und Profit: Wie soll Berlin wohnen?

Dieser Text ist Teil der Debatte zu Berlins Wohnungsbauarchitektur auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Sie erschienen zuerst in "Mehr Berlin" im Tagesspiegel am Samstag. Weitere Debattenbeiträge international bekannter Architekten finden Sie hier. Lesen Sie dort zum Beispiel Reinier de Graaf: Rehablitiert die Platttenbauten!

Außerdem auf Tagesspiegel Causa:

Wer hat Vorfahrt in Berlin - Radfahrer oder Autos? Verkehrsexperten und Politiker diskutieren. Der Verkehrsexperte Andreas Knie zum Beispiel sagt: Na, Radfahrer natürlich.

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